Nachhörenlautsprecher

Der Glaube steht im Mittelpunkt

Interview mit Sieger Köder, Künstler und Priester ...mehr


12. November 2011

"Zusammenarbeit mit Kirche liegt im Interesse des Staates"

Podiumsdiskussion bei Vollversammlung in Prag...mehr

11. November 2011

"Mit der säkularen Welt in Dialog treten"

Kirche hat "Mehrwert" anzubieten...mehr

26. Juli 2011

Bildungserklärung an Spaenle überreicht

Gespräch über Neugestaltung der bayerischen Lehrpläne...mehr

25. Juli 2011

Gesellschaftspolitisches Forum gestartet

Erstes Treffen in München...mehr

4. Juli 2011

Katholikentag 2014 in Regensburg

Schmid dankt Bischof Müller für Bereitschaft, Gastgeber zu sein...mehr

1. Juni 2011

Auf die Familie kommt es an


Landeskomitee fordert Stärkung der Elter- und Familienbildung...mehr

 


Schreiben Sie uns...

  • Ihre Meinung zu Beiträgen
  • Fragen, die beim Lesen aufgetaucht sind
  • Reaktionen an die jeweiligen Autoren
  • Themenwünsche und Ideen für
    zukünftige Ausgaben
Hier geht`s zum Formular
Schwerpunktthema 03/2011
Der Schöpfungsglaube als Tat-Sache

Handlungsauftrag an Mensch und Natur

„Schöpfung“ meint nicht nur einen Akt am Anfang der Welt, sondern zugleich die ständige Gegenwart Gottes in seinen Geschöpfen, die Christen zur Liebe befähigt, zum Handeln verpflichtet und zur Hoffnung ermutigt. Der Schöpfungsglaube ist eine „Tat-Sache“, ein Handlungsauftrag: Denn es gehört zur Struktur des christlichen Glaubens, dass er seine lebendige Wahrheit im praktischen Zeugnis der Kirche und jedes einzelnen Christen gewinnt. Wer die Liebe Gottes zu allen Geschöpfen glaubwürdig verkündet, ist bereit, die Güter der Schöpfung zu schützen, zu pflegen und gerecht zu teilen.

Von Markus Vogt
Professor für Sozialethik, Universität München

Christinnen und Christen sind davon überzeugt, dass der gesamten Schöpfung Heil und Erlösung zugesagt ist. In Genesis (Kap. 9) sind auch die Tiere Bündnispartner Gottes. Im Kolosserbrief (Kap.1) und im Römerbrief (Kap. 8) wird die Heilserwartung ausdrücklich auf die ganze Schöpfung bezogen. Der biblische Schöpfungsglaube versteht die Natur als einen Lebensraum, zu dem Konflikt, Leid und Tod hinzugehören. Gleichzeitig ist die Natur eine „sehr gute“ Ordnung, wie es in der Schöpfungsgeschichte (Genesis 1,31) heißt, und ein Ort des Heilsgeschehens. Diese Spannung ist nur auflösbar, wenn man Natur als Kulturaufgabe denkt. Dabei muss die unbeschränkte Bejahung des Lebens mit dem demütigen Anerkennen der Grenzen geschöpflicher Existenz verbunden werden.

Eine solche Schöpfungsspiritualität findet sich beispielsweise bei Franz von Assisi. Schöpfungsspiritualität erkennt die Gegenwart Gottes mitten im Leben, entdeckt die Natur als „Symbolressource“ und verleiht dem Glauben so mit allen Sinnen lebendigen Ausdruck. Sie muss jedoch auch in den Kirchen selbst wieder entdeckt werden. Insbesondere in der westlichen Tradition wurde das Thema Schöpfung angesichts des damit scheinbar unvereinbaren darwinistischen Weltbildes als bloßer Mythos verharmlost und gegenüber der Erlösungslehre in den Hintergrund gedrängt.

Als Schöpfung sind die Dinge und Lebewesen transparent für ihren Ursprung und ihre Vollendung in Gott, dem sie ihr Dasein verdanken. Vor diesem Hintergrund ist der Herrschaftsauftrag des Menschen als „verantwortete Haushalterschaft“ zu verstehen, wofür sich insbesondere in den alttestamentlichen Geboten eine Fülle sehr konkreter Regeln für ein ökologisch und sozial verantwortliches Haushalten findet. In diesen Regeln steckt ein erstaunliches biologisches und hygienisches Wissen, das über Jahrhunderte gesammelt und tradiert wurde und es den Israeliten ermöglichte, ohne große Hungersnöte in einer ökologisch extrem sensiblen Region zu überleben.

