Wie Pilgern Impulse für das Gemeindeleben geben kann
Tipps für die Gestaltung von Pfarrwallfahrten
In einer Zeit, in der sich die Menschen so gut es geht gegen Risiken abgesichert haben, wird es ihnen zunehmend langweiliger. Deswegen, aber auch, weil sie sich immer mehr als fremd gesteuert empfinden in einer durchorganisierten Welt, suchen Menschen nach neuen Wagnissen. Ein solches Wagnis ist heute das Pilgern, konstatiert der Sportsoziologe Professor Karl-Heinrich Bette von der Technischen Universität Darmstadt. Die Wallfahrt erfüllt darüber hinaus den Wunsch vieler Menschen, Natur zu erleben.
Von Pat Christ Freie Journalistin
Es sind demnach säkulare Ursachen, die Bette im digitalen, automati-sierten Zeitalter für den Wallfahrtsboom aufdeckt. Professor Dr. Michael Rosenberger, der in Linz Moraltheologie lehrt, gibt ihm darin Recht: „Wagnis, eigenständige Lebensgestaltung, Naturerleben, Selbstverwirk-lichung und leibhaftige Erfahrung – all das kann Pilgern auf ideale Weise vermitteln.“ Und zwar selbst jenen Menschen, die nicht besonders religiös sind, die also „nur“ deshalb pilgern, um sich selbst zu suchen oder den eigenen Lebensweg neu zu orientieren.
Darüber, dass Menschen ohne religiösen „Background“ in aller Frühe aufbrechen, um zwecks Selbstfindung und aus einer Spur Abenteuerlust heraus auf Pilgerfahrt zu gehen, muss dem in Kitzingen geborenen Theologen zufolge niemand die Nase rümpfen. Faszinierend sei nämlich, zu beobachten, dass die säkularen Pilger „religiöser“ werden, wenn sie sich auf Wallfahrt begeben. Empirische Untersuchungen belegten dies.
Den langjährigen Wallfahrtsbeobachter beunruhigt es deshalb nicht, dass die Suche der Menschen nach sich selbst immer häufiger in die Tradition des Pilgerns einmündet. Menschen dürfen sich auf diese Weise innerlich neu orientieren, erklärt er. Allerdings: Der Pilgerboom fordert diejenigen, die Wallfahrten gestalten, heraus. Ihnen muss es gelingen, die Orientierungssuche der Menschen zu vertiefen, so dass sie ihre Wallfahrt letztlich als jenes große Geheimnis erfahren, das „unser Leben trägt und das wir Christinnen und Christen Gott nennen“.
Bemerkenswert ist für Rosenberger, dass die beiden Phänomene „Wallfahrtsboom“ und „Pfarreiensterben“ derzeit umgebremst aufeinanderprallen. Sie könnten konträrer kaum sein, diese beiden Lebensfelder, konstatiert der Priester aus der Diözese Würzburg.
Es sind vor allem junge Männer und Frauen, die sich, lange bevor der Tag aufdämmert, zur Pilgerfahrt anschicken. Über ein Drittel der Wallfahrer seien heute jünger als 30 Jahre. Nicht einmal zehn Prozent sind mehr als 60 Jahre alt. Auf den Kirchenbänken hingegen kehrt sich das Altersverhältnis hundertprozentig um. Rosenberger: „Es scheint, als hätten Pfarrleben und Pilgern kaum etwas miteinander zu tun.“
Wallfahrt bedeutet Aufbruch, bedeutet Wandlung. Pfarrei bedeutet Bleiben, Beharren. Nur selten inspirieren sich beide Lebensfelder. Denn zu wenig intensiv wird im Vorfeld einer Pfarrwallfahrt darüber nachgedacht, wie diese gestaltet sein müsste, damit sie auf die gesamte Pfarrei ausstrahlt. Beginnen müssten dahingehende Überlegungen mit der Frage, wohin die Pfarrei denn pilgern soll. Die Frage ist eng verknüpft mit dem, was die Pfarrei aktuell bewegt. Wohin entwickelt sie sich? Wohin will sie sich entwickeln? Welche Hürden sind auf diesem Weg zu überwinden?
