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Schwerpunktthema 04/2011
Freiheit – Gleichheit – Geschwisterlichkeit

Braucht es einen „New Deal“ – einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Frauen und Männern?

„Its a men‘s world“ lautet eine Liedzeile in einem Frauenprotestsong des letzten Jahrhunderts. Gilt das noch oder sind wir im Jahr 2011 schon so weit, dass eine Gleichstellungspolitik überflüssig ist? Haben junge Frauen nicht die gleichen Chancen wie junge Männer, ihr Lebensglück zu finden, im Beruf, in der Familie und im gesellschaftlichen Leben – von der Kirche ganz zu schweigen?

Von Brigitte Rüb-Hering
Landesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Bayern e.V.

Vieles hat sich bewegt in den letzten Jahrzehnten. Das Miteinander der jungen Leute ist heute scheinbar völlig unproblematisch. Mädchen und Jungen lernen gemeinsam in der Schule und lernen ihre jeweiligen Besonderheiten kennen. Was davon anerzogen und was genetisch festgelegt ist, wird unterschiedlich beurteilt. Fakt ist: Genie hat kein Geschlecht. Alle haben geschlechtsunspezifische Talente, die sie entwickeln und zur persönlichen und allgemeinen Freude nutzen können sollten. Doch lässt die Gesellschaft das zu?

Es fängt gleich nach der Geburt an, dass – nicht nur von den Eltern – ein Mädchen- oder Jungenprogramm geboten wird. Die Farbe der Kleidung, die Auswahl des Spielzeugs, der Bücher, der Ausflugsziele, der sozialen Kontakte, die „An-Sprache“ der Eltern und weiterer Kontaktpersonen: Alles wirkt darauf hin, dass Kinder ihre Geschlechterrollen wahr- nehmen und sich entsprechend verhalten.

Welch ein Glück, dass sich, trotz aller Gefahren und Ablenkungen, Süchten und Verführungen doch noch so viele junge Menschen zu tüchtigen und hoffentlich auch glücklichen „Leistungsträgern“ entwickeln.

Dazu brauchen sie heute mehr Zeit als in früheren Generationen. Nicht selten leben sie bis zum Ende der Ausbildungszeit zu Hause oder nahe bei den Eltern, das heißt bis zum 25. Lebensjahr und darüber hinaus werden sie von diesen mitversorgt. Die Phase der Familiengründung verschieben junge Leute auch aufgrund der zunehmenden Zahl unsicherer und prekärer Arbeitsverhältnisse immer häufiger in das vierte Lebensjahrzehnt. Eltern sind deshalb länger in ihrer Ernährer- und Erzieherrolle gefordert und angesichts der komplexen Entwicklungen in Gesellschaft und Arbeitswelt nicht selten überfordert.

Keine Überraschung ist es deshalb, dass der glücklicherweise immer noch vorhandene Kinderwunsch von jungen Frauen und Männern nur teilweise realisiert wird. Sie haben es – auch in der heutigen Zeit – damit nicht leicht. Sich gegen einen gesellschaftlichen Trend zum scheinbar schönen Leben und gegen die strukturellen und mentalen Widerstände der Arbeitswelt zu stellen und trotzdem eine Familie zu gründen, braucht viel Mut.

Deshalb ist die Politik gefordert und zwar mehr denn je. Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Stabilitätskrise des Euro sowie die Energiewende scheinen alle politische Kraft zu absorbieren. Neue Ansätze in der Familien- und Bildungspolitik sowie zur Stärkung der gesetzlichen, sozialen Sicherungssysteme sind trotz der offensichtlichen Notlagen aktuell kaum im Gespräch. Der Pflegenotstand, die drohende Altersarmut, das Wegbrechen der Mittelschicht und die zunehmende Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich sind Problemlagen, die nicht nur „himmelschreiend“ sind, sondern auch zum dringlichen, politischem Handeln aufrufen.

