Pilgerwege des Alltags
Von Frank Beyersdörfer
Ja, pilgern, das wär mal wieder was! Raus aus meinem Alltag, ein Hauch von Urlaub, in die Ferne ziehen mit viel Natur um mich herum. Schöne Kirchen und Klöster sehen, Einsamkeit erleben, meine Müdigkeit spüren, Menschen treffen, Gott finden. Ja, das wär mal wieder was!
Und nicht wenige Bücher laden dazu ein. Beim Durchblättern entdecken wir wandernde Menschen, rastend auf einem Gipfel, wir sehen Landschaften, lesen von Wegen. Verständlich, dass das anspricht. Ich möchte heute auf einen Versuch hinweisen, nämlich darauf, meinen Alltag und meine alltäglichen Wege als Pilgerwege zu verstehen.
Stellen Sie sich einen ganz normalen Tag vor, mit seinen Wegen, die Sie zurücklegen. Von der Wohnung zum Einkauf oder zum Arbeitsplatz. Überlegen Sie, welche Verkehrsmittel Sie benutzen. Vielleicht haben Sie schwere Taschen zu schleppen oder mit dem Fahrrad zu transportieren. Oder es gibt Haltestellen, an denen Sie warten müssen. Wohin gehen Sie? Was wollen Sie erreichen? Gibt es Menschen, die Sie begleiten?
Und nun denken Sie sich: Wie wäre es, wenn ich meinen Alltag als Pilger durchleben würde? Dann würde ich nicht nur einen Zweck erfüllen und etwas erreichen wollen, sondern ich wäre als Mann oder als Frau Gottes unterwegs, als ein Mensch, der Gott sucht. Ich, in meiner Stadt oder in meinem Dorf, wäre pilgernd ein Gefährte oder eine Gefährtin Jesu, ein Mensch, der sich senden lässt von Jesus und der ihn zugleich sucht, tiefer zu verstehen sucht.
Und dann ginge es mir vielleicht wie beim „richtigen“ Pilgern: • Ich sehe etwas Schönes und bleibe stehen, atme durch. • Ich spüre meine Einsamkeit und gehe in Treue weiter. • Ich werde müde und sehne mich nach einer Rast. • Ich treffe Menschen und freue mich an diesen Begegnungen. • Ich trete in eine Kirche ein und verschnaufe vor Gott.
Im Unterschied zum „richtigen“ Pilgern steht das Ziel des Pilgerns im Alltag nicht so klar vor Augen. Es geht vielmehr um eine Deutung meiner alltäglichen Wege und um ein inneres Erleben. Und wenn ich sie als Pilgerwege verstehen kann, dann gewinnen sie vielleicht eine ganz eigene Würde – denn kein Weg und kein alltägliches Mühen sind umsonst, wenn ich sie als Freund und als Freundin Jesu gehe und bewältige.
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