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Kommentar 02/2013

In meiner Schwachheit liegt deine Kraft

Von Benedikt Lika
Künstlerischer Leiter und Dirigent – Roll and Walk

Oft höre ich die Frage, wie ich trotz Behinderung, trotz Einschränkungen ein frohes und gelingendes Leben führen kann – nicht trotz meiner Behinderung, sondern mit ihr! Gerade darin liegt meine Stärke.

Ich definiere mich nicht durch meine Behinderung, ich kenne kein anderes Leben und aus ihm will ich das Beste machen. Ich habe gelernt, mich mit meinen Schwächen zu arrangieren, sie zu akzeptieren, genauso wie jeder andere sich mit seiner Augenfarbe und Schuhgröße arrangiert. Man hat sie einfach.

Mutmacher darf ich in vielen Begegnungen mit Menschen deshalb sein. So steht in den siebten Klassen der bayerischen Gymnasien das Thema „Behinderung“ auf dem Lehrplan des Religionsunterrichts und regel- mäßig werde ich von Gymnasien eingeladen. Anfangs war ich der Meinung, dass ich den Schülerinnen und Schülern aus meinem Alltag und meinen Aktivitäten in Politik und Kultur erzählen sollte, sie für einen unverkrampften Umgang mit uns Menschen mit Behinderung sensibilisieren müsste.

War es das wirklich? Bald wurde mir klar, dass ich hier einen essentielleren Beitrag zu leisten habe. Woher? Warum? Wozu?

Ich erzählte den Schülern davon, dass ich einen Sinn in meinem Dasein als Mensch mit Behinderung gefunden habe, erkannt in meinem Glauben, der mir Kraft gibt, dieses „Schicksal“ zu meistern.

Die Welt ist voller Superheldensehnsucht: höher, weiter, schneller, schöner, erfolgreicher. Das höchste Ziel aller so genannten Superhelden ist, die Welt zu retten. Und doch gibt es nur einen einzigen in der Weltgeschichte, dem dies gelungen ist, ganz ohne Superkräfte a la Superman und Co. Jesus Christus hat die Welt erlöst – durch sein Leiden am Kreuz und seinen Tod.

Diese Erlösungstat ist sicherlich nicht nur an einem Freitag vor über 2000 Jahren endgültig vollbracht wor- den, denn noch immer gibt es Krieg, Krankheit und Tod in dieser Welt. Der Kreuzestod Jesu Christi ist ohne Zeit und Raum. Menschen mit Behinderung nehmen daran teil und komplettieren ihn durch ihr Dasein – auch ich. Entscheidend ist dabei nicht die Frage nach dem „Warum?“ sondern nach dem „Wozu?“ Und wenn diese Vervollkommnung der Sinn meines Lebens ist, dann lebe ich es gerne. Wer will denn kein Superheld sein?

Behindertes Leben ist also zu wertvoll! Darf es denn dann aus vermeintlicher Fürsorge, technischem Fortschritt (PID, PND) zum Opfer fallen? Dagegen zu sein, heißt christlich zu sein.

Mag auch der Körper versehrt sein, so schenkt der katholische Glaube doch Unversehrtheit und Würde durch die Taufe.

Als Menschen mit Behinderung sind wir, gerade heute, Katalysatoren der Nächstenliebe. In der Begegnung mit uns erkennt die konsum- und erfolgskonzentrierte Machbarkeitsgesellschaft, dass Leben zerbrechlich ist und Behinderung jeden treffen kann.

Wir vergegenwärtigen Jesu Wort: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.(Mt 25,30)“ Leben gelingt nur, wo es liebt – Menschen mit Behinderung sind das Übungsfeld.

Ich träume davon, dass jeder die Chance hat auch dieses Übungsfeld zu betreten – das bedeutet Inklusion. Inklusion ist Teilhabe und Teilgabe zugleich und bringt zum Ausdruck, dass es „normal“ ist verschieden zu sein. Inklusion kann man nicht nur passiv einfordern. Auch wir Menschen mit Behinderung sind dazu aufgefordert, sie mit Leben zu füllen.

Nur wer auffällt kann die Welt verändern! Und wir fallen von Natur aus auf. Lasst uns also dieses Potential nutzen. Muten wir uns der Gesellschaft zu, sie hat sich uns lange genug zugemutet.