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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 02/2017

Glaubwürdiges Zeugnis abgelegt

Albert Schmid hat in den vergangenen Jahrzehnten das katholische Leben in Bayern entscheidend mitgeprägt. Nach acht Jahren tritt der Vorsitzende des Landeskomitees ab. Für die Zukunft wünscht er sich mutige, selbstbewusste Laien, eine Kirche, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und Zeit für die eine oder andere Reise nach Rom.

Dr. Albert Schmid (71) hat Jura in München und Regensburg studiert, trat in jungen Jahren in die SPD ein und war bereits mit 27 Jahren berufsmäßiger Bürgermeister von Regensburg. Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt war er vier Jahre lang Staatssekretär im Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau in Bonn. Zehn Jahre lang saß Albert Schmid im bayerischen Landtag und führte von 1992 bis 1995 die SPD-Landtagsfraktion an. Von 2000 bis 2010 war er Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg. Neben seinem politischen Engagement galt sein Interesse schon immer kirchlichen Entwicklungen. Dies führte ihn vor fast 25 Jahren auch ins Landeskomitee.

Gemeinde creativ: : Acht Jahre lang waren Sie der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. Fällt der Abschied schwer?

Albert Schmid: Von einigen Menschen, die ich im Landeskomitee kennengelernt habe, fällt der Abschied natürlich schwer. Ich bin seit fast 25 Jahren Mitglied im Landeskomitee und seit acht Jahren der Vorsitzende. Da ist es aber auch an der Zeit, die Dinge in andere Hände zu legen. Ich bin sicher, dass es gut weitergehen wird.

Im Landeskomitee sind ganz verschiedene Gruppierungen vertreten. Wie findet man da einen Konsens?

Ich habe immer nach dem Motto gehandelt: So viel Konsens wie möglich und so viel Konflikt wie nötig. „Mit Konflikten leben“ lautete das Motto des evangelischen Kirchentages im Jahr 1963. Wir müssen in der Kirche lernen, das auch zu tun. „Führung“ dagegen ist ein Begriff, der sich in der Kirche nicht empfiehlt. Es geht eher darum, einen geistigen Anspruch darzustellen, in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft. Wir müssen uns einem anspruchsvollen Diskurs stellen. Es reicht nicht, wenn hochrangige Theologen sich über diese Dinge austauschen. Wir müssen diesen Austausch auch als unsere persönliche Aufgabe sehen.

Waren die Diskussionen im Landeskomitee so ein Diskurs?

Nicht immer, aber oft. Es reicht nicht nur zu moralisieren und den Zeigefinger zu erheben. Es muss auch wieder so sein, wie es in den Anfängen der Kirche war: Wir müssen Antworten auf die existentiellen Fragen der Menschen geben. Wir müssen nicht die besseren Technokraten sein in der Bewältigung von sozialen Herausforderungen, sondern wir müssen geistigen und intellektuellen Tiefgang anbieten, auf dessen Hintergrund es sich zu leben und, wenn es sein muss, auch zu sterben lohnt.

Was wird Ihnen am meisten in Erinnerung bleiben?

Das ist sicher unsere gemeinsame Romreise im Jahr 2013. Wir hatten dort viele schöne Begegnungen, konnten Kontakte knüpfen und diese wunderschöne Stadt erleben. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von einem anti-römischen Affekt in Deutschland bestimmen lassen, auch wenn aktuell diese Gefahr im Pontifikat von Papst Franziskus eher nicht besteht. Aber das kann sich auch wieder ändern.

Was hat Sie in diesen acht Jahren erschüttert, vielleicht auch wütend gemacht?

Als ich im Jahr 2009 gewählt wurde, habe ich mir nicht vorstellen können, dass so etwas wie die Missbrauchsdebatte auf uns zukommen würde. Ich habe nie ganz ausgeschlossen, dass es dieses Phänomen gibt, aber ich habe nicht im Entferntesten damit gerechnet, welche Ausmaße das dann weltweit angenommen hat. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Es geht an die Substanz unserer Kirche und hat ihre Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttert.

Welche Themen standen für Sie im Mittelpunkt?

Nach der Bankenkrise gab es eine Debatte um den Sinn des Wirtschaftens, vor allem auch darum, nach welchen Werten wir Politik und Wirtschaft ausrichten sollten. Deshalb sind wir im Landeskomitee intensiv in die „Wertekommunikation“ eingestiegen. Das Thema hat sich wie ein roter Faden durch die vergangenen Jahre gezogen. Der Staat, in dem wir leben, ist weltanschaulich neutral, aber er ist nicht wertneutral. Wir haben uns gefragt, welche Werte unserem Gemeinwesen zugrunde liegen und was für eine Verpflichtung sich für uns als Christen, mit unserem biblisch- christlichen Menschenbild und Blickwinkel daraus ergibt.

Gibt es Punkte, die nicht umgesetzt werden konnten?

