Land-schaf(f)t Kirche
Von Holger Kruschina Landvolkpfarrer
In meiner Heimatdiözese Regensburg galt die Oberpfalz stets als „geistliches Mistbeet“. Das hat sich geändert. Auch wenn die Breitbandversorgung mit DSL noch auf sich warten lässt: die weite Welt hat Einzug gehalten in unseren Dörfern. Längst tun sich auch für Landbewohner Perspektiven auf, die früher ein Privileg der Städter waren. Aber schleichend bedingen sich hier Prozesse gegenseitig, die mit Sorge zu sehen sind. Früher zog es die Nachgeborenen mangels Arbeitsplätze in die Städte – den Wegzug haben wir heute wieder, allerdings sind auch auf dem Land die Ein- bis Zweikindfamilien zur Normalität geworden. Da geht die alte Rechnung nicht mehr auf. Unsere Dörfer verschiedener Größe, unsere ländlichen Regionen leiden unter diesem Ausbluten. Hier geht etwas verloren, was jahrhundertelang für ein stabiles, symbiotisches System gesorgt hat. Kultur und Brauchtum, ein im Leben verwurzelter Zugang zu Natur und Schöpfung, zu nachhaltigem Wirtschaften und sozialer Stabilität. Das sind keine veralteten Vokabeln, im Gegenteil: diese Dinge sind heute wichtiger denn je! Will unsere Gesellschaft stabil und zukunftsfähig bleiben, dann muss ihr als ganzer daran gelegen sein, dass das Land nicht ausblutet. Es ist also nicht nur Auftrag der „Betroffenen“ sondern aller, sich um das Land zu sorgen. Sicher kann man hier in erster Linie die Politik in die Pflicht nehmen, in Fragen der Infrastruktur für gleiche Chancen im Wettbewerb zu sorgen: Internet, Verkehrs-anbindung, Bildungsmöglichkeiten, Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung. Aber wie so oft, ist es leicht, sich auf „die da oben“ zu verlassen – und dann auch über sie zu schimpfen. Deshalb: Zuallererst müssen wir bei uns selbst anfangen. Das beginnt schon damit, dass wir das Land vom Image des Hinterwäldlertums oder der naturnahen Absteige befreien. Land ist eine Qualität für sich, nicht nur für die Stadt oder die Städter. Wenn ich etwas für wertvoll halte, dann werde ich diesen Wert auch erhalten wollen. Das gilt dann auch für die Landbewohner, die ihre eigene Heimat schlecht machen, weil sie ihr nicht mehr zutrauen, ihr Leben grundzuversorgen. Dorfschulen sterben nicht nur aus, weil es weniger Kinder gibt, sondern auch, weil man ihre Qualitäten im Vergleich zu Schulzentren nicht mehr sieht: Wohnortnähe, enges soziales Netz, Flexibilität. Der Einzelhandel wird unrentabel, wenn die Schnäppchen-Kalkulation die Sinne für eine längerfristig gewinnbringende Rechnung vernebelt: kurze Wege, Ersparnis an Zeit und Fahrtkosten, Kundenservice. Ich brauche den Rahmen dieser Seite nicht zu sprengen. Beweisen Sie ein wenig Fantasie und Ihnen fallen selber weitere Beispiele ein. Als Landvolkpfarrer denke ich einmal ganz kühn: Warum muss alles in Zentren sein? Fahren die Busse, führen die Straßen nicht auch in die andere Richtung? Arbeitsplatz, Schule, Arzt: Warum sollten sich nicht auch die anderen einmal auf den Weg machen, so dass sich für alle Vor- und Nachteile weitaus mehr aufheben? Und nicht zuletzt, damit dem ganzen die Puste nicht ausgeht, braucht es einen langen Atem, ja vielleicht den Geist des Landmannes der seine Gleichnisse auf das Dorfleben in Galliäa bezog und damit den Menschen die frohe Botschaft plausibel machte. Unsere Vorfahren haben in den vergangenen Jahrhunderten zum Teil hart dafür gearbeitet, dass jedes Dorf eine Kirche, wenigstens eine Kapelle hatte – übrigens auch schon früher nicht unbedingt einen Pfarrer. Was sie mit schlichter Frömmigkeit geschafft haben, müsste doch für uns heutige ein echter Ansporn sein: Kirche in ihrer Vielfalt an Liturgie, Diakonie, Lebensschule und Gemeinschaft lebendig zu gestalten. In einem Mistbeet, auch in einem geistlichen, kann doch vieles wachsen und reifen – nicht nur eine einzige Sorte von Gemüse. |
|