| Interview 04/2011 |
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Bei Gott geht niemand verloren Interview mit Weihbischof Wolfgang Bischof Weihbischof Wolfgang Bischof (50) wurde nach dem Studium der Religionspädagogik und der Theologie in München und Innsbruck 1988 zum Priester geweiht. Anschließend war er Kaplan in den Pfarrverbänden Miesbach-Parsberg und Holzkirchen und Pfarrer in Gröbenzell, St. Johann Baptist, und übernahm überpfarrliche Verantwortung als Dekan des Dekanats Fürstenfeldbruck sowie als Landkreisdekan. Von 2008 bis 2010 war er Regionalpfarrer der Seelsorgsregion Nord, bis er am 28. Februar 2010 zum Weihbischof der Erzdiözese München und Freising geweiht worden ist. Er ist Bischofsvikar für die Seelsorgs-region Süd des Erzbistums München und Freising und hat weiter das Projekt „Dem Glauben Zukunft geben“ geleitet. Er ist unter anderem Mitglied der Pastoralkommission und der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz sowie Beauftragter der Freisinger Bischofskonferenz für die Frauenseelsorge in Bayern. Gemeinde creativ: Sie sind jetzt seit mehr als einem Jahr Weihbischof. Auf so ein Amt bewirbt man sich ja nicht, es fällt einem sozusagen zu. Bischof: Ich meine, es braucht eine Zeit des Hineinwachsens in diese Aufgabe, in dieses Amt mit seinen unterschiedlichen Facetten. Langsam aber sicher wird mir auch bewusst, wie vielschichtig dieses Aufgabengebiet ist, ob hier in unserer Erzdiözese oder über die Grenzen der Erzdiözese hinaus in Bayern oder in Deutschland. Ich bin immer noch dabei, mich hineinzutasten, obwohl ich auch einige Bereiche habe, in denen ich mittlerweile ganz gut angekommen bin. Gemeinde creativ: Ich sehe eine Parallele zu vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten, die einem auch zufallen: Man überlegt sich oft nicht vorher, ob man das wirklich möchte, und man muss sich auch erst einmal hineintasten. Bischof: Ja, es ist der berühmte kleine Finger, den man gibt, und dann ist plötzlich die ganze Hand drin. Das ist den Anfängern im Ehrenamt vielleicht manchmal nicht ganz bewusst. Die, die schon länger dabei sind, wissen ganz genau: Wenn sie einmal den kleinen Finger hergeben, dann ist es meistens die ganze Hand. Das würde ich für mich auch sagen: Ich bin nicht naiv in das Amt eines Weihbischofs hineingegangen. Mir war schon klar, dass da eine Fülle von Aufgaben, an schönen, an anstrengenden, manchmal auch an nicht ganz so einfachen, auf mich zukommen wird. Gemeinde creativ: Sie sind ja in eine nicht ganz einfache Zeit hinein zum Weihbischof erwählt worden. Kirche ist im Umbruch, Kirche steckt in einer Krise. Bischof: Ich würde den ersten Teil Ihrer Aussage unterschreiben: Kirche ist im Umbruch. Wenn etwas im Umbruch ist, dann ist es nicht ganz einfach, diese Veränderungen jedem verständlich zu machen. Weil das so ist, ist dann oft sehr schnell von einer Krise die Rede, etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes wird konstruiert. Wenn man nicht ganz geschichtsvergessen lebt, wird man feststellen, dass die Kirche immer wieder solche Phasen durchgemacht hat, aus denen sie letztendlich dann gestärkt hervorgegangen ist. Darauf vertraue ich. Ich bin überzeugt, dass Kirche nicht einfach nur Menschenwerk, sondern Gotteswerk ist. Deshalb gilt es auch zu überlegen: Was will Gott uns in dieser Zeitstunde mit dem, was auf uns zugekommen ist und zukommen wird, sagen? Was haben wir daraus für Konsequenzen zu ziehen, so dass wir in der Kirche Gottes gut in die Zukunft gehen können? Gemeinde creativ: Was ist Ihre Vision für diese Kirche Gottes hier auf Erden? Bischof: Vision ist ein großes Wort. Ob als Ehrenamtlicher, der ich sehr lange war, ob als Priester, wenn ich unterwegs gewesen bin mit Menschen in unserer Pfarrei, ob als Dekan oder als Regionalpfarrer: Ich habe erlebt und ich erlebe es immer wieder, dass die Kraftquelle, aus der wir leben können, im Miteinander der unterschiedlichen Berufungen liegt. Diese sind in der Kirche vorhanden. Das Miteinander für uns immer wieder neu zu formulieren und für uns immer wieder neu zu entdecken, ist für mich das Reizvolle in der jetzigen Umbruchszeit. Wir alle in der Kirche sind von Gott durch Taufe und Firmung zum allgemeinen Priestertum berufen, dazu, unsere Charismen in der Verkündigung einzubringen. Wenn uns das glaubhaft gelingt, dann bin ich davon überzeugt, dass der Geist Gottes ganz kräftig in dieser Zeit und auch in der künftigen Zeit spürbar werden wird. Das ist meine Version, und ich bin überzeugt: nicht nur meine! Gemeinde creativ: Eine Ihrer Aufgaben, die über die Erzdiözese hinausweist, ist die Frauenseelsorge. Sie sind Beauftragter der Freisinger Bischofskonferenz für diesen Arbeitsbereich. Welche Akzente möchten Sie da setzen? Bischof: Auch hier stehe ich erst am Anfang. Ich habe viele Gespräche geführt, ich habe die unterschiedlichsten Gruppierungen getroffen. Zusammen mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund war ich auf Jubiläumswallfahrt in Altötting, mit rund 5000 Frauen. Ich möchte auch hier deutlich machen, dass wir in unseren unterschiedlichen Berufungen miteinander unterwegs sind, dass wir uns gegenseitig stärken, gegenseitig stützen und in unserer Unterschiedlichkeit gemeinsam den Glauben bekennen. So hat es auch das Wort der Deutschen Bischöfe „Zu Fragen der Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“, das vor 30 Jahren erschienen ist, immer wieder betont. Das, so glaube ich, ist für den Anfang der Bereich, in dem ich mit den Frauen ins Gespräch komme. Gemeinde creativ: Es gibt das Wort, wonach die Frauen oder manche Frauen der Kirche verloren gehen. Bischof: Die Gefahr, dass Menschen der Kirche verloren gehen, gibt es nicht nur bei den Frauen. Wir leben in einer Zeit, in der der Mensch immer wieder nach dem Sinn des Lebens fragt. Der Eine mehr, die Andere weniger; die Eine mehr, der Andere weniger. Es gibt viele unterschiedliche Angebote der Sinnhaftigkeit des Lebens. Hier sind wir in einer anderen Situation als zu früheren Zeiten, in denen Kirche viel stärker prägend sein konnte. Das ist eine Herausforderung, vor der wir stehen. Wir müssen die Antwort auf die Sinnfrage aus dem Evangelium und aus der Tradition heraus so geben, dass sie für die Menschen in unserer heutigen Zeit nachvollziehbar und erlebbar wird. Und dann, da bin ich mir sicher, werden Menschen, Frauen und Männer, ihren Weg in der Kirche von Neuem bewusst gehen – und es wird uns hoffentlich niemand verloren gehen. Bei Gott geht sowieso niemand verloren. Das Interview führte Thomas Jablowsky |