| Praxistipp 01/2011 |
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Mit Kirchengeldern in der Finanzkrise umgehen Von Gerhard Bosl Kirchenpfleger Kirchenstiftung Hl. Geist, Pullach bei München Der DAX erreicht 2011 ein Allzeithoch bei deutlich mehr als 8.000 Punkten …“ (Wirtschaftswoche vom 24.12.2010, S. 118) Winken da stattliche Aktiengewinne – auch wenn sich das Zinsniveau sonst wenig ändern soll in 2011? Wie wirkt diese Prognose auf jemand, der sich in den Weihnachtsferien Gedanken über seine eigenen Geldanlagen oder über die für die Pfarrei verwalteten Gelder macht? Ist die Finanzkrise, die im September 2008 mit dem Zusammenbruch des Bankhauses Lehman Brothers öffentlich wurde, vergessen? Überwunden? Könnte sie sich wiederholen? Was haben wir aus der Krise gelernt? Zu dem Thema „Christliche Werte und Handlungsperspektiven in der Finanzkrise“ gibt es eine Stellungnahme des Landeskomitees der Katholiken (siehe S. 16). „Mit Geld verantwortlich umgehen“ lautet dort eine der Forderungen, die die Vollversammlung im November 2010 in Traunstein aufgestellt hat. Was bedeutet es, „verantwortlich mit Geld umzugehen“? Bezieht sich die Verantwortung auf die Optimierung der ökonomischen Dimension? Damit ist die Rentabilität einer Geldanlage gemeint, der maximale Nutzen einer Investition für mich persönlich, für meinen Haushalt, für die Pfarrei. So kann es für eine Pfarrei sehr wichtig sein, Spendengelder für ein pfarrliches Bauvorhaben in einer Weise anzulegen, dass sie einen möglichst hohen Zinsertrag einbringen. Seit gut 15 Jahren gibt es das so genannte ethische oder nachhaltige, grüne oder wertorientierte Investment. Diese Attribute beziehungsweise Begriffe sind wohltönend, uneindeutig und dehnbar. Die Gemeinsamkeit ist, dass sie Geldanlageformen beschreiben, bei denen neben der ökonomischen Perspektive auch ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt sind. Am Beispiel von Investmentfonds lässt sich das gut darstellen: Fonds bestehen aus Aktien verschiedener Firmen und/oder festverzinslichen Wertpapieren und/oder Geldmarktpapieren und/oder Immobilien. Wie viel unternimmt ein börsennotiertes produzierendes Unternehmen in Sachen Umweltschutz? Arbeitet eine Firma für die beziehungsweise in der Rüstungsindustrie? Ist bei im Ausland engagierten Herstellern etwas über Kinderarbeit bekannt? Je nachdem, wie zufriedenstellend diese Fragen beantwortet werden, zählt das entsprechende Unternehmen zu mehr oder weniger nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Investmentfonds – Aktienfonds, Mischfonds, Rentenfonds, Dachfonds… – die unter nachhaltigen Gesichtspunkten zusammengestellt sind. Die Suche nach dem „richtigen“ Fonds beginnt für den Geldanleger mit der Beantwortung verschiedener Fragen: Anvisierter Themenbereich, Anlagedauer, Sicherheitsanforderungen an die Geldanlage, eng zusammenhängend mit Renditeerwartungen und Risikobereitschaft, Wünsche im Hinblick auf den Erfahrungsschatz der fondsverantwortlichen Kapitalanlagegesellschaft (es gibt beispielsweise Banken, die über ein sehr großes Know How im Bereich Nachhaltigkeit und Research verfügen, wie etwa Bank Sarasin, Basel). Genauso stellt sich die Frage des verantwortlichen Umgangs mit Geld bei anderen Geldanlageformen, wie beispielsweise Tagegeldern, Festgeldern, Sparguthaben. Dazu gibt es in den Banken unterschiedlich stark ausgeprägte Ansätze, solche Gelder verantwortungs-bewusst nachhaltig auszuleihen beziehungsweise wiederanzulegen. Strikt ethisch ausgerichtete Banken (wie zum Beispiel Bank für Orden und Mission Idstein, EthikBank Eisenberg, GLS Gemeinschaftsbank eG Bochum, Umweltbank Nürnberg, Steyler Bank GmbH St. Augustin, Triodos Bank Frankfurt) unterwerfen sich, ihre Geschäftsprozesse und ihr Produktangebot, also die gesamte Bankarbeit, strengen ethischen Kriterien. Auch die Kirchenbanken (wie zum Beispiel Bank für Kirche und Caritas in Paderborn, Bank im Bistum Essen, DKM Darlehenskasse Münster EG, Liga-Bank eG Regensburg, Pax-Bank Köln) bieten interessante Möglichkeiten, wenn auch das Thema Nachhaltigkeit dort oft nur einen Teil der Geschäfte ausmacht. Sie haben von Geldanlagen