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Interview 02/2010

Unsere Heimat ist der Himmel

Interview Mit Weihbischof Ulrich Boom

Weihbischof Ulrich Boom wurde am 25. September 1947 in Ahaus/Alstätte im Münsterland geboren. Nach der Ausbildung und Tätigkeit als Bauzeichner holte er das Abitur nach und studierte Theologie in Münster, München und Würzburg, wo er 1980 ins Priesterseminar eingetreten ist. Nach der Priesterweihe 1984 war er Kaplan und Pfarrer in Schweinfurt, Baunach, Frammersbach und Miltenberg, seit Januar 2009 Weihbischof der Diözese Würzburg.



Gemeinde creativ: Weihbischof Boom, was bedeutet Ihnen persönlich Pilgern, unterwegs sein, auch zu Fuß unterwegs sein?

Boom: Wir leben in einer Zeit mit ungeheueren Geschwindigkeiten. Früher sprach man vom Weg, dann wird es die Straße, dann wird es zur Autobahn; die Geschwindigkeit erhöht und verdichtet sich. Der Mensch kann gar nicht alles verarbeiten, was am Wegesrand mit einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit an ihm vorbeizieht. Wenn ich aber gehe, kann ich die Dinge des Lebens aufnehmen. Als ich mit einem jetzt verstorbenen Freund, einem Juden, spazieren gegangen bin am Schabbat, dann hatte er überall ein Lobpreis für die Dinge am Wegesrand bereit. Bei der Geschwindigkeit mit der wir durch eine Landschaft fahren, kann man das kaum machen. Sobald ich das eine wahrgenommen habe, ist das nächste Bild schon vor Augen. Darum: Im Gehen geht’s sich’s leichter, wird das Leben auch erträglicher.

Gemeinde creativ: Wohin sind Sie zuletzt gegangen, gepilgert?

Boom: Ich war während des vergangenen Jahres einige Male im Dienst als Bischof an Wallfahrtsorten. Der letzte Weg, den ich zu Fuß gegangen bin, war mein Weg Anfang des vergangenen Jahres von meiner ehemaligen Pfarrei Miltenberg nach Würzburg hin, wo ich jetzt als Weihbischof tätig bin. Diesen Weg bin ich an zwei Tagen mit guten Freunden gegangen. In solchen Tagen kann ja das ganze Leben liegen, ein ganzer Pilgerweg. Sowohl in der Besinnung auf das, was war, aber auch im Blick auf die Zukunft. Und dann birgt ein Pilgerweg in sich Bilder: von Stürmen und Schnee, Regen, dass es kalt ist, dass man sich freut, dass man abends das Quartier hat, bis hin, dass am nächsten Tag die Sonne scheint, dass man das Ziel erreicht und dass man o.k. ist und sich freut, dass man angekommen ist.

Gemeinde creativ: Viele machen sich jetzt auf den Weg, sind unterwegs, innerlich wie auch äußerlich nach München zum Ökumenischen Kirchentag. Ist das auch ein Pilgerweg?

Boom: Aber ganz gewiss. Einmal, weil darin noch einmal zum Ausdruck kommt, dass Ökumene nicht etwas ist, was fertig ist und das wir einfach machen können. Es ist ja das Leben, dass wir unterwegs sind in eine Gemeinschaft hinein. Wir reden immer davon und das ist auch ein gutes Wort: Leben in einer versöhnten Verschiedenheit. Das ist ja nicht einfach da, das ist auch nicht machbar. Hier muss man immer schauen, muss den Anderen kennen lernen. Wie sollte das besser gehen, als gemeinsam unterwegs. Ich finde, es ist eine gute Initiative, dass wir unterwegs sind nach München, auch bildhaft unterwegs sind, in eine Kirche hinein, die in einer versöhnten Verschiedenheit den preist und lobt, der das Ziel unseres Weges ist.

Gemeinde creativ: Die katholische Kirche bezeichnet sich seit dem II. Vatikanum wieder verstärkt als pilgerndes Volk Gottes. Was bedeutet Ihnen persönlich das Bild vom pilgernden Volk Gottes?

Boom: Nicht von ungefähr hat ein Bischof einen Hirtenstab, der immer auch ein Stück Pilgerstab ist, um sich selbst und einer Diözese Halt zu geben. Das ist ein ganz altes Bild, dass der Mensch unterwegs ist. Und wenn das II. Vatikanum dieses Bild besonders oft gebraucht für die Kirche, dann trägt sie dem Rechnung, was der Mensch heute erlebt. Das sind ja nicht nur die Flüchtlingstrecks und die Vertriebenen. Und es trifft ja ganz viele Völker. Oder da sind die Vielen, die Arbeit suchen oder weite Strecken zur Arbeit unterwegs sind.

