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Schwerpunktthema 01/2011
„Geld regiert die Welt – wer regiert das Geld?“
Vollversammlung des Landeskomitees beschäftigte die Finanzkrise

Die Finanzkrise ist nicht vorbei. Darin waren sich alle Referenten im Studienteil der Vollversammlung des Landeskomitees der Katholiken in Bayern einig.

Von Thomas Jablowsky
Referent im Landeskomitee der Katholiken in Bayern

Der Einspardruck sei enorm, weil die Finanzkrise Lücken im Staatshaushalt gerissen hätte, so Professor Markus Vogt in seiner Analyse. Jetzt werde die Konjunktur mit billigem Geld angeheizt, was ursprünglich einmal zur Krise geführt habe. Das Geldsystem sei ein Vertrauenssystem, also ein Glaubenssystem, das in die Krise geraten sei. Die Finanzkrise sei eine Vertrauenskrise. Das zeige, dass Wirtschaft ohne Werte nicht funktioniere. Damit stellte Professor Vogt das Thema Finanzkrise in den größeren Zusammenhang der Wertekommunikation.

Geld macht nicht glücklich, aber Geldmangel unglücklich
Für Christen sei Geld ambivalent. Zum einen gebe es Kritik am Geldsystem, Geld als Leitmedium ersetze Gott. Gleichzeitig müsse man Geld aber auch ernst nehmen, was eine Ethik des Geldes erfordere, so Vogt. In seiner Problemanalyse benennt Vogt auch die Verantwortung der Politik, die Entscheidungen getroffen habe, die zur Krise führten. Geld sei zur Ware geworden. Damit habe Geld nicht mehr nur eine Dienstfunktion für die Realwirtschaft. Das Volumen der Finanzwirtschaft habe das der Realwirtschaft inzwischen bei weitem überschritten.
Mit fünf Leitlinien wies Vogt, der Vorsitzende des Sachausschusses „Arbeit–Wirtschaft–Umwelt“ im Landeskomitee, auf die vorbereitete Beschlussvorlage hin (vergleiche Seite 16). Das Landeskomitee wolle damit keine technischen Lösungen und Regeln für den Finanzmarkt aufstellen, sondern eine neue Ausrichtung des Wohlstandsmodells anregen. Darin könne Gewinnmaximierung nicht der einzige Sinn von Unternehmen sein. Wirtschaft und Finanzmärkte müssten sich an den Gesellschaftsaufgaben beteiligen.
Die Entwicklungspolitik müsse besser eingebunden werden, zu Gunsten von Bildung und Innovation im Gesundheitswesen und im sozialen Bereich. Die Finanzmärkte müssten an den Gemeinwohlaufgaben – lokal und global – stärker beteiligt werden, das gelinge über entsprechende Steuern.
Nur mit Risikobewusstsein und Risikominimierung könne eine zukünftige Finanzkrise verhindert werden. Schließlich habe Geld mit Werten zu tun, damit sei der Umgang mit Geld eine Aufgabe für alle.

Historische Einordnung
Für Dr. Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, dürfe die Finanzkrise historisch nicht isoliert betrachtet werden. Ein Schlüsseljahr sei 1989, der Zusammenbruch des Kommunismus. Mit „Centesimus Annus“ (1991) fordere die Kirche einen Kapitalismus, der verantwortet werden kann. Wenn der Kapitalismus die soziale Gerechtigkeit auf globaler Ebene nicht einlöse, kehrten die alten Ideologien zurück, was keiner möchte, so Erzbischof Marx.
Der neoliberale Kapitalismus, der seitdem entstanden sei, müsse abgeschafft werden, nicht aber eine Marktwirtschaft. Die neue Ordnung müsse auf Nachhaltigkeit setzen, was sich nicht mit „schnellem Geld“ vereinbaren ließe. Die aktuelle Krise könne unter der globalen Perspektive und der Schuldenperspektive nicht als beendet betrachtet werden. Die Bewältigung der Krise sei der Allgemeinheit zugeschoben worden, ohne dass die Folgen absehbar seien – dies sei ungerecht.
Die Soziale Marktwirtschaft sei ohne Alternative, die Katholische Soziallehre sei eine Ideengeberin dafür. Gegen frühere Bedenken gegen den Sozialstaat habe das Soziale in der Marktwirtschaft positiv gewirkt. Daraus sollte man gelernt haben, dass das Soziale im globalen Wettbewerb nicht bremse.
Der Erzbischof fordert eine vertiefte Zusammenarbeit der Kirche weltweit, um weiterhin politische Gestaltungsmöglichkeit in einer globalisierten Welt zu haben. Katholische Sozialbewegungen in den Verbänden müssten in die Politik hinein wirken, wofür Personen – auch junge und engagierte Unternehmer – gefunden werden müssen, die christliche Ideen in die entscheidenden Gremien tragen. So könne und müsse auch eine globale Finanzmark-tsteuer eingefordert werden. Diese dürfe aber nicht primär an den Finanzplätzen, sondern müsse an der Quelle ankommen, so Dr. Stephan Götzl, der Präsident des Genossenschafts-verbandes Bayern.