Die gesellschaftspolitischen Defizite gehen immer noch überwiegend zu Lasten der Frauen. Auch wenn Frauen die Gewinnerinnen im Bildungswettbewerb sind, nützt ihnen das für ihre berufliche Laufbahn und ihren Einkommenserwerb wenig. Sie werden seit Jahrzehnten bei gleicher Arbeit schlechter entlohnt als Männer, ohne dass ernsthafte, politische Anstrengungen unternommen werden, diese skandalöse Diskriminierung der Frauenerwerbsarbeit zu bekämpfen. Der so genannte gender pay gap – die geschlechtsspezifische Lohndifferenz – liegt im europäischen Durchschnitt bei 15 Prozent, in Deutschland sogar bei 23 Prozent. Trotz der politischen Lippenbekenntnisse, zum Beispiel anlässlich des alljährlichen Aktionstages, dem „equal pay day“ Ende März, bis zu dem Frauen im Vergleich zum Jahreserwerbseinkommen der Männer sozusagen umsonst arbeiten, passiert nichts. Die Folgen der ungleichen Entlohnung werden achselzuckend hingenommen, zum Beispiel die Verarmung alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder sowie die wieder zunehmende Altersarmut von Frauen .

Die Lohndiskriminierung von Frauen, der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen und an Pflegeeinrichtungen zeigen deutlich, woran es bei uns fehlt. Es gibt keine politisch wirksame Solidarität von Männern mit Frauen, die für gerechte Lebensverhältnisse sorgt. Männer haben die zahlenmäßige Mehrheit und die ungeteilte Macht in der Politik, in der Wirtschaft und in der Kirche. In der Bevölkerung liegt der Frauenanteil zwar leicht über dem der Männer, doch das spiegelt sich nicht in der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe wider. Die mangelnde Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist ein großes Demokratiedefizit.

Die Begriffe in dieser Diskussion sind nicht entscheidend, wichtig ist, was „hinten rauskommt“. Das muss „alternativlos“ die paritätische Beteiligung und Mitwirkung von Frauen und Männern an allen Entscheidungen und in allen Lebensbereichen sein.

Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) hat bereits vor mehr als 50 Jahren die paritätische Zusammenarbeit von Frauen und Männern in ihrer Satzung verankert. Seit 1959 wirken in Vorständen auf allen Verbandsebenen eine Vorsitzende und ein Vorsitzender gleichberechtigt zusammen und vertreten gemeinsam mit dem Präses die KAB nach innen und außen. Dieses Modell hat Vorbildcharakter für alle gemischtgeschlechtlichen Organisationen und Institutionen sowie öffentlich-rechtlichen Körperschaften und politisch beziehungsweise gesetzlich legitimierten Einrichtungen.

Eine von Frauen und Männer geprägte und paritätisch entschiedene Politik würde aus der Sicht der KAB die Gesellschaft nachhaltig verändern. Politikfelder, die bisher weiblich konnotiert sind, würden ein stärkeres Gewicht erhalten. Es würde sich ein neuer gesellschaftlicher Konsens herausbilden, zum Beispiel über den Wert von entlohnter Erwerbsarbeit und nicht entlohnter Familienarbeit. Die unterbewerteten, niedrig entlohnten Berufe im Fürsorgebereich würden im Vergleich zu den hoch bewerteten und gut entlohnten technischen Berufen in eine neue Balance gebracht.

Auch die gesellschaftliche Gestaltung von Erwerbsarbeitsverhältnissen würde sich in die Richtung verändern, wie Männer und Frauen es sich bereits mehrheitlich wünschen und die KAB es politisch fordert: Die 30-Stunden-Arbeits-Stelle als Normalarbeitszeitverhältnis, das über die Erwerbstätigkeit hinaus für Männer und Frauen in gleicher Weise gesellschafts-politische Teilhabearbeit und Familienarbeit ermöglicht. Auch soziale Sicherheit würde nicht mehr geschlechtsspezifisch ungleich verteilt, sondern gerecht geteilt sein.

Das alles mag nach Vision klingen. Aus der Sicht der Menschen im Europa des 19. Jahrhunderts scheinen die Lebensverhältnisse im 21. Jahrhundert nahezu paradiesisch zu sein. Doch bis zur Verwirklichung eines „Paradieses auf Erden“ ist auch heute noch viel zu tun und erreichbar. Männer und Frauen müssen dazu solidarisch zusammen wirken. Das Ziel, eine geschlechtergerechte, geschwisterliche Gesellschaft zu werden, fordert alle gesellschaftlichen Kräfte zu gemeinsamem Handeln heraus.

Frauen und Männer sind verschieden – Gott sei Dank! Aber als Menschen sind sie gleich. Im Paradies schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde, als Mann und Frau und segnete sie. In diesem Segen können sie zuversichtlich und geschwisterlich für eine bessere Welt zusammenarbeiten.