Fruchtlos bleiben Pfarrwallfahrten, was ihre Funktion als Impulsgeber für ein lebendiges Pfarreileben anbelangt, werden sie routinemäßig oder allzu pragmatisch organisiert. Schlecht etwa, wird genau dann zu einer Wallfahrt aufgebrochen, wenn im Terminkalender eine Lücke klafft. Pfarreien, die Wallfahrten zu etwas Lebendigem machen möchten, legen sie in eine für die Pfarrei „heilige Zeit“. Auch dies erfordert Nachdenken: Was ist der ideale Moment? Der muss nicht alljährlich wiederkehren. Rosenberger: „Statt im regelmäßigen Trott jedes Jahr eine Pfarrfahrt anzubieten, die dann oft nur eine Urlaubsreise mit Morgen- und Abendgebet ist, kann eine Wallfahrt nach mehreren Jahren Pause mehr bewirken.“
Wallfahrer unterscheiden sich von Touristen und Trecking-Fans dadurch, dass sie nicht das Neue, Exotische, das Abenteuer suchen. Darum ist es auch nicht unbedingt das Unbekannte, von dem die fruchtbarsten Impulse für eine Erneuerung des Gemeindelebens ausgehen, gibt der Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz zu bedenken. Oft dient das vertraute Pilgerziel mit seiner über Jahrhundert zurückreichenden Tradition, dessen Bild auf jener pfarreieigenen Stange prangt, die der Wallfahrt voran getragen wird, als der entschieden bessere Impulsgeber.
Gezielt eingeladen werden sollten diejenigen, die für Aufbruchstimmung in der Pfarrei sorgen können. Von daher ist es eben nicht sinnvoll, so Rosenberger provokativ, wenn der Seniorenkreis als Adressat genügt. Oder wenn es völlig dem Zufall überlassen bleibt, wer sich für die Wallfahrt anmeldet.
Auch Pfarreimitglieder, die keine leidenschaftlichen Frühaufsteher oder tief religiöse Naturliebhaber sind, gilt es zu motivieren. Rosenberger plädiert dafür, vor allem auf die Jungen in der Pfarrei zuzugehen, sie für die Idee einer Pilgerreise, die dem Gemeindeleben neue Impulse gibt, zu begeistern. Auch die aktiven Pfarrgemeinderäte und die zahlreichen Ehrenamtlichen, die sich bei Kolping oder der KAB, im Kinderchor oder dem Familiengottesdienstteam engagieren, sollten animiert werden.
Um das Problem der Wallfahrt, die das Gemeindeleben befruchten soll, weiter aufzudröseln, gilt es laut Rosenberger, über die Einbindung derjenigen, die nicht mitpilgern können, nachzudenken. Eine Möglichkeit wäre es, für sie einen Bus zu chartern und sie ans Wallfahrtziel zu bringen, wo sie die Wallfahrerinnen und Wall-fahrer empfangen. Ist dies organisatorisch nicht möglich, könnte ein feierlicher Empfang für die Wallfahrer in der Heimatpfarrei für ein gemeinsames Erlebnis sorgen.
Bevor zum Beispiel die Würzburger Kreuzberg-Wallfahrer heimkehren, wird die Semmelstraße für sie geschmückt und ein Fest, die „Zwiebelkirchweih“, ihnen zur Ehre veranstaltet. Ziehen sie nach einem 180 Kilometer langen Marsch endlich ein, werden sie feierlich mit Blumensträußen empfangen.
Weil es vor allem bei längeren Wallfahrten nicht einfach ist, wieder auf „Alltag“ umzuschalten, plädiert Rosenberger für einen feierlichen Abschluss der Pilgerfahrt in der eigenen Pfarrkirche. Für fünfzehn Minuten noch einmal zusammenkommen, zusammen mit den Angehörigen und anderen Pfarreimitgliedern Gott zu danken, erleichtert das Ankommen. Die Wallfahrt wird sichtbar abgeschlossen, der Weg in den Alltag hinein geebnet.
Grundsätzlich können für Rosenberger nur jene Impulse aus Pilgerfahrten ziehen, die den Mut aufbringen, sich für das Unbekannte zu öffnen, sich also auf fremde Menschen, die einem auf der Wallfahrt begegnen, auf fremde Bräuche und Lebensvorstellungen einzulassen. Rosenberger: „Pfarreien, die sich vom Pilgerboom beflügeln lassen wollen, brauchen die Offenheit für Neues und die Kraft zur Mission, die auch im außerkirchlichen Bereich unerschrocken den eigenen Glauben bezeugt.“
Zum Schluss noch ein Tipp zum Schmökern: In seinem 152-seitigen Buch „Wege, die bewegen. Eine kleine Theologie der Wallfahrt“, das 2005 im Würzburger Echter-Verlag erschien, beschreibt Rosenberger jene anthropologischen Strukturen, die sich hinter der alten Formel vom „homo viator“, dem „Menschen als Pilger“ verbergen. Diese Formel zu untersuchen, ist wichtig, um tiefer zu verstehen, was Wallfahrt ist und sein kann.
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