| Schwerpunktthema 01/2012 |
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Kirche ohne Staat – Staat ohne Kirche? Vollversammlung des Landeskomitees in Prag Die erste Auslandsvollversammlung des Landeskomitees fand im November 2011 in Prag statt. Die gute Nachbarschaft der bayerischen Diözesen mit den tschechischen Nachbarn sollte auf diese Weise ihren äußeren Ausdruck finden. Im „atheistischsten aller früheren Ostblockländer“, wie Tschechien schon genannt wurde, stellte sich in besonderer Weise die Frage nach dem Staat-Kirche-Verhältnis. Von Thomas Jablowsky Redaktionsleiter Staat und Kirche brauchen sich gegenseitig, stellte der Prager Erzbischof Dominik Duka fest. Beiden gemeinsam sei der Dienst am Menschen, so wie Christus gekommen sei, um zu dienen. Ein Individuum alleine sei unfähig zu existieren. Das Leben in Gemeinschaft erfordere einen Staat, der den wirtschaftlichen und kulturellen Rahmen absteckt. Der Mensch sei darüber hinaus aber auch kultbedürftig, so sind religiöse Institutionen entstanden. Das Christentum ist insofern etwas Besonderes, weil eine internationale Gemeinschaft entstanden sei, die den Raum des Staates verlassen hat. Es tritt weltweit und überstaatlich auf, sei quasi die erste Globalisierung, so der Erzbischof. Nach dem Niedergang der Staaten am Ende der Antike habe die Kirche teilweise staatliche Aufgaben übernommen. Religion ist in der Öffentlichkeit wieder wichtig, so die These von Professor Gerhard Robbers, Verfassungsrechtler an der Universität Trier. Das zeige sich daran, dass die Gegner von Religion wieder öffentlich Stellung beziehen. Auch in der Ökumene werde wieder mehr die je eigene Position betont. Die historisch starke Partnerschaft von Staat und Kirche müsse wieder mit Leben gefüllt werden. Dafür habe das Christentum die richtigen Ansätze, so Professor Robbers. Er war kurz vor der Vollversammlung zum Präsidenten des Evangelischen Kirchentages 2013 in Hamburg gewählt worden. Die Partnerschaft von Kirche und Staat, wie sie in Deutschland praktiziert wird, ist für ihn nicht einzigartig. Die verschiedenen Systeme bewegen sich aufeinander zu. Staatskirchentümer anerkennen andere Religionsgemeinschaften als Teil ihrer Gemeinschaft, Trennungssysteme wie in Frankreich und Belgien bewegten sich auf die Kooperationssysteme wie in Polen oder Spanien zu, so Robbers. In dieser Konvergenz hin zur Kooperation liege eine Chance, die auf der Ebene der Europäischen Union (EU) auch rechtlich begründet sei. Der „Vertrag über die Arbeitsweise der EU“ regele die Mitwirkung der Kirchen in der EU „in Anerkennung ihrer Identität und ihres besonderen Beitrages“. Bischof Gerhard Ludwig Müller wies darauf hin, dass der Staat von der Kirche immer naturrechtlich begründet worden sei. Der Staat baue auf Grundrechten auf, zu der auch die Religionsfreiheit gehört. Daraus leite sich ein Selbstbestimmungsrecht des Glaubens ab, der nicht in Spannung zum Staat steht. Praktisch wirke sich das in kirchlicher Mitwirkung zum Beispiel bei Kindergärten, Schulen und besonders bei sozialen Einrichtungen wie der Caritas aus. Die Refinanzierung von Aufgaben, die die Kirche für das Allgemeinwohl wahrnimmt, werde als Leistung des Staates an die Kirche gesehen. Das stimme insofern nicht, so Müller, als die Allgemeinheit die Dienste finanzieren müsse, die der Allgemeinheit zu Gute kommen. Bischof Müller warnt davor, die Kirchensteuer aufgeben zu wollen: ein Wegfall werde nicht automatisch eine „bessere“, eine frömmere Kirche hervorbringen. „Trennung von Kirche und Staat“ ist, so Bischof Müller, ein Kampfbegriff, bei dem es nicht um die Autonomie von Kirche gehe, sondern Kirche aus der Öffentlichkeit verdrängt werden soll. Dr. Albert Schmid erinnerte an die Überschrift dieser Vollversammlung „Staat ohne Kirche - Kirche ohne Staat?“ Die Kooperation liege im Interesse des Staates. Das bedeutet keine Privilegierung der Kirche wem gegenüber auch immer. Der Nationalstaat verliere zunehmend an Bedeutung, das Staat-Kirche-Verhältnis sei aber bisher immer nationalstaatlich diskutiert worden, so Dr. Schmid. Es müsste also in Zukunft auf der Ebene der 27 Staaten der EU diskutiert werden. Dabei könnte das partnerschaftliche Verhältnis von Staat und Kirche in der Bundesrepublik zum Exportmodell werden. František Radkovský, Bischof von Pilsen erinnerte an Papst Paul VI., der den Bruch zwischen Kultur und Religion beklagt habe. In Tschechien könne man dies statistisch nachweisen. 