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Praxistipp 01/2010
Rettungsinseln für Kinder in Notsituationen

Sicherheitskonzept „Kinderhilfe“ mit 23 Anlaufstationen in Taufkirchen/Vils

Ein aufgeschlagenes Knie, ein verlorener Schlüssel, auf dem Heimweg verlaufen – Kinder geraten leicht in Situationen, die sie allein nicht bewältigen können. Manche Kinder sind mutig und bitten dann einen Erwachsenen um Hilfe. Andere trauen sich jedoch nicht, jemanden anzusprechen oder gar in einem Geschäft nachzufragen. Für diese Kinder gibt es in der Gemeinde Taufkirchen/Vils (Landkreis Erding) das Projekt „Kinderhilfe“. 23 Anlaufstationen, zumeist im Einzelhandel, sind seit einigen Monaten „Rettungsinseln“ für Kinder in Notlagen. Ein großer Aufkleber, gut sichtbar an Tür oder Fenster angebracht, zeigt dem Taufkirchener Nachwuchs, dass er hier Erste Hilfe erhält und sicher ist vor Belästigungen jeder Art. Die Erfahrungen der ersten Monate seien positiv, berichtet Inga Reichenauer, die Initiatorin des kleinen Netzwerkes für mehr Sicherheit und Lebensqualität: „Alle Kinder der Gemeinde kennen die Kinderhilfe inzwischen, sie ist schon fast zu einem Selbstläufer geworden.“

Von Nicole Stadtmüller
Freie Journalistin

Ihren ersten Einsatz hat das Taufkirchener Sicher­heits­konzept bereits in den ersten Wochen seines Bestehens mit Bravour gemeistert. Ein Mädchen habe nach Schulschluss vergeblich auf seine Mutter gewartet und schließlich beim Kinder- und Jugendhaus geklingelt, das mit dem DIN A4-großen Aufkleber der Kinderhilfe gekennzeichnet ist. „Weil sie ihre Telefonnummer nicht wusste, haben wir sie zusammen recherchiert und schließlich ihre Mutter in­formiert. Sie hat die Sechstklässlerin dann bei uns abgeholt“, erzählt Maria Irl, Leiterin des Kinder- und Jugendhauses, zu dem auch ein Kindergarten gehört. Aus Gesprächen mit Kindern und Ju­gendlichen, die in ihrer Einrichtung ein- und ausgehen, weiß die Diplom-Sozialpädagogin: „Die Kinder kennen die Kinderhilfe, das Angebot ist in Tauf­kirchen präsent.“

Eine Reportage im Fernsehen im Sommer 2008 hatte das Projekt in der Gemeinde an der Vils ins Rollen gebracht. Inga Reichenauer sah den Beitrag über ein Kinderhilfe-Konzept in der Stadt Halver im Sauerland und wusste: Das wäre auch etwas für Tauf­kirchen. „Die Reportage hat mich nicht mehr losgelassen. Ich hatte schlaflose Nächte und habe wochenlang darüber nachgedacht, ob und wie man das übertragen könnte“, sagt sie, selbst Mutter eines Sohnes, im Rückblick. Ein Anruf bei der Stadtverwaltung von Halver brachte ihr den Kontakt zum dortigen Initiator, einem Polizisten, der bereitwillig über Planung und Vorgehen im Sauerland berichtete.

Offene Ohren im Gemeinderat
Schließlich ist Inga Reichenauer auf die Gemeinde Taufkirchen zugegangen und sei dort auf offene Ohren gestoßen. „Ich durfte das Projekt im Gemeinderat vorstellen, und sowohl der Bürgermeister als auch die Ge­meinderäte waren gleich dafür“, erinnert sie sich. Im darauf folgenden Jahr, während der Um­setzung, habe sie sehr viel Geduld gelernt: „Die Gemeinde hat mich hervorragend unterstützt, aber den­noch hat es gedauert, bis alles gut vorbereitet war.“ Und nur als Privatperson, ohne einen star­ken Partner aus der Öffentlichkeit, wäre das Netzwerk für mehr Sicherheit im Alltag bis heute nicht mit Leben gefüllt, ist sich die Taufkirchenerin sicher. Bürgermeister Franz Hofstetter zollt Inga Reichenauer „höchste Anerkennung für ihr ehrenamtliches Engagement“. Er ist stolz, dass in Punkto Sicherheit für Kinder alle an einem Strang zogen: „Ich bin froh, dass wir in unserer Gemeinde eine sol­che Initiative zum Wohle der jüngeren Bevöl­ke­rung ins Leben rufen konnten, um so der zu­neh­men­den Ano­nymi­tät in der Gesellschaft entgegenzuwirken.“

