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Interview 01/2010

Hier bin ich zu Hause

Plädoyer eines Unternehmers für den Wirtschaftsstandort ländlicher Raum

Hans G. Huber, Dipl. Ing., geboren 1942 in Neumarkt/Opf, studierte von 1961 bis 1968 Verfahrenstechnik an der TU München. Nach dem Studium (Abschluss als Diplom-Ingenieur, Fachrichtung Verfahrenstechnik) trat er als Ge­schäfts­führer in den elterlichen Traditionsbetrieb ein und baute dort gemeinsam mit seinem Bruder Karl-Josef ein global tätiges Un­ternehmen im Bereich Wasser- und Ab­wasserbehandlung auf. In enger Zu­sam­menarbeit mit Wissenschaft und Forschung, insbesondere der TU München, wurden neue Produkte und Verfahren für die Abwasser- und Schlamm­behandlung entwickelt, die heute globalen Einsatz finden. Diese neuen Ideen im Abwasserbereich wurden 2006 mit dem Deutschen Um­weltpreis gewürdigt. Im Jahr 2007 verlieh die TU München Herrn Hans Georg Huber den Dr.-Ing. E.h. Ebenfalls 2007 wurde Hans Huber mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.


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Gemeinde creativ: Sie leben und arbeiten „auf dem Land“. Wie geht es Ihnen, wenn Sie in die Stadt kommen?

Huber: Ich fahre gerne in die Stadt, bin auch immer wieder in der Stadt. Fühle mich aber nicht benachteiligt auf dem Land, ich bin unheimlich froh wieder hier zu sein. Hier wo ich zu Hause bin, wo ich die Leute kenne, meine Mitarbeiter kenne, wo ich auch die Verantwortung fühle für die Region, in der ich meine Wurzeln habe. Das finde ich wunderschön.

Gemeinde creativ: Können Sie das näher ausführen, was Sie mit Wurzeln meinen?

Huber: Meine Firma ist mehr als 175 Jahre alt. 1834 in Berching von einem meiner Vorfahren gekauft, seitdem in meiner Familie. Damit haben wir Wurzeln, die einfach weit zurückgehen. Ich bin hier zur Volksschule gegangen, bin hier aufgewachsen, habe eine unheimlich glückliche Kindheit erlebt in diesem ländlichen Umfeld und bin dann nach dem Studium mit Begeisterung hierher zurückgekommen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, mein Leben irgendwo anders als hier zu verbringen.

Gemeinde creativ: Welche Vorteile sehen Sie aus wirtschaftlicher Sicht für Ihren Standort hier?

Huber: Riesenvorteile, die gar nicht in Geld zu fassen sind: wir kennen unsere Mitarbeiter, unsere Mitarbeiter kennen uns. Dadurch erwächst eine ungemeine Loyalität der Mitarbeiter zum Unternehmen. Natürlich auch die Verpflichtung des Unternehmens gegenüber dem Mitarbeiter. Wir haben kaum Fluktuation, wir bilden Leute aus der Gegend aus. Wir haben derzeit ungefähr 60 Lehrlinge. Das ist natürlich auch ein positiver Faktor für diese Gegend. Aber dadurch be­kommen wir Mitarbeiter, die loyal ein Leben lang bei uns sind. Wir haben Leute, deren Großvater schon bei uns gearbeitet hat. Das sind Wurzeln!

Gemeinde creativ: Sie haben also auch keine Schwierigkeiten Arbeitskräfte zu finden?

Huber: Arbeitskräfte zu finden, haben wir kein Problem. Die gewerblichen Mitarbeiter ziehen wir durch Selbstausbildung hier nach. Für die Führungsebene, arbeiten wir in der ganzen Region mit Universitäten und Hochschulen zusammen, geben den Leuten die Möglichkeit, Praktika bei uns zu machen, Semesterarbeiten, Diplomarbeiten, Promotionen. Damit haben wir Kräfte für die Führungsebene. Wir lernen diese Leute kennen, diese Leute lernen uns kennen und wir haben auch hier kaum Fluktuationen.

Gemeinde creativ: Diese Kräfte der mittleren Ebene und der Führungsebene, die dann von Universitäten kommen, wie reagieren die auf die Lage hier und auf dieses Umfeld?

Huber: Sie lieben entweder das Umfeld oder Sie kommen gar nicht her. Aber sehr viele Mitarbeiter sind hier in der Region aufgewachsen, dann zum Studium irgendwo hingegangen und sind jetzt gerne wieder hierher zurückgekommen. Gemeinde creativ: Also auch eine Möglichkeit, die Fluktua­tion weg vom Land hin in die großen Mittelzentren, in die Städte zu verhindern? Huber: Ich glaube das ist eine eingebildete Fluktua­tion. Ich sehe das Problem nicht. Meine Frau ist aus München, hält Vorlesungen an der Universität Bayreuth, aber sie lebt einfach gerne auf dem Land.

:Gemeinde creativ: Sie haben gesagt, Sie haben auch Verantwortung für die Region.