1947 seien 72% der Bevölkerung katholisch gewesen, 1991 waren es noch 42%. Nach zehn Jahren Freiheit vom Kommunismus im Jahr 2001 gab es nur noch 27% Katholiken. Der Wohlstand habe diesen Abbruch bewirkt, besonders bei Menschen, die zur Zeit des Kommunismus ihren Glauben nicht praktiziert haben, so Bischof Radkovský. Viele Menschen sahen die Vorzüge des so genannten „Westens“. Nachdem sie dieselben Vorzüge genießen, erfahren sie, dass sie damit auch nicht glücklicher seien. Deshalb steige das Interesse an Religion, so seine Beobachtung. Es gebe eine neue Offenheit, über Religion zu sprechen, die in der Zeit des Staatsatheismus verloren gegangen war. Aus der Sicht des evangelischen Professors Gerhard Robbers sprechen Christen in Deutschland zu wenig von ihrem Glauben. Auch müsse der Glaube in der Öffentlichkeit vorgelebt werden; das sei eine Herausforderung an den Einzelnen und an die Institution Kirche. Dabei müsse die Gemeinschaft der Glaubenden, bei aller ökumenischen Abgrenzung und jeweiliger Identität, gemeinsam Zeugnis in und für die eine Kirche nach außen geben. Nichtchristen verstünden die Unterschiede der Konfessionen nicht mehr wirklich. Eine Gegnerschaft untereinander führe zur Unglaubwürdigkeit des Glaubens insgesamt. Gerade im politischen Feld gebe es viele Gemeinsamkeiten der Konfessionen, so der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz Bischof Gerhard Ludwig Müller. Die Kirchen- und Katholikentage seien eine gute Plattform für diese staatlichen Kontakte. Hier wirke das Laienapostolat in die Gesellschaft hinein, das könne nicht allein Aufgabe der Bischöfe sein, so der Gastgeber des Katholikentages 2014 in Regensburg. Für Dr. Schmid ist die richtige Balance von Nähe und Distanz zwischen Kirche und Staat wichtig. Kirche dürfe sich nicht vereinnahmen lassen, aber ebenso wenig den Staat vereinnahmen. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs habe sich der Kapitalismus mit zivilreligiösem Charakter in den Ländern des Ostblocks etabliert. Papst Johannes Paul II. habe aber bereits davor gewarnt. Diese Warnung bestätige sich jetzt auch durch die „Misserfolge“ des Kapitalismus insgesamt. Die Kirche müsse jetzt spirituelle und intellektuelle Alternativen anbieten zur materialistisch-konsumistischen Gesellschaft. Es sei ein Widerspruch, sich einerseits in die Gestaltung des Staates einzumischen und sich andererseits in das Ideal einer armen Kirche zurückziehen zu wollen. Es wurde von deutschen Gesprächsteilnehmern gefragt, was man da von einer armen tschechischen Kirche lernen kann. Die Situation in beiden Ländern sei jedoch sehr unterschiedlich, so die tschechische Seite. Man könne in Deutschland mit Geld in den Kirchen viel Gutes tun. Frömmigkeit und Reichtum seien kein Widerspruch. Erzbischof Duka räumt ein, dass die Frage zum Thema Armut oder Reichtum schwierig zu beantworten sei. In Tschechien finanzierten sich Pfarreien selbst, nur die Priester würden vom Bischof bezahlt. Kirchliche Schulen werden zu 90 % vom Staat finanziert, sie würden mehrheitlich von Nichtchristen besucht, dort gebe es die besten Abiturabschlüsse. Die Caritas sei billiger als andere Sozialanbieter. Deshalb gebe es eine weltanschaulich übergreifende Zustimmung zur Caritas. Zuallererst müsse jedoch die Kirche eine dienende Kirche sein, dann erst dürfe sich die Frage nach dem Geld stellen. Wohlstand bringe kein Glück, so Erzbischof Duka. Für den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller ist klar, dass man als Kirche auch prophetisch-gesellschaftskritisch gegenüber dem Staat auftreten muss. Die katholische Soziallehre sei ein kritischer Beitrag der Kirche bis heute. Diese Kritik sei auch eine Form von Dienst an der Gemeinschaft. Arm müsse man darin sein, dass man die Mittel, die vorhanden seien, für die Ziele eingesetzt werden und nicht „angehäuft“ würden. Es gehe darum, welches innere Verhältnis man zum Geld habe. |
