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Aktuelle Ausgabe

Meditation 02/2013

Bin da nicht auch ich gemeint?

Von Brigitte Wieder

Kennen Sie jemanden der eine Behinderung hat?“ Ich kenne die Familie eines geistig-behinderten Mädchens meiner Pfarrei, die ihre Tochter liebevoll umsorgt; die Schwester einer Schulkameradin aus meiner Jugendzeit mit Down-Syndrom fällt mir ein, die ich aber schon seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe; ein Firmpate wird dieses Jahr im Rollstuhl hinter seinem Neffen sitzen und ihm bei der Firmspendung die Hand auflegen. Es sind mir ein paar Menschen mit einer Behinderung bekannt, aber niemanden davon kenne ich so wirklich gut. Ich glaube, das geht vielen so. Wo haben wir im Alltag wirklich Kontakt zu behinderten Menschen?

Um Heranwachsende für dieses Thema zu sensibilisieren fahre ich jedes Jahr im Rahmen der Firmvorbereitung mit einer Gruppe von Firmbewerbern in ein Heim für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung. Dieser Termin ist jedes Jahr ein Highlight, denn der zuständige Referent für Pastoral und Öffentlichkeitsarbeit versteht es wunderbar uns Besuchern die Augen zu öffnen für das Thema „Behinderung“. Als besonders ansprechend wird bei seinen Ausführungen der folgende Text der siebzehnjährigen Christine Marberger aus Ingolstadt erlebt:

Behindert, das sind nicht nur die andern.
DAS SIND AUCH WIR.
SPRACHBEHINDERT sind wir, wenn es darum geht, die Gerechtigkeit zu vertreten.
SEHBEHINDERT sind wir, wenn es darum geht, den Anderen zu sehen.
GEHBEHINDERT sind wir, wenn es darum geht, auf die Anderen zuzugehen.
HÖRBEHINDERT sind wir, wenn es darum geht, denAnderen zu verstehen.
Und offensichtlich hat auch ein jeder seinen eigenen kleinen
HERZFEHLER.

Die Gedanken der Jugendlichen bringen es auf den Punkt: Behindert ist nicht nur der, der eine körperliche oder eine geistige Beeinträchtigung hat. Behindert das sind wir alle, denn wir sind alle nicht perfekt und das zeigt sich vor allem im Umgang mit anderen Menschen. Verstehen sie mich an dieser Stelle nicht falsch: Ich möchte das, was Menschen mit einer Behinderung in ihrem Alltag leisten und auch erdulden müssen – und mit ihnen ihre Angehörigen – nicht schmälern oder kleinreden, vielmehr möchte ich unsere Gedanken und Sinne weiten.

Bei einem Blick in die Evangelien-Texte wird deutlich, dass Menschen mit den verschiedensten Handicaps zu Jesus kamen und ihn um Hilfe baten. Und Jesus hat sie alle wahrgenommen, ihre Not verstanden, ihren Glauben gespürt, sie geheilt und sie so am Leben teilhaben lassen: die Blinden, die Gelähmten und die Taubstummen.

Wenn wir diese neutestamentlichen Heilungsgeschichten lesen, dann brauchen wir nicht mitleidig oder erstaunt auf diese behinderten Menschen zu schauen, von denen uns da berichtet wird und wir brauchen auch nicht nur an die Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung in unseren Tagen zu denken, sondern wir können uns selber fragen: Bin da nicht auch ich gemeint? Bin nicht auch ich ein Blinder, der die Not der anderen nicht sieht? Bin nicht auch ich ein Taub-Stummer, der nicht hört und nicht spricht, wenn jemand meinen Rückhalt braucht? Bin nicht auch ich ein Gelähmter, der es nicht schafft auf andere zuzugehen?

Zu Jesus hingehen und ihn um Hilfe bitten, das ist auch heilsam für unsere ganz eigenen Behinderungen im Leben. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesus uns wahrnimmt, unsere Nöte versteht, unseren Glauben spürt, uns heilend zur Seite steht und uns immer wieder neu am Leben teilhaben lässt.

„Kennen Sie jemanden der eine Behinderung hat?“ Ja, ich kenne da jemanden – sogar ziemlich gut: mich selbst.