| Praxistipp 05/2010 |
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Die weihnachtliche Wegstrecke gemeinsam gestalten Wandernde oder lebendige Adventskalender in bayerischen Pfarreien Der Adventskalender gehört zur Weihnachtszeit wie Lebkuchen und der Nikolaus. Egal ob selbst gebastelt oder gekauft, ob mit Schokolade gefüllt oder mit winzigen Bildern bestückt – er verkürzt kleinen und großen Kindern die langen Wochen bis zum Heiligen Abend. In immer mehr bayerischen Gemeinden werden seit ein paar Jahren nicht nur täglich die Türchen am heimischen Adventskalender aufgeklappt. Hier öffnen sich Abend für Abend liebevoll gestaltete und hell erleuchtete Fenster, Menschen versammeln sich vor dem Haus, singen gemeinsam Adventslieder und hören eine weihnachtliche Geschichte: Die Tradition des „wandernden“ oder „lebendigen“ Adventskalenders erobert die Straßen und die Herzen. Von Nicole Stadtmüller Freie Journalistin Gerade die Weihnachtszeit gestaltet sich in vielen Familien oft wenig besinnlich: Da wollen Geschenke gekauft, Weihnachtsfeiern vorbereitet, berufliche Projekte bis zum Jahresende abgeschlossen, Plätzchen gebacken und das Fest der Feste im großen Familienkreis geplant werden – Zeit zum Innehalten und Nachdenken bleibt da kaum. Ein kleines Zeichen gegen den Weihnachtsstress setzen zum Beispiel die „menschlichen“ Adventskalender, die in immer mehr bayerischen Orten und Pfarrgemeinden den vorweihnachtlichen Gedanken lebendig werden lassen. Abend für Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, treffen sich wechselnde Gruppen aus großen und kleinen Menschen vor einem Fenster in der Gemeinde. Das folgende Kalender-Ritual gestaltet sich von Ort zu Ort unterschiedlich. Fast allen gemeinsam sind zusammen gesungene Lieder, ein Impuls zu einem weihnachtlichen Thema und das passend gestaltete und beleuchtete Fenster. In manchen Gruppen kommen musizierte Stücke, Fürbitten oder ein abschließendes Vaterunser hinzu. Andere, wie die Pfarrei Maria Ramersdorf im Südosten Münchens, geben von Abend zu Abend eine Laterne weiter, mancherorts gibt es Plätzchen, Glühwein und Kinderpunsch für alle oder gar ein „Mitgebsel“, das zur vorgelesenen Geschichte passt. Kräftig die Werbetrommel rühren „Die Vorbereitungen nehmen nicht übermäßig viel Zeit in Anspruch“, ist die Erfahrung von Antje Rössler, die heuer zum siebten Mal den wandernden Adventskalender im schwäbischen Markt Burgheim organisiert. Im ersten Jahr sei viel Motivationsarbeit zu leisten gewesen, mittlerweile habe sich die Aktion zum Selbstläufer entwickelt. Eine Bekanntmachung im Gemeindeblatt und Handzettel informieren die Burgheimer alljährlich über die Neuauflage des wandernden Adventskalenders. Bei einem Vortreffen Anfang November werden die Termine abgestimmt. Ähnlich gestaltet sich die Organisation im unterfränkischen Schwanfeld. „Bis zu einem Stichtag im Oktober können sich Interessierte anmelden, im Pfarrbrief im November werden dann die Adressen für jeden Tag veröffentlicht“, erklärt Pfarrer Volker Benkert. Kräftig die Werbetrommel rührte auch Pfarrerin Ulrike Bartelt über die örtlichen Tageszeitungen, Aushänge, Pfarr- und Gemeindebriefe und Abkündigungen in den Gottesdiensten. „Der Montag nach dem Ewigkeitssonntag ist immer unsere ,Ideenbörse‘ für alle Teilnehmer“, sagt die evangelische Pfarrerin, die den lebendigen Adventskalender im Lohrer Stadtteil Wombach initiiert und, begleitet von der katholischen Gemeinde von St. Peter und Paul, in den