Genossenschaftsbank ist bewährtes Modell
Er warnte vor einer neuen Finanzblase, von der niemand wisse wo sie entstehe. Er beobachte ein Auseinanderdriften von Verantwortung und Risiko. Banken schöben die Verluste auf den Staat ab, Gewinne würden selbst eingestrichen. Allerdings gehöre zu der Verantwortung auch, die Frage der Gehälter selbst in Gerechtigkeit zu lösen.
Als Ursache der Krise benennt Götzl die Deregulierung von Bankenregeln und die Verringerung der Eigenkapitalrate. Dazu seien Finanzprodukte gekommen, die komplex und unverständlich seien und auch Fachleute nicht mehr durchschauten. Der gesamte Wert dieser Produkte habe das 42,5fache des Brutto-Weltinlandsproduktes ausgemacht. Beispielsweise werde Weizen 70 Mal gehandelt, was ein Symptom für zu hohe Liquidität sei und nichts mit Ausgleich von Nachfrageschwankungen zu tun habe.
Die Raiffeisenbanken hätten in der Krise keinen Cent staatliche Gelder benötigt. Genossenschaftsbanken sind vor 150 Jahren aus der Mitte der Gesellschaft gegründet worden, als es keine Bank für Mittelstand und Privatleute gab. „Geld aus der Region für die Region“ fördere die Mitglieder. In Zukunft müsse man sich noch mehr an allen am Wirtschaftsprozess Beteiligten bis hin zu den nächsten Generationen orientieren, was Nachhaltigkeit wie etwa im Umweltschutz bedeute, so der Finanzexperte. Er zitiert Papst Benedikt: „Die Genossenschaftsidee könnte etwas sein, was die Weltfinanzindustrie braucht.“

Zusammenhang von Wohlstand und Wachstum
Dr. Georg Stoll, Referent für Verschuldung und Entwicklungsfinanzierung des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, weist darauf hin, dass in den Ländern des Südens die Armen dort die Krise anders wahrnehmen. Im Alltag sei sie durch die Nahrungsmittelpreiskrise viel mehr deutlich geworden. Andere Probleme wie Energiekosten, Klimawandel oder fehlende Ausbildung hätten die Finanzkrise nur weiter verschärft.
Die Abstraktion, Komplexität und Anonymisierung seien Teile der Krise, somit könne Verantwortung nicht mehr zugeordnet werden.
„Wohlstand für alle“, wie ihn die soziale Marktwirtschaft verspreche, müsse sowohl weltweit als auch zukünftig gelten. Wirtschaftswachstum allein sei kein Maßstab, weil beispielsweise Umweltkosten zu Wachstum führen, obwohl zuvor die Umwelt geschädigt worden sei. Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit müssten als weitere Maßstäbe dazu kommen.
Das Verhältnis von Wohlstand und Wachstum müsse neu bestimmt werden. Mit höherem Pro-Kopf-Einkommen, über der Befriedigung der Grundbedürfnisse, steige nicht die durchschnittliche Zufriedenheit. Die Unzufriedenheit steige weniger durch Armut als durch Verteilungsungleichheiten. Ein Leitbild von „Gutem Leben“ müsse entwickelt werden. Darin spiele Vertrauen eine wichtige Rolle.
In der Diskussion der Referenten mit dem Plenum wurde festgestellt, dass es nicht an Erkenntnissen mangele, aber an deren Umsetzung. Ein Strukturproblem sei das kurzfristige Denken in Wirtschaft und Politik in Quartalsbericht und Wahlperiode. Kirche könne als „global player“ gegen nationale Interessen widerständig sein und vermitteln zwischen nationalen Gruppen.
Die Finanzkrise habe eine Wertedebatte ausgelöst. Signifikant sei, dass Religionsvertreter zum ersten Mal beim Weltwirtschaftsgipfel eingeladen waren. Werte dürften nicht allein beschworen werden, sondern mit Wissen und Sachkompetenz verbunden sein.
Freiheit und Verantwortung müssten wieder mehr verbunden werden. Kompetenz sei gefragt, gerade auch für das politische Parkett, auf das sich noch mehr Christen begeben müssten, so die einhellige Meinung des Landeskomitees.