Aufmerksam sein
Von Frank Beyersdörfer
Vermutlich kennt jede und jeder Zeiten der Aufmerksamkeit und der Zerstreuung. Und vielleicht haben wir auch schon bemerkt, wie verschieden sich diese Zeiten anfühlen, und dass sie uns teils zufrieden, teils unzufrieden zurück lassen. Vielleicht spürten wir auch schon einmal die Sehnsucht, doch aufmerksamer uns selbst, Gott und unseren Mitmenschen zu begegnen.
Sind wir wirklich aufmerksam? Hören und sehen wir nur das Laute und Schrille? Oder sind wir auch fähig, das Stille zu vernehmen, unsere Sehnsüchte, oder die stummen Schreie nach Zuwendung und Hilfe? Und merken wir etwas von der Anwesenheit Gottes in unserem Leben und in unserer Welt? Der Prophet Elia hörte und spürte Gott in einem sanften, leisen Säuseln, nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer (1 Kön 19).
Aufmerksamkeit mir selbst gegenüber Beim Aufmerksamsein geht es um das Wahrnehmen. Einfache Übungen können helfen, in dieses Wahrnehmen hineinzukommen.
- Ich spaziere durch die Natur und versuche, mit allen Sinnen wahrzunehmen, was sich anbietet, indem ich höre, sehe, schmecke, fühle, taste.
- Eine Tasse Kaffee oder Tee am Morgen genieße ich in stillen Zügen.
- Lautes Geschrei oder den Lärm des Verkehrs und der Stadt nehme ich wahr, vielleicht auch als bedrängend.
- Ich halte inne, spüre, wie mein Herz pocht und mein Atem geht. Das geht auch zu Beginn einer gemeinsamen Sitzung.
- Auf dem Boden liegend komme ich zur Ruhe und spüre meinen Leib.
Das Aufmerksamsein verlangt danach, innezuhalten. Finden Sie für sich selbst solche Zeiten der Aufmerksamkeit!
Aufmerksam sein gegenüber Gott und für Gott Ignatius von Loyola (1491-1556) empfiehlt, sich zu Beginn einer Zeit des Gebetes vorzustellen, wie Gott einen gerade anschaut: „Vor der Stelle, an der ich die Betrachtung oder Besinnung zu halten gedenke, will ich mich, den Geist nach oben gerichtet, für die Dauer eines Vaterunsers aufrecht hinstellen, und erwägen, wie Gott unser Herr mich anschaut.“ Es geht darum, mir Zeit zu nehmen, um vor Gott still zu werden und mich von ihm anschauen zu lassen. Und als tägliche Übung kann dies mehr dazu führen, auch außerhalb einer bewussten Zeit des Gebetes für Gott aufmerksam zu sein.
Aufmerksam sein für andere Menschen Auch unser gemeinsames Leben braucht Zeiten der Aufmerksamkeit. Dies kann das zwanglose Gespräch sein oder die freie Zeit für das Spiel. In solch „gnadenreicher Zeit“ kann sich eine Sensibilität füreinander einstellen.
Ignatius von Loyola empfahl, gut zuzuhören, um so für andere aufmerksam zu sein. „Ich werde langsam im Sprechen, indem ich das Hören für mich nutze; ruhig, um die Auffassungen, Gefühle und Willen derjenigen, die sprechen, zu verspüren und kennen zu lernen, um besser zu antworten oder zu schweigen.“ Das menschliche Miteinander verlangt von uns ein Feingefühl, um uns füreinander zu öffnen und aufeinander zu reagieren. Damit uns das gut gelingt sind die Aufmerksamkeit für uns selbst wie die Aufmerksamkeit für Gott unabdingbare Voraussetzungen.
Evangelische Christinnen und Christen kennen den Brauch, mit Hilfe von so genannten Losungen, also mit Bibelzitaten für den Tag, die Woche, den Monat oder das Jahr, ihren Glauben mit ihrem Alltag zu verbinden. Wie wäre es, in Anlehnung an diesen Brauch, sich einmal das Aufmerksamsein vorzunehmen und darum zu bitten?
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