| Interview 03/2011 |
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Den Verfolgten zuhören Interview mit Weihbischof Václav Malý, Prag Václav Malý (geb. 1950) wurde 1976 zum Priester geweiht. Ein Jahr später unterzeichnete er die Charta 77, 1981-1982 war er ihr Sprecher. 1978 wurde er Mitglied des Komitees zur Verteidigung der zu Unrecht Verfolgten (VONS), das die tschechische und internationale Öffentlichkeit über das Schicksal der politischen Häftlinge in der Tschechoslowakei informierte. Von 1979 bis 1989 konnte er sein Priesteramt nicht offiziell ausüben. Im November 1989 war er an der Seite von Václav Havel einer der Hauptprotagonisten der Samtenen Revolution. 1996 wurde er zum Weihbischof von Prag ernannt. Er ist Vorsitzender der Kommission „Iustitia et Pax“ bei der Tschechischen Bischofskonferenz, die gegen Menschenrechtsverletzungen in Tschechien und weltweit auftritt. Heute ist er vor allem im Nahen Osten und in Asien unterwegs. Gemeinde creativ: Was verbinden Sie mit Ihrem Kontakt nach Deutschland? Malý: Zunächst Dankbarkeit. Die Ackermann-Gemeinde hat uns schon vor der Wende sehr viel geholfen. Viele Leute kamen aus Deutschland, um uns zu ermutigen. Zum Beispiel war ich auch in Kontakt mit einer Gruppe der Oratorianer in Leipzig, die uns stark unterstützt hat. Es gab viele Gruppen und Einzelpersonen, die in der Vergangenheit Interesse für die damalige Tschechoslowakei und für die katholische Kirche hatten. Auch in der Gegenwart brauchen wir finanzielle Hilfe. Wir haben schon vieles mit deutschem Geld erreicht. Wir haben gebaut und viel in die Bildung investiert. Hierfür vielen, vielen Dank. Gemeinde creativ: Und über das Geld hinaus? Malý: Die Deutschen haben eine reiche theologische Tradition. Bei uns beginnt das theologische Arbeiten erst. Nach dem kommunistischen Putsch war die theologische Kontinuität gebrochen. Jetzt wächst eine neue Generation von Theologen heran, die theologische Inspiration sucht. Der Kontakt ist auch aus pastoralen Gründen wichtig. Selbstverständlich haben wir in Tschechien eine andere Situation, können aber trotzdem aus deutschen pastoralen Erfahrungen lernen. Zum Beispiel was die Pfarrgemeinderäte und die Rolle der Laien betrifft. Die deutsche Sprache ist für uns sehr wichtig. Deutschland ist für uns das Tor zu Europa. Wir sind Nachbarn und wir leben in Nachbarschaft. Und es gibt bereits viele Freundschaften zwischen Pfarrgemeinden. Aus diesen vielen Gründen ist es wichtig für die tschechische katholische Kirche, noch engere Kontakte mit der deutschen Kirche zu pflegen. Gemeinde creativ: In Deutschland ist momentan in der Kirche viel von Krise die Rede. Wie ist denn die Lage in Tschechien? Malý: Ich beobachte eine Polarisierung in der deutschen Kirche. Zu dieser Polarisierung kommt es bei uns bislang nicht, was aber nicht bedeuten soll, dass wir zufrieden sein können. In unserer säkularisierten Gesellschaft gibt es eine jugendliche Generation, die etwas Tieferes sucht, die sogar eine Religion sucht, welche aber nicht mit einer Institution verbunden ist. Wir sind noch ratlos, wie wir diese Leute ansprechen sollen. Wir müssen die Laien noch mehr zu Aktivitäten ermutigen, müssen zu einer besseren Zusammenarbeit von Laien und Priestern kommen. Und dann müssen wir wieder eine theologische Tradition begründen. Gemeinde creativ: Das war der Blick nach innen in die Kirche. Und nach außen in die Gesellschaft? Malý: Wir müssen uns selbstverständlich mehr in der Gesellschaft engagieren, nicht nur caritativ, was schon sehr gut entfaltet ist. Zum Beispiel sollten wir uns mehr für Menschenrechtsfragen einsetzen. Der Glaube kann nicht nur sich selbst genügen: Glaube bedeutet auch, konkret zu werden beispielsweise in der Mitgestaltung einer Bürgergesellschaft. Wir zögern und viele sind sich bei uns unsicher, was daraus wird. Wir müssen den Mut haben, mit den Ungläubigen zu sprechen. Gemeinde creativ: Aus Ihren Ausführungen werden schon einige Unterschiede zur deutschen Kirche klar. Was würden Sie der deutschen Kirche momentan sagen? Malý: Man diskutiert manchmal zu viel, aber es ist wichtig den Dialog zu führen. In dieser Sache ist die deutsche Kirche für mich weit entwickelt. Aber es geht um ein Gleichgewicht zwischen der Beziehung zum Zentrum der Kirche und der Offenheit für die anderen Ortskirchen. Es ist für mich auch eine