Vom alten Testament her rührt das Bild vom Volk Israel, das unterwegs ist von Ägypten ins gelobte Land. Das ist ja auch ein Weg, der 40 Jahre durch die Wüste geht, wo dieses Volk gestärkt wird von Gott, wo es aber auch fragt, ist Gott überhaupt da. Es sind Fragen, die uns heute genauso bewegen wie die Menschen früher.

Gemeinde creativ: Innerhalb der Kirche gibt es viel Bewegung. Es gibt Unruhestifter an der Basis, die schneller gehen wollen. Viel Unruhe stiftet momentan die strukturelle Veränderung, die von den Bischöfen verordnet wird.

Boom: Was in den Gemeinden passiert und was die Bischöfe machen, trägt dem Rechnung, was passiert. Wenn eine Gemeinde oder eine Ortskirche unruhig ist, dann ist es, weil sie unterwegs ist. Es gibt immer ein paar, die voran preschen. Andere sagen, wir können nicht so weit gehen. Dann gibt es die Angst: Geht das alles gut, ist das überhaupt der Weg, der zum Ziel führt. Dieses Unruhigsein gibt es sowohl bei denen, die zu leiten haben, den Bischöfen, als auch bei denen, die in einer Gruppe mitgehen, die vielleicht noch jünger sind, noch nicht so viel auf dem Buckel haben und auch manches zurücklassen können. Aber ich sehe das erst mal als etwas sehr Positives an. Es wäre schlimm, wenn wir einfach so gehen würden. So einfach geht das Leben nicht. Das Leben kommt für keinen leicht daher.

Gemeinde creativ: In diesen ganzen Strukturveränderungen ist viel von den Pfarreien die Rede. Aber in der Kirche gibt es daneben auch geistliche Bewegungen. Welche Rolle spielen diese Bewegungen in der Gesamtbewegung der Kirche?

Boom: Eine Pfarrei, wie ein pastoraler Raum lebt von vielen Gemeinden und Gemeinschaften. Es gibt etwas Großes, das sich unterteilt, wie etwa in einer Familie. Wenn wir eine große Familie haben, heißt es ja nicht, dass immer die Großfamilie zusammenkommt. Es gibt manchmal unterschiedliche Gruppierungen, die sich vom Alter her organisieren oder wie man zusammen wohnt, oder welche beruflichen Interessen man hat. Und das ist natürlich für einen pastoralen Raum oder für eine Pfarrei genauso. Es geht nur in vielen kleinen Gruppen. Ich denke Gemeinde besteht immer aus vielen kleinen Gemeinschaften. Und dann sind es nicht nur die geistlichen Bewegungen, die da drin sind und denen man Rechnung zu tragen hat in dem Einheitsdienst, den ein Bischof wie auch ein Pfarrer wahrzunehmen hat. Man muss die Familienkreise sehen, man hat dann die Jugendgruppen oder die Verbände und alles, was so da ist. Ich halte das für belebend.

Damit sind wir wieder beim Ökumenischen Kirchentag. Dieses Bild der versöhnten Verschiedenheit gilt ja nicht nur im Blick auf die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Das Bild der versöhnten Verschiedenheit kann ja auch mal erst für eine Pfarrei beziehungsweise für einen pastoralen Raum gelten.

Gemeinde creativ: Angesichts der Veränderung der Kirche, der Kirchen fragen sich manche und wollen genauer wissen: Wohin bewegt sich Kirche?

Boom: Kirche bewegt sich immer dahin, wo sie hingehört. Und sie gehört zu Gott. Er ist das Ziel unseres ganzen Pilgerweges, ob ich ihn alleine gehe oder in Gemeinschaft. In Gemeinschaft geht’s sich’s möglicherweise leichter, weil ich Menschen habe, die mich tragen, die mich unterstützen auf dem Lebensweg. In den alten Liedern, die zum Pfingstfest zur Sprache kommen, singen wir: „Dann schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid.“ Oder im Beerdigungslied: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu“. Wir ziehen in unser Vaterhaus und sind dann bei Gott zu Hause. Das ist eigentlich der Weg, um den es geht. Wir sollen hier gut miteinander leben und umgehen, aber wir sind nicht hier, um immer auf der Erde zu bleiben, wir sind nicht für die Erde bestimmt, wir sind für den Himmel bestimmt. Am Osterfest werden wir das feiern.

Das Interview führte Thomas Jablowsky.