Nachhörenlautsprecher

Zwischen Burg und Fluss

Interview mit Domkapitular Josef Fischer, Burghausen ...mehr


30. April 2012

Neues "Handbuch Pfarrgemeinderat" ist erschienen                        

Buch zur kirchlichen Laienarbeit...mehr


24. März 2012

"Kirchliche Gremien müssen durch Wahl legitimiert werden"

Bericht zur Frühjahrsvollversammlung...mehr


24. März 2012

Landeskomitee fordert mehr Qualität bei Privatsendern


Medienerklärung zum Abschluss der Vollversammlung...mehr


23. März 2012

"Berichte über Kirche in der Mitte der Gesellschaft verankern"

Vorträge BR-Intendant und BLM-Präsident...mehr


16. März 2012

Landeskomitee befasst sich mit veränderter Medienlandschaft

Vollversammlung in Augsburg...mehr


3. Februar 2012

Zeitgeschichtliches Dokument aus der Hand Václav Havels

Notiz des verstorbenen Staatspräsidenten...mehr

Schreiben Sie uns...

  • Ihre Meinung zu Beiträgen
  • Fragen, die beim Lesen aufgetaucht sind
  • Reaktionen an die jeweiligen Autoren
  • Themenwünsche und Ideen für
    zukünftige Ausgaben
Hier geht`s zum Formular
Schwerpunktthema 02/2011
Gesellschaft lebt vom Engagement Einzelner
Ehrenamt und Freiwilligendienst

Neben den Klassikern wie Johanniter, Caritas und Arbeiterwohlfahrt waren Gruppen gegen Adipositas, ökologisch Engagierte, Müttervereine, Migrantenhelfer, Vorlesedienste und und und auf der Freiwilligenmesse in München. 80 Aussteller lockten rund 5000 Besucher an, die sich informierten, wie und wo sie sich ehrenamtlich einsetzen können. Laut Freiwilligensurvey des Bundesfamilienministeriums sind ein Drittel der Bevölkerung ehrenamtlich engagiert.

Von Thomas Jablowsky
Redaktionsleiter

Jeder kirchlich Engagierte mag sich die Augen reiben angesichts solcher Zahlen: Wo sind denn die Engagement Suchenden und Interessierten, wenn es um Engagement in der Pfarrei oder dem kirchlichen Verband geht? Verwirrung stiften zudem die neuen Vokabeln wie „Bürgerschaftliches Engagement“, „Neues Ehrenamt“, „Freiwilligenzentrum“ oder „Ko- ordinierungszentren im ländlichen Raum“.

Zur Klärung der Begriffe habe ich mich auf der Freiwilligenmesse unterhalten mit jenen, die im neuen Ehrenamt tätig sind oder es koordinieren. „Wir suchen passgenau, welcher Dienst zum Profil des zukünftigen Ehrenamtlichen passt“, beschreibt eine Frau hinter einem Stand die Engagement-Beratung. Zu diesem Profil gehören die vorhandene Zeit, die Motivation, die Kompetenzen und weitere Fragestellungen. „Dann suchen wir in der Kartei nach den Anbietern von Engagement, die dazu passen.“ Dabei dürfe der Spaßfaktor nicht vergessen werden, die Leute tun damit auch etwas für sich, fänden Bestätigung und Sinn. Man wolle ja sinnvoll seine Zeit verbringen und sich in die Gesellschaft einbringen. „In der Kirche passiert das doch automatisch“, bekomme ich zur Antwort, als ich zweifelnd frage, warum es dafür eine Art Freiwilligenagentur brauche.

Kirche ist anders?
In der Kirche, auf welcher Organisationsstufe auch immer, ist es manchmal ein bisschen anders, sehr ähnlich auch zum Sportverein. Da geht es um Aufgaben, die erledigt werden müssen, um „den Betrieb am Laufen zu halten“. Gerade jetzt, wenn der Kirche zusehends die Hauptamtlichen fehlen, sollen Ehrenamtliche einspringen. Man sucht Ehrenamtliche, Freiwillige, fragt diesen oder jenen, ob er nicht könne oder wolle: Kandidat zum Pfarrgemeinderat, Vorsitzender gar, Pfarrjugendleiter oder Frauenbundsvorsitzende. Der Unterschied dieser Aufgaben zu vielem, was auf der Messe geboten wurde: Sie sind mit Verantwortung verbunden, binden möglicherweise über einen längeren Zeitraum, sind unkalkulierbarer im Arbeitsaufwand. Und oft erfordern sie Eigeninitiative und Kreativität, das Amt auszufüllen. Da ist ein Vorlesedienst, den übrigens auch eine Pfarrei gut selbst organisieren könnte, einfacher: Zwei Stunden in der Woche gehe ich zu einem Menschen, dessen Augenlicht trüb ist oder zu einem Kind, dessen Sprachkenntnisse nicht reichen und das dazulernen soll, und lese vor. Solche „Posten“ gibt es auch in der Kirche, und oft keinen Mangel an Gläubigen, die etwas wie Lektorendienst, Putzen in der Kirche (organisiert vom Mesner) oder Bedienen beim Pfarrfest übernehmen.