vergangenen drei Jahren gestaltet hat. Klarer Winterhimmel und Schneeflöckchen Regelmäßig 30 bis 40 Menschen aller Altersklassen besuchen die Adventsfenster in Schwanfeld. „Auch der örtliche Kindergarten gestaltet mal ein Fenster. So gelingt es uns, auch andere Personenkreise anzusprechen“, sagt Pfarrer Benkert. Ähnlich sieht es in München aus: Je nach Witterung kommen zwischen fünf und 30 große und kleine Ramersdorfer zum wandernden Adventskalender, der diesen Winter in die siebte Runde geht. „Wir binden stark die Institutionen im Viertel ein. Kirchliche und städtische Kindergärten beteiligen sich ebenso wie der Bewohnertreff, die Grundschule oder die Ministranten-Gruppe“, sagt Initiatorin Wally Hopf. Im Markt Burgheim stehen klar die Kinder im Mittelpunkt des Adventskalenders. Der Kindergarten sei seit dem ersten Jahr dabei und gestalte schon traditionell das erste Fenster, berichtet Antje Rössler. „Zirka 20 Kinder mit Familie kommen regelmäßig. Ideal ist ein klarer Winterhimmel mit ein paar Schneeflöckchen.“ Die Laterne, die im letzten voradventlichen Gottesdienst ausgesandt und von Fenster zu Fenster weitergegeben wurde, kehrt in der Kindermette wieder in die Kirche zurück. Einen „gewissen Stamm an Besuchern, aber auch regen Wechsel“ verzeichnet Ulrike Bartelt im unterfränkischen Lohr. Durch den ökumenischen Ansatz bringe die vorweihnachtliche Aktion die Konfessionen einander näher und schaffe gleichzeitig eine Kontaktmöglichkeit für Außenstehende beziehungsweise Kirchenferne. „Wir bilden im Adventskalender eine Weggemeinschaft, um ein Stück miteinander auf Weihnachten, aber auch aufeinander zuzugehen.“ Von Anfang an sei die Neugier aufeinander groß gewesen, aber auch die Bereitschaft, sich dem Anderen, Fremden, ein Stück weit zu öffnen. Ein paar leere Türchen Während Wally Hopfs Adventskalender immer rasch mit gastgebenden Haushalten gefüllt ist, bleiben im Markt Burgheim jedes Jahr ein paar Türchen leer. „13 engagierte Mütter, die ein Fenster gestaltet haben, war bislang unsere Höchstzahl. Vor allem an den Wochenenden haben die Familien eben einfach mehr Zeit“, sagt Antje Rössler. In Schwanfeld sei die Resonanz in einem Jahr ebenfalls geringer als sonst gewesen, so dass sich die Adventsfenster auf die Wochenenden konzentrierten. „Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass ein kontinuierlicher Adventskalender besser läuft. Deswegen unterstützt bei uns der Liturgie-Ausschuss nun die Teilnehmer, die sich den inhaltlichen Teil des Adventsrituals nicht zutrauen“, erklärt Pfarrer Benkert. Einen anderen Weg geht Ulrike Bartelt: „Weil wir 2009 erstmals Lücken hatten, haben wir uns für diese Abende an einem festen Ort verabredet, wo dann doch meistens noch jemand etwas vorgetragen hat.“ Überall sind für diesen Winter Neuauflagen der Adventskalender geplant. „Ich bin erstaunt, dass nach all den Jahren immer noch neue Geschichten ausgegraben werden“, so Wally Hopf. Und auch bei der Fenster-Gestaltung gehen den Teilnehmern die Ideen anscheinend nie aus: Ob aufwendig dekoriert oder zusammen mit den Kindern gebastelt, ob mit religiösem Hintergrund und passend zur Geschichte des Abends, ob einfach nur mit der aktuellen Zahl oder unter dem Motto „Weihnachten“ – das Fenster ist ein zentrales Element. Und oft bleibt der Schmuck bis zum Heiligen Fest erhalten, so dass eine adventliche Wegstrecke entsteht und so manchen unbeteiligten Spaziergänger zu einer Betrachtungs-Pause und einem kurzen Innehalten einlädt. |