Huber: Die Verantwortung für die Region ist es, Arbeitsplätze zu schaffen. Wir haben hier in Berching rund 9000 Einwohner und beschäftigen 500 Leute. Wir bilden 60 Lehrlinge aus, das ist Verantwortung für die jungen Leute, die hier die Schulen verlassen. Mit einem Ausbildungsplatz hier werden sie auch sesshaft. Das ist ganz wichtig. Wir unterstützen die Sportvereine, damit unsere Mitarbeiter dort eine Freizeitbeschäftigung finden. Wir engagieren uns kulturell. Meine Frau veranstaltet zum Beispiel klassische Konzerte im Kloster Plankstetten. Das ist für uns selbstverständlich.

Gemeinde creativ: Sie sind begeistert von Ihrem Standort, von Ihrer Heimat, von den Strukturen, die hier sind. Sehen Sie auch Nachteile bei aller Begeisterung?

Huber: Warum sollte ich Ihnen jetzt Nachteile erzählen? Ich glaube, die Nachteile werden jüngere Leute vielleicht eher sehen als ich in meinem Alter. Ich habe miterlebt, dass meine Kinder – drei Söhne – natürlich Nachteile an diesem Standort hier gesehen haben. Nachteile, die sich auch auf mich ausgewirkt haben. Die wollten natürlich auch mal abends fortgehen, wollten ins Theater gehen, wollten in die Disco gehen. Und da musste man natürlich dann fahren. Man musste die Kinder hinbringen, man musste sie abholen. Aber das hat auch wieder den Vorteil, dass sie damit unter einer gewissen Kontrolle waren, ohne dass sie das selbst gemerkt haben.

Gemeinde creativ: Sie engagieren sich über die Region hinaus auch im Umweltbereich.

Huber: Ich bin Sprecher des Umweltcluster Bayern, das ist eine fordernde Aufgabe, aber ich finde auch eine sehr schöne Aufgabe. Wobei diese Tätigkeit sich mehr auf die Industrie richtet. Ich bin Bundesumweltpreisträger 2006, daraus resultieren sehr viele Verpflichtungen, Verantwortungen, Vorträge. Ich habe allein im letzten Jahr über 30 Vorträge global gehalten. Ich komme gerade von einem Vortrag aus Moskau zurück wo ich auch über die Umwelt gesprochen habe, über Wasser, über Klimaproblematik und Ähnliches. Ich nehme das sehr ernst. Ich plane gerade einen Workshop am 9. und 10. Februar in Akra in Ghana, „Water for Afrika“, wo wir mit Politikern, mit Verantwortlichen die Diskussion führen über die Reinigung der Abwässer, um dadurch Krankheiten zu verhindern. Dies ist eines der Milleniumsziele der Vereinten Nationen, womit man die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu Wasser haben, bis 2015 halbieren möchte. Ich engagiere mich auch sehr stark in einem Council of Distinguished Waterprofessionals. Wir sind weltweit 12 Wasserfachleute, die sich regelmäßig treffen, Papiere ausarbeiten, diese den Vereinten Nationen oder Regierungen zur Verfügung stellen.

Gemeinde creativ: Wie sehen Sie die Zukunft, hier für die Region, aber auch von Ihrem Umwelt- und Klimaengagement her für die Welt?

Huber: Ich bin prinzipiell ein Optimist. Für unsere Region sehe ich das natürlich unheimlich positiv, weil sich das Bewusstsein, in einer gesunden Um­welt zu leben, für die Menschen noch wesentlich verstärken wird. Und da haben wir einfach mal das zu bieten, was die Leute wünschen und suchen. Zur Klimapolitik: Wir haben gerade den Gipfel in Ko­penhagen. Ich hoffe, dass sich einiges tun wird. Ich bin aber nicht pessimistisch. Wenn es notwendig ist, wird die Welt zusammenrücken und was tun. Da kann man Beispiele anführen: Vor dreißig Jahren, der saure Regen: Da hieß es, „erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“. Der Wald lebt noch, der Mensch lebt noch. Also diese ganzen Untergangsszenarien führen zu nichts. Wir müssen uns überlegen, das Richtige konsequent umzusetzen. Natürlich müssen wir CO2-Reduktionen erreichen, global erreichen. Nur, wir werden auch nicht den „Emerging Countries“, den Schwellenländern verbieten können CO2 auszustoßen. Sie werden irgendwann sagen, die Situation, die wir jetzt in der Welt haben, habt ihr Industrienationen verursacht. Jetzt kümmert euch auch hauptverantwortlich, das zu beseitigen. Wir werden ihnen auch nicht untersagen können, soviel CO2 pro Kopf auszustoßen, wie wir Deutschen dies tun – 10 Tonnen pro Kopf und Jahr –, also nicht so viel wie die Amerikaner bei 20 Tonnen und auch nicht so wenig wie die Inder bei 2 Tonnen oder die Chinesen bei 4 Tonnen. Das wird sich irgendwann einpendeln müssen und jeder, das ist auch globale Gerechtigkeit, wird das gleiche Recht haben das unvermeidliche CO2 auszustoßen, aber jeder wird sich auch seiner Verantwortung bewusst sein müssen.

Das Interview führte Thomas Jablowsky.