Frage, ob unsere Kirche fähig ist zu lernen. Gemeinde creativ: Was kann denn die Kirche in Deutschland von Ihnen lernen? Malý: Von der älteren Generation vor allem, dass der Glaube mit Leiden verbunden ist. Der Glaube und das Opfer sind verbundene Gefäße. Ich musste für den Glauben auch ein paar Opfer bringen. Man muss Geduld haben und man muss auch damit rechnen, dass sich Resultate nicht gleich einstellen. Man muss den persönlichen Glauben mit dem Glauben der anderen verbinden und mit ihnen im Glauben leben. Glauben ist keine Privatsache, das ist eine Gemeinschaftssache. Das soll jedoch nicht bedeuten, die eigene Persönlichkeit sowie die Verbindung zur Universalkirche zu verleugnen. Gemeinde creativ: Spielt in der tschechischen Kirche die Sorge um die Umwelt eine Rolle? Malý: Hier sind wir am Anfang. Dieses Thema ist theologisch noch nicht verarbeitet. Es gibt Ausnahmen, aber sehr wenig. Es gäbe gute Anknüpfungspunkte zu ökologischen Bewegungen und Gruppen, aber wir haben bis jetzt noch nicht den Weg zu ihnen gefunden. Im geistigen Denken unserer Gläubigen, auch unserer Priester, kommt Ökologie kaum vor. Ich lerne, dass ich auf diesem Feld mehr machen muss. Gemeinde creativ: Wir in Deutschland sehen die Schöpfungstheologie als Grundlage für ökologisches Engagement der Kirche. Malý: Schöpfungstheologie spielt theoretisch eine Rolle. Viele interessieren sich für die Kosmologie, also die Entstehung des Universums. Ich lese diese schwierigen Bücher auch. Wie kann Glaube diese Theorien ernst nehmen? Aber auf der konkreten Ebene sind wir nicht in die ökologischen Bewegungen eingebunden. Gemeinde creativ: Was motiviert Sie, sich einzusetzen für Menschenrechte in der halben Welt trotz der Probleme im eigenen Land. Malý: Das ist sehr einfach. Ich war aktiv in der Dissidentenbewegung „Charta 77“ und im Komitee für die Verteidigung von ungerecht Verfolgten. Ohne die Solidarität aus dem Ausland wäre es mir nicht möglich gewesen, mich auf diesem Feld zu engagieren. So will ich nun zu den Leuten gehen, die nicht in Freiheit leben. Das ist so einfach. Als Bischof bin ich nicht nur für das kirchliche Milieu zuständig. Die ganze Erde ist ein Ort der Gotteserfahrung, von Gottes Kommen und jeder Mensch guten Willens ist für mich auch ein Weg von Jesus zu mir. Aus diesem theologischen Grund halte ich es für wichtig, eine Bürgergesellschaft zu schaffen und alle Leute guten Willens zu unterstützen. Vor allem diejenigen, die für die Freiheit in den Diktaturen kämpfen, die ehrlich sind und die sich für Demokratie einsetzen. Das ist der Grund warum ich auch in die Länder reise, wo bis heute die Menschenrechte nicht oder sehr wenig respektiert werden. Gemeinde creativ: Wo waren Sie denn schon? Malý: Vor allem besuchte ich die Staaten, von denen ich weiß, dass dort Dissidenten leben, die etwas für die Verbesserung der Lage machen wollen: China, Iran, Kuba, Weißrussland, Moldawien; in der letzten Zeit war ich im Irak und auch in El Salvador. Es gibt Verfolgung aus ideologischen Gründen und aus religiösen Gründen, vor allem in den muslimischen Staaten. Aber es gibt auch Verfolgung aus sozialen Gründen, zum Beispiel in Mittel- und Südamerika. Priester wurden zum Beispiel umgebracht, wenn sie auf der Seite der Schwachen stehen. Gemeinde creativ: Was ist das Ziel Ihrer Besuche? Malý: Ich gehe nicht dorthin, um zu beraten, sondern um zuzuhören und dann hier davon zu berichten. Es geht mir um menschliche Kontakte, nicht um offizielle Besuche mit Empfängen. Ich will konkrete Menschen treffen, Christen, Bischöfe oder Vorstände der Gemeinden, nicht nur katholische, auch protestantische oder orthodoxe, wenn es möglich ist, weiter Dissidenten und dann auch die Familien der Verhafteten. Das ist mir wichtig. Diese drei Ziele zu verbinden ist nicht so einfach. Gemeinde creativ: Wie reagieren die Menschen auf Ihre Besuche? Malý: Einige verstehen nicht, dass ein katholischer Bischof sich für sie interessiert. Ich sage dann: „Ich bin in Menschenrechtsfragen engagiert. In diesem Sinne unterscheide ich nicht, ob Sie gläubig sind oder nicht. Sie sind für mich ein ehrlicher Mann und ich weiß von Ihnen, Sie streben nach Freiheit, nicht nur für sich, sondern für die ganze Gesellschaft. Das steht im Einklang mit meinem Glauben und ist mir daher ein wichtiges Anliegen.“ Das Interview führte Thomas Jablowsky |