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Schwerpunktthema 01/2010
Leben auf dem Land - Traum oder Albtraum?

Landeskomitee beschäftigte sich in Würzburg mit „ländlichen Räumen“

Bayern ist überwiegend durch verschiedenartige ländliche Regionen geprägt, die in Zukunft vor ebenso vielfältigen Herausforderungen stehen werden. Das Landeskomitee der Katholiken in Bayern beschäftigte sich bei seiner Herbstvollversammlung mit der Zukunft der ländlichen Räume zuerst einmal von den Chancen und Möglichkeiten her: ein stabiles soziales Umfeld, qualifizierte Arbeitsplätze und dem hohen Freizeit- und Erholungswert.

Von Thomas Jablowsky
Referent im Landeskomitee

Den Stärken der ländlichen Räume stehen aber auch Probleme gegenüber: abgelegene, strukturschwache Gebiete leiden unter hoher Arbeits­losigkeit, niedrigen Einkommen, einer ungünstigen Altersstruktur sowie hohen Sterbe- und Abwanderungsverlusten, wie es in der von der Vollversammlung verabschiedeten Erklärung heißt. In seiner Vielfalt präge der ländliche Raum das Erscheinungsbild Bayerns, deshalb könne es keine einheitlichen Lösungen, sondern nur auf die jeweilige Situation abgestimmte Maßnahmen geben, so der bayerische Landwirtschafts-minister Helmut Brunner auf dem Podium der Vollversammlung. Besondere Bedeutung für den ländlichen Raum hätten Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft. Ziel der Staatsregierung sei es, die Wirtschaftskraft der Be­triebe zu verbessern und sie bei der Modernisierung zu unterstützen. Es brauche aber auch mehr regionale Wirtschaftskreisläufe, die die Wertschöpfung vor Ort belassen. Die Zukunftsfähigkeit des länd­lichen Raums hängt nach Ansicht des Landwirt­schaftsministers wesentlich von der Verfügbarkeit neuer Technologien ab. Die Staatsregierung wolle mit der flächendendeckenden Versorgung des Landes mit Breitbandtechnik in den nächsten zwei Jahren die Grundlage dafür schaffen.

„Die wirklichen Sorgenkinder sind die abseitig gelegenen Räume, die teilweise am Rande nationaler Wirtschaftsräume liegen“, sagte Professor Otmar Seibert von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Um strukturellen Entwicklungsdefiziten zu begegnen, müssten sich die Menschen auf dem Lande mit eigener Kraft um die eigenen Belange kümmern. Gemeindeübergreifende Allianzen könn­ten öffentliche Dienstleistungen ebenso sichern wie Netzwerke zwischen Stadt und Land. Schließ­lich leite sich die Lebensqualität von Regionen in erster Linie aus regionalen Kreisläufen und dem Angebot von Dienstleistungen ab, die sich nicht über globale Märkte beschaffen lassen, so Seibert. Er wies darauf hin, dass die ländlichen Räume an­gesichts der gewachsenen und geforderten Mobilität weniger als Standortnachteil wahrgenommen würden. Dazu gehöre aber auch eine vernünftige Infrastruktur, die in manchen Regionen inzwischen sogar abgebaut werde. Seibert unterscheidet vier Typen ländlicher Regionen, die ganz unterschied­liche Zukunftsperspektiven hätten.

Für die Gemeinschaft in den Dörfern leisteten Frauen einen entscheidenden Beitrag, sagte Christa Reiterer, Landesvorsitzende der Bayerischen Landfrauenvereinigung. Sie gestalteten christliches Brauchtum und pflegten Traditionen. Beides sei für die Identitätsbildung der Dorfbewohner wichtig. „Nur wenn die Menschen ihre Region als Heimat be­greifen, werden sie Kräfte entwickeln, ihr Leben dort zu gestalten“, sagte Reiterer. Ein ganz wichtiger Aspekt der Bildungsarbeit der Landfrauen sei die Information und Stärkung der Frauen, die meist gu­te Lösungen für örtliche Probleme hätten, sich aber nicht trauen damit an die Öffentlichkeit zu gehen oder aber kein Gehör bei den Entscheidungsgre­mien finden würden. Vieles habe sich aus den Dörfern verabschiedet, was das Leben ausmachte und jetzt durch neue Formen des Miteinanders ersetzt werden müsse: kleine Handwerksbetriebe und damit Arbeitsplätze vor Ort, Geschäfte und Gast­häuser und damit Treffpunkte für die Be­völkerung, die örtliche Schule und damit die Kinder im Dorf, Alte und Gebrechliche und damit die Vergangenheit, Pfarrer und damit die Seelsorge.

