| Kommentar 05/2010 |
|
Arbeiten ohne Druck Von Pater Anselm Grün Benediktiner Für den hl. Benedikt ist Arbeit ein Test, ob das geistliche Leben stimmt oder nicht. Wer sich der Arbeit verweigert, der – so meinen die frühen Mönche – der verweigert sich Gott. Er kreist nur narzisstisch um sich selbst. Sich auf die Arbeit einlassen verlangt daher innere Freiheit und Hingabe. Das sind durchaus spirituelle Haltungen. Natürlich gibt es auch Fehlhaltungen in der Arbeit. Es gibt die Flucht in die Arbeit und im Extremfall die Arbeitssucht. Arbeitssüchtige arbeiten viel, aber es kommt nichts dabei heraus. Sie brauchen die Arbeit, um ihre innere Leere zu verbergen. Sie lassen sich nicht auf die Arbeit ein, sondern sie benutzen die Arbeit, um vor sich selbst davon zu laufen. Viele leiden heute in der Arbeitswelt an burn-out. Die erste Begründung, die ich oft höre, wenn einer burn-out ist, lautet: „Ich habe zuviel gearbeitet. “ Doch die viele Arbeit allein ist nie der Grund, dass einer ausgebrannt ist. Vielmehr soll sich der, der an burn-out leidet, fragen: Habe ich mich ständig unter Druck gesetzt? Möchte ich mich ständig in der Arbeit beweisen? Wenn ich mich bei jeder Arbeit beweisen möchte, dann verbrauche ich viel Energie. Andere verschwenden zu viel Energie bei der Arbeit, weil sie das, was sie bei sich nicht wahrhaben wollen, vor andern verstecken möchten. Eine Frau sagte mir: „Ich kann nicht in die Stille gehen. Da geht ein Vulkan in mir hoch.“ Ich sagte ihr, mit dieser Einstellung würde sie ja sehr viel Energie verpulvern, um den Vulkan unter Verschluss zu halten. Diese Energie wird ihr bei der Arbeit fehlen. In der Arbeit lerne ich mich selbst kennen. Da werde ich mit Ärger und Enttäuschung konfrontiert, wenn etwas schief geht. Für Benedikt lautet die Devise: ora et labora. Das meint aber nicht nur, dass ich neben der Arbeit genügend Zeit zum Beten habe. Vielmehr versteht Benedikt diese Devise als innere Einheit. In der Arbeit geht es darum, die wichtigsten Haltungen einzuüben, die auch der Glaube verlangt, wie Hingabe, Liebe, Ehrfurcht und Achtung vor den Mitarbeitern und Kunden, inneren Frieden, Demut. Für mich ist es eine tägliche Herausforderung, die negativen Gefühle, die sich bei der Arbeit unwillkürlich immer wieder einschleichen, zu klären und zu reinigen. Das Jesusgebet ist für mich ein wichtiger Ort, die inneren Trübungen zu klären. Ich spreche in meinen Ärger, in meine Enttäuschung, in meine Bitterkeit hinein: „Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Ich bin verantwortlich, mit welchen Gefühlen ich am nächsten Tag in die Arbeit gehe, ob ich mit meinen getrübten Emotionen zur emotionalen Umweltverschmutzung beitrage oder aber ob von mir Frieden und Klarheit ausgehen. Viele klagen heute darüber, dass sie in der Arbeit ständig Druck erfahren. Der Druck vom Firmenchef, der Druck von der Konkurrenz besteht. Den kann man nicht verleugnen. Aber wie ich auf den Druck reagiere, das ist meine Entscheidung. Wenn ich mich bei allem, was ich tue, ständig unter Druck setze und mich ständig bewerte, dann wird der Druck von außen für mich zur Überforderung. Wenn ich aber sportlich auf den Druck reagiere, dann werde ich neue Kräfte in mir mobilisieren. Auch das ist letztlich eine spirituelle Frage: Definiere ich mich davon, alle Erwartungen des Chefs zu erfüllen? Oder definiere ich mich von Gott her? Wenn ich mich von Gott her definiere, dann bin ich frei, auf die Herausforderungen der Arbeit zu reagieren, ohne mich davon bestimmen zu lassen. Dann wird meine Arbeit auch kreativer und effektiver sein, als wenn ich mich von meinem Chef nur auspressen lassen. Von einer ausgepressten Zitrone kommt kein Saft mehr. Wenn ich jedoch aus der inneren Quelle des Heiligen Geistes heraus arbeite, dann habe ich das Vertrauen, dass in mir eine Quelle ist, die sich nie erschöpft, weil sie göttlich ist. So ist die Spiritualität eine wichtige Quelle, um in der Arbeit nicht auf- oder unterzugehen, sondern sie so zu gestalten, dass sie zum Segen wird für mich und für andere. |