Kinderliebe Anlaufstellen
23 Rettungsinseln, überwiegend im Taufkirchener Ortskern angesiedelt, konnte Inga Reichenauer innerhalb kürzester Zeit für das zeit-lich unbefristete Projekt gewinnen. „Zwei Wochen nachdem ich die Geschäftsleute in­formiert hatte, hatte ich schon 16 Unterschrif­ten für die Kinderhilfe“, ist die Initiatorin stolz. Die meisten Ein­zelhändler hätten bereitwillig mitgemacht. Einige, gerade in der Nähe der Schulen, seien ohnehin schon immer Anlaufstellen für Kinder gewesen. Auch für Marieluise Maier von der Metzgerei Maier war es „sofort klar, mitzumachen“. Gleich zwei Kinderhilfe-Aufkleber hängen in der zentral gelegenen Taufkirchener Metzgerei: einer im Schaufenster und einer im Laden selbst. „Man muss Kindern helfen, das ist doch selbstverständlich“, erklärt Maier ihr Engagement für die Initiative.
Für die offizielle Kinderhilfe unter­zeichneten die teilnehmenden Einzelhändler einen Vertrag und erhielten eine kurze Anleitung zu dem Sicherheitskonzept. „Die meisten Geschäftsleute waren uns ja schon bekannt, auch dafür, dass sie kinderlieb sind. Wichtig ist, dass die Läden mittags geöffnet sind, wenn die Kinder von der Schule nach Hause gehen. Das wird regelmäßig überprüft, sonst geht Vertrauen in das Projekt und auch in seine Teilnehmer verloren“, sagt Reichenauer.

Malwettbewerb für Kinderhilfe-Logo
Nun mussten noch die eigentlichen Adressaten des Sicherheits-Konzeptes, die Kinder der Gemeinde, informiert werden. „In der Grundschule haben wir einen Malwettbewerb in den 4. Klassen ausge­schrie­ben, um ein Logo für die Kinderhilfe zu gestalten“, erzählt die Initiatorin. Die Klassen 1 bis 3 bildeten die Jury für den Logo-Wettstreit – und schon wussten alle Grundschul-Kinder über die Idee der Rettungsinseln Bescheid.
Die älteren Schüler der 5. bis 7. Klassen der örtlichen Haupt- und Realschule hätten das Projekt ebenfalls im Unterricht kennen gelernt. Dafür sei zusammen mit einer Sozialarbeiterin ein Lesetest mit dazu gehörigen Fragen erarbeitet worden.
Ein Aufkleber zur Kinderhilfe – ein blaues Kreuz mit einer Erste-Hilfe-Situation und der rot-grüne Schriftzug Kinderhilfe – erinnere in jedem Klassen­zimmer an die Möglichkeit für Kinder, sich vor Ort Fluchtpunkte in Notsituationen zu suchen. „Jetzt kennt jedes Kind, das in Taufkirchen zur Schule geht, die Kinderhilfe. Und jedes Schuljahr werden sich die neuen Erstklässler damit beschäftigen, so dass das Sicherheitskonzept immer weitergetragen wird“, freut sich Inga Reichenauer.
Das lebendige Netzwerk der Kinderhilfe will zu Sicherheit und Lebensqualität in Taufkirchen im Landkreis Erding beitragen. Ein aufgeschlagenes Knie oder ein verlorener Schlüssel müssen Kinder hier nicht mehr als ausweglose Situation empfinden. Denn sie wissen, wo sie jederzeit um Hilfe bitten dürfen.