Will die Umweltethik mehr sein als ein von apokalyptischen Zukunftsängsten getriebener Diskurs über moralische Imperative, kann sie in der Schöpfungstheologie eine tiefe Horizonterweiterung finden. Der theologische Blick auf die Natur entdeckt ihre Dynamik, Vielfalt und Rhythmik als Basis von Lebensqualität. Schöpfungsglaube ist ein Koordinatensystem für kritische Rückfragen nach der Stellung des Menschen in der Natur. Er ist also mehr als der verlängerte Arm ökologischer Moral. Er ist die Rückbesinnung darauf, dass der Mensch nur dann den Weg zu Gott finden kann, wenn er sich in Dankbarkeit, Freude, Demut und Solidarität als Teil der Schöpfung begreift. Christliche Schöpfungstheologie sieht Natur und Kultur stets als ein zusammengehörendes Spannungsgefüge.

Notwendige Lernprozesse in Europa

Die vielschichtigen Phänomene der Umweltkrise prägen die Lebenschancen der Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Große Wohlstands- und Freiheitschancen auf der einen Seite stehen einer ebenso großen Hilflosigkeit auf der anderen Seite gegenüber. Die sozialen und ökologischen „Nebenwirkungen“ der Globalisierung führen zur Verelendung ganzer Völker sowie zu einer tief greifenden Veränderung der Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde. Die Zukunftsfähigkeit des westlichen Zivilisationsmodells hängt wesentlich davon ab, ob eine neue Balance zwischen den ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten weltweiter Entwicklung gelingt.

Die qualitativ neue Herausforderung besteht darin, dass die vielfältigen Phänomene der global beschleunigten Entwicklung von Armut und Umweltzerstörung in einem engen inneren Zusammenhang stehen und deshalb auch nur gemeinsam analysiert und bewältigt werden können. Wirtschaftlicher Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und ökologische Tragfähigkeit stehen heute aufgrund der engen Verflechtung weltweiter Wirkungszusammenhänge so sehr in einer wechselseitigen Abhängigkeit, dass sie nicht einzeln oder gar gegeneinander gesichert werden können. Ohne eine systematische Verknüpfung und weltweite Einbindung bleiben die Konzepte der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltethik nur kurzatmige Symptombehandlungen. Konsequenzen biblisch-christlicher Schöpfungssicht.

Im Kontext der Theologie ergeben sich methodisch und inhaltlich besondere Perspektive für die Schöpfungsverantwortung und das schöpfungsgerechte Handeln. Ein umfassender Begriff von Verantwortung erfordert eine systematische Kombination ökologischer und sozialer sowie langfristiger und globaler Perspektiven. Das christliche Menschenbild rechnet mit Verfehlungen und Schuld auf allen Ebenen. Deshalb muss eine fehlerfreundliche Technik überall dort eingesetzt werden, wo ein Versagen der Technik zu nicht wieder rückgängig zu machenden Ergebnissen führt. Christen haben zudem ein Bewusstsein der Grenzen des Wissens, das sich in einer spezifischen Kombination aus Demut und Zuversicht äußert und aus der Polarisierung zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und Resignation befreien kann.

Kompetenzen der Kirche im ökologischen Diskurs

Die Herausforderung der Rückbesinnung auf ein tragfähiges Verhältnis zur Schöpfung betrifft die Fundamente unserer Kultur und unseres Selbstverständnisses. Dabei liegen die spezifischen Kompetenzen der Kirchen für eine nachhaltig schöpfungsverträgliche Entwicklung auf der Hand:
  • Es geht um langfristiges Denken, wofür die Kirche als auf die Ewigkeit Gottes ausgerichtete Institution von ihrer ganzen Existenz her wie geschaffen ist.
  • Die Kirche ist der älteste „global player“ und damit in besonderer Weise zu weltweiter Verantwortung befähigt, die heute Voraussetzung zur Bewältigung der ökologischen Krise ist.
  • Das christliche Menschenbild bestimmt den Wert des Menschen nicht von der Menge der produzierten und konsumierten Güter her und kann damit zu einem maßvollen, gerechten und verantwortlichen Umgang mit ihnen befähigen.
  • Der Schöpfungsglaube zielt nicht bloß auf moralische Appelle, sondern auf eine sinnstiftende Kommunikation, die ökologische Verantwortung als Teil der Selbstachtung des Menschen versteht.
  • Das Spezifische des christlichen Blicks auf Umweltfragen ist ihre Einbettung in kulturelle und soziale Zusammenhänge. Naturschutz und Menschenschutz bilden für die christliche Ethik eine Einheit.

Dieser integrative, sozialethisch fundierte Ansatz, den sich die Kirchen nicht zuletzt im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zum Programm gemacht haben, wäre eine solide Basis für zukunftsfähige Entwicklung in Europa und weltweit. Es ist jedoch ein weiter Weg, dass sich die Kirchen ihr eigenes Erbe so aneignen und transformieren, dass es heute zur gesellschaftlich prägenden Macht werden kann.