Vieles bleibt unvollendet und muss oder kann nun vom neuen Präsidium aufgegriffen werden. Eines vielleicht ganz konkret: Papst Franziskus hat uns das Jahr 2016 als „Jahr der Barmherzigkeit“ geschenkt. Leider konnten wir wenig Nachweis eigenen Tuns hierfür einbringen. Deswegen habe ich auch die Frage aufgeworfen, ob es nicht ebenso sinnvoll ist, zu fragen, wo man selbst Barmherzigkeit erfahren hat.

Wie würden Sie Ihre Begegnungen mit den bayerischen Bischöfen beschreiben?

Die Treffen waren unterschiedlich, aber immer geprägt von gegenseitigem Respekt. Was aber noch wichtiger ist, von Respekt gegenüber dem apostolischen Dienst. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass man sich noch mehr gegenseitig helfen lässt.

Bei Bischöfen und Politikern mit seinen Themen Gehör zu finden ist gar nicht so leicht, wie ist es Ihnen dennoch gelungen?

Mir ging es um das Ergebnis, nicht um öffentliche Selbstdarstellung oder mediale Aufmerksamkeit. Wenn es notwendig war, eine Presseerklärung abzugeben oder einen klaren Brief zu schreiben, dann habe ich das gemacht. Wenn es aber ausreichend erschien, im persönlichen Gespräch um Einsicht für unsere Positionen zu werben, dann war mir das natürlich lieber. Im geschützten Rahmen lässt sich oft mehr erreichen, als mit einer öffentlichen Stellungnahme. Man muss dem Gesprächspartner auch die Gelegenheit zur Selbstkorrektur geben.

Sie haben immer wieder betont, die Kirche müsste mehr in „Köpfe“ investieren und weniger in Gebäude. Wie müsste es aus Ihrer Sicht weitergehen?

Ich bin damals angetreten mit einem Wort aus dem Markusevangelium: Bei euch aber soll es nicht so sein (Mk 10,43). Wir müssen vor allem in die Herzen der Menschen investieren, um ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen. Wir sind Zeugen Jesu Christi. Das ist eine Aufforderung und auch eine vitale Herausforderung an jeden Getauften und Gefirmten. Wir müssen mehr auf die Menschen setzen, das Personale steckt tief im Evangelium. Ich möchte unsere Kirche lieber sehen als Kirche, die in Menschen „investiert“, die nahe bei anderen Menschen sind, als dass ich sie als große Immobilienholding sehen möchte.

Im kommenden Jahr stehen wieder Pfarrgemeinderatswahlen an. In manchen Gemeinden wächst die Angst, dass man nicht genügend Kandidaten findet.

Ich glaube, dass die Bereitschaft sich zu engagieren dann zunimmt, wenn man merkt, dass diese Wahl wichtig ist. Und das passiert dann, wenn mehr Menschen an dieser Wahl teilnehmen. Deshalb bin ich immer schon dafür eingetreten, dass wir die Briefwahl flächendeckend in Bayern installieren, wie es sie in manchen bayerischen Diözesen schon gibt. Außerdem meine ich, dass wir aus dem konziliaren Verständnis des Laienapostolats heraus berufen sind, Zeugnis abzulegen. Das ist keine Frage, ob wir wollen oder nicht, sondern das ist eine Verpflichtung, die sich aus unserem Getauftsein ergibt.

Was wünschen Sie sich von den Pfarrgemeinden vor Ort?

Ich denke, dass wir manche liebgewonnene Aktivität da und dort fallen lassen und dafür neue Aktivitäten entfalten müssen, zum Beispiel im Bereich der Integration, indem wir uns für Zugewanderte mehr einsetzen als das bisher der Fall war und zwar dauerhaft. Ich bin der Meinung, dass wir auch gerade auf der Basis des Zweiten Vatikanischen Konzils alles tun müssen, um nicht eine bloße Klerikerkirche zu werden.

Vielerorts stehen in den kommenden Jahren pastorale Veränderungen an. Wie sollen die Menschen vor Ort mit diesen Unsicherheiten umgehen?

Die Unsicherheit wird andauern. Man begegnet ihr wahrscheinlich am ehesten mit der Frage: Was kann ich für meine Kirche tun? Es geht nicht darum, sich betreuen zu lassen, sondern sich selbstbewusst einzubringen. Die Weitergabe des Glaubens ist die Aufgabe aller. Das ist eben nicht nur eine Frage der sozialen Tat oder des Intellekts, sondern jeder soll mit seinen Gaben an der Weitergabe des Glaubens mitarbeiten.

Gibt es schon Pläne für die Zeit nach dem Landeskomitee?

Ideen und Pläne gibt es viele. Vor allem bin ich ja nicht aus der Welt. Es sind in diesen Jahren viele Freundschaften entstanden, die ich aufrechterhalten und weiter pflegen werde. Und es wird sicher auch nicht überraschen, wenn ich sage, dass ich weiterhin häufig und gerne in Rom sein werde. „Deo favente – wenn es Gott gefällt“.

Das Interview führte Alexandra Hofstätter