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Meditation 03/2011
Orientierung in der Krise

Von Sr. Franziska Mitterer

Fukushima, 25 Jahre Tschernobyl – zwei Schlagworte für globale Krisen heute. Auch auf anderen Ebenen ist Vieles im Wanken: in Gesellschaft und Staat, in den Pfarreien, die längst in größere pastorale Räume zusammengefasst sind, wie im privaten Bereich. Krise, ein Wort, das schnell in den Mund genommen wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir den Blick auch gern darauf werfen. Das Negative scheint attraktiv zu sein.

Viele Exerzitien-im-Alltag-Teilnehmer in den Pfarreien bestätigen es: beim abendlichen Tagesrückblick, oder, wie es der Jesuit Willi Lambert nennt, beim „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ zeigt sich diese Attraktivität des Negativen deutlich. Beim Schauen auf den vergangenen Tag drängen sich zuerst die als schwierig empfundenen Punkte auf. Es ist eine echte Herausforderung, den Tag so lange aufmerksam anzuschauen, bis der Beter mindestens für einen Punkt Gott danken kann.

Krise leitet sich vom griechischen Wort „krinein“ ab.
Es bedeutet „unterscheiden“. Ignatius von Loyola, der große geistliche Lehrer, lädt zur Orientierung ein. Der Mensch soll unterscheiden zwischen Situationen, Ereignissen, Begegnungen, die zu mehr Offenheit, Lebendigkeit, Freiheit, Glaube, Hoffnung, Vertrauen und Liebe führen und solchen Situationen, die das Gegenteil im Menschen auslösen. Die Krise macht Orientierung erforderlich. Egal, ob es eine globale, gesellschaftliche, kirchliche oder private Krise ist.

Eine konkrete Hilfe zur Orientierung kann der tägliche Tagesrückblick sein. Den Tag mit Gott beenden. Wenigstens drei Minuten.

Hier die Grundschritte:
Innehalten – Durch- und Aufatmen: Ich habe Zeit.
Hinspüren – Ich bin da. Gott ist (für mich) da.
Wahrnehmen – Ich schaue liebevoll auf den Tag. Wo fühle ich mich angesprochen? Ich verweile.
Danken – Was hat mir gut getan? Wo bin ich beschenkt? Ich danke Gott.
Versöhnen – Was will sich in mir ordnen, befreien, versöhnen? Ich bitte Gott um seine Begleitung.
Beenden – zum Beispiel mit dem Kreuzzeichen.

Diese tägliche Übung macht mich lebendiger, präsenter, achtsamer, gelassener, dankbarer, freier, sie schenkt Orientierung. Durch alle Krisen hindurch. Krise bedeutet immer auch Erschütterung. Das ist ernst zu nehmen. Und für Erschütterungen braucht es Hilfen. Eben eine Orientierung. Quasi ein ABC, mit dem der Christ sie durchbuchstabieren kann. Daraus lesen und so lernen kann. Für uns Christinnen und Christen ist immer Jesus Christus Maßstab und Orientierungspunkt. In Krisenzeiten ganz besonders. Jesus ist durch alle Erschütterungen hindurch sich selber treu geblieben. Der Grund: Er blieb mit seinem ganzen Wollen und Vertrauen auf Gott, seinen Vater ausgerichtet. Durch alle Krisen hindurch ist er gleichzeitig in Beziehung zu den Menschen geblieben, ihnen zugewendet.

Dieses Ausgerichtet sein auf Gott, wie es Jesus uns vorgelebt hat, ist eine Frage der Übung: in Zeiten der Stille, des Betens, der Pause, im Innehalten darf der Mensch immer wieder alles, auch die Krise selber, auf Gott hin loslassen. Es in Gottes gute Hände legen.

Und gerade in der Krise ist der Christ eingeladen, in Kontakt mit anderen zu bleiben. Gute Gespräche, echter Austausch können die Sicht weiten. Und Hoffnung schenken. Noch mehr hilft es dem krisengebeutelten Menschen, sich für andere zu engagieren. Das lässt ihn sich selber überschreiten. Und gibt ihm Orientierung in der Krise.