Dr. Bernhard Spielberg benannte offen die Enttäuschungen über die Kirche und von der Kirche auf dem Land. Für den Theologen gilt, dass die Kirche im Dorf bleiben müsse. Kirche auf dem Land brau­che dabei Feldversuche, wie die neue Zukunft aussehen könne und dürfe nicht wie ein Freilandmuseum Altes einfach nur bewahren. Man müsse auch Abschied nehmen von nostalgischer Überforderung der Kirche als „Herz des Dorfes“. Es müssten vielmehr Biotope für religiöses, spirituelles und „kasualienfrommes“ Leben geschaffen werden. Dazu gehöre, allein schon wegen des Anlasses „Priestermangel“ für viele Strukturveränderungen, dass Menschen die Übernahme von Verantwortung ermöglicht wird und sie dafür qualifiziert werden. Spielberg verwies auf das Beispiel des Diözese Poitiers in Frank­reich. Dort übernehmen Fünferteams im Auftrag des Bischofs Verantwortung für die Pfarrei.

Vor einer Auflösung der dörflichen Pfarrgemeinde als eigenständiger kirchlicher Raum warnte der Bi­schöfliche Beauftragte für das Landeskomitee, Prä­lat Bertram Meier. Sie führe zur Anonymisierung und Verflüchtigung des Glaubens. Da die Diözesen nicht mehr in einzelne Dorfgemeinden einen geweihten Pfarrer entsenden könnten, müssten Formen gefunden werden, die der sakramentalen Struktur der Kirche ebenso gerecht werden wie dem Wunsch, die Kirche im Dorf zu lassen. „Ich wünsche mir, dass die Kirche die Seele des ländlichen Raumes sei“, sagte Meier. „Seelsorge meint nicht nur, die Menschen in ihrer zeitlichen Lebensgeschichte zu be­gleiten, sondern ihnen auch zu helfen, ihren Platz im Leben zu finden. In seinem geistlichen Wort zu Beginn der Vollversammlung wies er auf die durch ihre Her­kunft unterschiedlich geprägten Gründergestalten des Christentums hin. Jesus sei ein Landmensch gewesen, Paulus ein Stadtmensch, was in ihren Texten und ihrer jeweiligen Sprache zu Tage trete. Er zitierte den Pastoraltheologen Rainer Bucher „Das Land bleibt nicht Land, wird aber auch nicht Stadt, es wird etwas Drittes, und was das genau ist – reicher Speckgürtel oder Armenhaus, Zuzugs- oder Wegzugsgebiet – das steht im Einzelfall nicht fest. Gemeinsam ist nur eines: Es ist nicht Stadt.“

In der Diskussion der Mitglieder des Landeskomitees nahm das Thema demografische Entwicklung breiten Raum ein. Man werde nicht mehr zu den alten Mustern zurückkehren können, fehlende Kin­der könnten nicht „nachgeboren“ werden. Bereits jetzt sei eine Entwicklung eingeleitet, die un­um­kehrbar erscheint. Für die Kirche stelle sich die Frage nach der Integration von Zugezogenen und jungen Erwachsenen ganz neu, wenn früher deren Zugang zur Kirche oft ihre Kinder waren. Pfarrei ist für alle da, die dort wohnen, so der Theologe Spielberg. Offen zu Tage tritt die Problematik der Abwande­rung und der fehlenden Kinder in den Schulen. Dabei sei früher auch ein klassenübergreifender Unterricht möglich gewesen, heute sperren sich oft Lehrer und Eltern dagegen. Biogas- und Photovoltaikanlagen prägen inzwischen manche Landschaften. Kritisch wurde angemerkt, ob das die ge­wünschte Förderung der ländlichen Räume sei. Man wolle, so Minister Brunner, unabhängiger werden von fossilen Brennstoffen. Beim gleichzeitigen Preis­verfall für Lebensmittel und 20-jährigen Preisga­ran­tien durch das Energieeinspeisegesetz müsse man sich nicht wundern, wenn Bauern sich unter­neh­merisch für Energieerzeugung entscheiden. Das könne auch für die Lebensmittelproduktion Chancen erschließen. Die Mehrheit der Bauern, rund 80 %, habe ein zweites Einkommen, das die Lebensmittelproduktion sichere.