in Windkraft, in Biomasse, in Wald gehört? Dabei handelt es sich entweder um Aktien eines einzelnen Unternehmens oder um Aktienfonds, wo beispielsweise verschiedene Unternehmen zum jeweiligen Thema gebündelt sind oder um so genannte geschlossene Fonds, das heißt unternehmerische Beteiligungen. Aktien sind flexibel handelbar, die Chancen für den Geldanleger liegen in Kursgewinnen, die Risiken in Kursverlusten. Ähnlich ist es bei Aktienfonds. Dagegen bindet sich der Anleger bei geschlossenen Fonds meist über eine längere Laufzeit, wobei sowohl die prognostizierte, gegebenenfalls recht hohe Rendite, genauso wie der totale Verlust des eingesetzten Geldes möglich sind. Das ist für den Geldanleger sehr wichtig zu wissen, denn oft gibt es von Seiten der Pfarrei oder der (Kirchen-)Stiftungen Vorschriften, was die Sicherheit der Geldanlagen angeht. Eine jüngere Form der ethischen Geldanlage ist die Mikrofinanzierung. Der Anleger stellt Kapital zur Verfügung, das ausgeliehen wird an Mikrofinanzinstitute beziehungsweise direkt an Kleinunternehmer – oft in der „Dritten Welt“ – die sonst keinen Kredit erhalten würden und die sich so eine kleine Existenz aufbauen können (zum Beispiel Oikocredit, Wien beziehungsweise Niederlande). Fast so unerschöpflich-zahlreich wie die Möglichkeiten, sein Geld nachhaltig anzulegen, sind die Untersuchungen zum Aspekt der Rendite-Entwicklungen. Erbringen konventionelle Geldanlagen die gleiche oder eine bessere oder eine schlechtere Rendite als nachhaltige Geldanlagen? Man kann nicht eindeutig aufzeigen, dass nachhaltig angelegtes Geld schlechter „performt“ als konventionelle Produkte, auch das Gegenteil lässt sich nicht beweisen. Doch übt für uns Christen nicht eine „gute Rendite mit gutem Gewissen“ schon eine gewisse Faszination aus? ... Leider kann nicht alles, was am Markt als ethische, nachhaltige Geldanlage angeboten wird, als gewissenberuhigende Investition getätigt werden. „Greenwashing“ (Grünfärberei) ist in diesem Zusammenhang ein gängiger Begriff für nicht ganz seriöse Angebote. Grundsätzlich ist Maßstab für den Umgang des verantwortungsbewussten Christen mit eigenen oder mit fremden (Kirchen-) Geldern die jeweils spezielle Entscheidung des mündigen Investors. Wie bei der Zutatenliste von Waren im Lebensmittelregal gilt auch hier für den Verbraucher wie für den Geldanleger: genau hinschauen, versuchen zu verstehen und vergleichen. Dabei tun sich Spielräume auf. Der eine kann akzeptieren, dass ein Unternehmen in der Erdölbranche tätig ist, der andere nicht. Dagegen nicht diskutierbar und klar für uns alle sollte sein: Geld ist nicht unbedingt Privatsache, denn Geldanlagen ziehen Konsequenzen nach sich, ökologische und gesellschaftliche. Und: Geld stellt keinen Zweck an sich dar, Geld ist immer Mittel zum Zweck. Seinen Zweck erfüllt Geld immer dann, wenn es lebens-dienlich, gerechtigkeits- und friedensfördernd, zur Bewahrung der Schöpfung verwendet wird. Lässt sich da ein erfreulicher Trend ausmachen, wenn viele Geldanleger heute wissen und mit beeinflussen wollen, was mit ihrem Geld geschieht? (Auch wenn Nachhaltigkeitsprodukte in Deutschland mit 32 Milliarden Euro, also 1 % des gesamten Anlagevolumens, noch ein Nischendasein fristen.) „… Die Wirtschaft braucht nämlich für ihr korrektes Funktionieren die Ethik; nicht irgendeine Ethik, sondern eine menschenfreundliche Ethik. Heute spricht man viel von Ethik im Bereich der Wirtschaft, der Finanzen und der Betriebe. In der Welt der hochentwickelten Länder verbreitet sich im Gefolge der rund um die soziale Verantwortung des Betriebs entstandenen Bewegung das System der ethischen Zertifikate. Die Banken bieten so genannte ‚ethische‘ Konten und Investitionsfonds an. Es entwickelt sich ein ‚ethisches Finanzwesen‘, vor allem durch den Kleinkredit und allgemeiner durch die Mikrofinanzierung. Diese Entwicklungen rufen Anerkennung hervor und verdienen eine breite Unterstützung…“ (aus Enzyklika „Caritas in veritate“ Nr. 45, Papst Benedikt XVI, 2009). Lassen wir uns – am Beginn eines neuen Jahres – ermutigen von diesen Worten unseres Papstes und entschlossen den aufgezeigten Weg verfolgen! |