Überraschende Befunde
Umso überraschender das Ergebnis einer Studie, die die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in Auftrag gegeben hat. Die bayerische Bevölkerung ist nach wie vor stark in Vereinen und Verbänden organisiert. Bei kirchlichen Vereinigungen, Selbsthilfegruppen und sonstigen Organisationen seien die Anteile von Engagierten seit 1995 praktisch unverändert geblieben. So lag etwa die Mitgliedschaft bei kirchlichen Vereinigungen im Jahr 2010 bei 20 Prozent (2002: 18 Prozent). Als Hauptmotiv für Mitgliedschaften und Engagement finde sich bei den Befragten das Gemeinschaftsgefühl. Die damit verbundene Geselligkeit durch soziale Kontakte stehe für die meisten im Vordergrund, wie dies für kirchliche Vereinigungen 31 Prozent angaben und für Vereine 33 Prozent. Bei beiden werde zudem die Freizeitgestaltung geschätzt. „Gesellschaftliche Gründe“ für ihr Mitwirken in den Kirchen gaben 21 Prozent an, bei den Parteien waren es 31 Prozent, bei Bürgerinitiativen 32 und bei Hilfsorganisationen 42 Prozent.

Zwei Auffälligkeiten gibt es in der Studie: Zum einen gibt es einen Unterschied zwischen den Generationen: Bei den jüngeren Befragten ist die Bereitschaft zum Engagement deutlich geringer. Und zum anderen zeigt der Vergleich zu den Parteien, wenn es um die Übernahme von Verantwortung geht, dass die Zahl derer, die sich verantwortlich engagieren wollen, bei „Kirchlichen Vereinigungen“ am Höchsten liegt und im Vergleich zu 2002 sogar gestiegen ist, während die Parteien von vorneherein weniger „Verantwortliche“ verzeichnen konnten und die Zahl weiter gesunken ist. Zumindest in der Statistik stehen die Kirchen noch relativ gut da, wenn es um ehrenamtliches Engagement geht.

In kirchlichen Kreisen steht man in der Gefahr, sich selbst kleiner zu machen, als man ist. Das bisher größte Netz an Freiwilligenagenturen sind Pfarreien, kirchliche Verbände und die Caritas – auch wenn sie bisher niemand so bezeichnet hat. Aber hier sind Anlaufstellen für alle, die mittun wollen und können. Oft scheitert es nur daran, sie zu lassen und zu unterstützen. Was die Motivation betrifft, hat Kirche sowieso einen Vorsprung: Der Glaube und die Botschaft der Nächstenliebe sind das Fundament vieler Engagierter in der Kirche – und außerhalb.

Gutes tun aus dem Geist des Glauben
Dass gläubige Menschen Gutes tun und dies nicht mit ihrem Glauben in Verbindung bringen, ist mir allerdings auch schon begegnet: Ein Betriebsrat, der jeden Sonntag in die Kirche geht oder eine Hospizhelferin, die daneben in einer Rosenkranzgruppe aktiv ist. Beide bestreiten, dass ihr Einsatz für andere am Krankenbett oder im Betrieb etwas mit ihrem Glauben zu tun habe. Und wenn in der Befragung die Rede auf Politik kommt, bringen dies die Befragten auch nicht mit ihrem Glauben und der Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Vereinigung in Verbindung. Solche Wahrnehmungen verzerren dann auch manche Statistiken.

Im vorpolitischen Raum wird laut Hanns-Seidel-Stiftung nirgends so wenig über Politik gesprochen wie in kirchlichen Vereinigungen. Aber was ist mit den kirchlichen Sozialverbänden? Was mit den Aktionen zu Präimplantationsdiagnostik, Lebensschutz und den Info-Veranstaltungen der Bildungswerke und Akademien zu aktuellen politischen Fragen?

Ähnlich wie bei der Frage nach dem Ehrenamt scheint die Wahrnehmung getrübt. Andere sehen von außen das Engagement der Ehrenamtlichen in der Kirche nicht – wie etwa das Sozialministerium bei der Einberufung eines Runden Tisches zum Bürgerschaftlichen Engagement Caritas und Kirche erst einmal vergessen zu haben schien. Und Kirche selbst jammert weiter über fehlendes Engagement, obwohl es wahrscheinlich noch nie so viele Ehrenamtliche in der Kirche gab wie momentan. Die Form und die Beständigkeit haben sich verändert, das mag sein. Vielleicht sollte auch Kirche mehr auf das Profil der Menschen Rücksicht nehmen, was sie können, wer sie sind, was sie möchten. Gerade Kirche hätte aus ihrer Tradition die Methoden, den Menschen zu helfen, ihren Weg zu finden, etwa in Exerzitien oder in geistlicher Begleitung. So ließen sich vielleicht noch mehr integrieren in das große Projekt Kirche, das momentan auf der Suche nach neuen Wegen sein muss, ohne die alten Ziele aus dem Auge zu verlieren.

Literatur: Politische Partizipation und gesellschaftliches Engagement in Bayern, 2011, www.hss.de