| Interview 05/2011 |
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Christen sind von Christus selbst bestellt Die Berufung des Einzelnen für sein Engagement in Kirche und Gesellschaft ernst nehmen Hans Fellner Diplomtheologe, seit 1970 im Dienst der Erzdiözese München und Freising, war zuerst Mentor für die Laientheologen in der Hochschulgemeinde der Ludwigs-Maximilians-Universität München, dann von 1972 bis 1976 Leiter des diözesanen Synodenbüros der Erzdiözese. In dieser Zeit hat er oft mit Kardinal Döpfner zusammengearbeitet. Ab 1976 baute er den Fachbereich Gemeindekatechese und ehrenamtliche Laiendienste auf, von 1979 bis 1991 war er Ausbildungsleiter für die Pastoralreferenten, anschließend bis zum Eintritt in den Ruhestand am 1. Januar 2011 Stellvertretender Leiter des Referates Pastorale Dienste und Leiter des Fachbereichs Pastoralreferenten. Viele Jahre engagierte er sich im Sachausschuss des Diözesanrates „Ehrenamtliche Laiendienste“, beziehungsweise „Territoriale Seelsorge“. Gemeinde creativ: Herr Fellner, vor rund vierzig Jahren wurde der Beruf der Pastoral-referenten erfunden, eingeführt. Warum wurde damals dieser Beruf eingeführt? Hans Fellner: Zunächst einmal gab es die Bereitschaft von ein paar Theologen, die gesagt haben, wir studieren Theologie und möchten später im Dienst der Diözese arbeiten, wenn es geht auch als Laientheologen, weil wir nicht den Weg zum Priesterberuf gehen wollen. Der Grund dafür war damals bei meinen Kollegen und auch bei mir die Frage des Zölibats, aber dennoch wollten wir uns hauptberuflich pastoral in der Kirche engagieren. Der zweite und entscheidende Grund war die Bereitschaft der Diözese, diesen Wunsch ernst zu nehmen. Sie hat gesagt: wir könnten solche Leute brauchen – dies waren vor allem Weihbischof Ernst Tewes, der damalige Generalvikar Dr. Gerhard Gruber und natürlich Kardinal Döpfner. Gemeinde creativ: Überraschenderweise haben ja die Bischöfe ganz anders reagiert auf diesen Impuls „Pastoralreferentenberuf“ als man in der Rückschau und aus heutigem Verhalten der Bischöfe schließen könnte. Hans Fellner: Da ist mir vor allem noch ein Gespräch mit Kardinal Döpfner in Erinnerung, etwa 1973/74. Ich habe ihn gefragt, wie er zu den Pastoralreferenten steht (damals noch Pastoralassistenten genannt), wie er deren Zukunft sieht. Er sagte, er habe am Anfang Zweifel gehabt, ob er diesen Beruf überhaupt aufnehmen soll, ob er nicht eine Gefährdung für den Priesterberuf sei und ob das längerfristig gut gehen werde. Entscheidend war für ihn der Gedanke, der Heilige Geist habe in der Kirche immer die Berufe geschaffen oder ermöglicht, die die Kirche zu einer Zeit gerade braucht. „Wenn dieser Beruf also ein Zeichen des Heiligen Geistes ist, wird er bleiben, wenn nicht, wird er wieder verschwinden.“ Deshalb könne man es riskieren, den Beruf einzuführen. Gemeinde creativ: In den 80er Jahren habe ich oft die Unterscheidung gehört, Priester folgen einer Berufung, Laientheologen und Pastoralreferenten ergreifen einen Beruf. Hans Fellner: Ja, da habe ich mich damals schon geärgert. Das war so eigenartig gewesen. Mit welchem Recht darf man einem anderen kirchlichen Beruf eine Berufung absprechen? Ich bin überzeugt, man kann auch den Beruf des Pastoralreferenten nur antreten mit einer Berufung. Wenn man keine Berufung hat zu diesem Dienst, kann man ihn nicht ausüben. Gemeinde creativ: Wie hat sich diese Arbeit der Laienseelsorger, dieses neue Verständnis von Berufung, auf die Laien allgemein ausgewirkt; also auf die Laien, die nicht theologisch vorgebildet waren? Hans Fellner: Die Grundlage für ein neues, positives Selbstverständnis der Laien ist die Aussage des II. Vatikanums, dass jeder Getaufte und Gefirmte zum Dienst in der Kirche berufen ist. Das ist die gemeinsame Berufung. Im Konzil wird auch benannt, dass manche aufgrund ihrer besonderen Ausbildung und Qualifikation auch zu bestimmten Aufgaben in der Kirche herangezogen und bestellt werden können, also dass zum Beispiel hier Laientheologen auf der hauptamtlichen Ebene, aber nicht als Kleriker in der Kirche aktiv arbeiten. Das war meines Erachtens – so habe ich es über die Jahre erlebt – auch motivierend für die Ehrenamtlichen: Ah ja, unser Dienst als Laie ist gefragt. Wir machen halt dann als Ehrenamtliche das, was unseren Möglichkeiten in der Kirche entspricht. Deswegen ist es auch ganz wichtig, dass die hauptamtlichen Laientheologen mit den Ehrenamtlichen gut zusammenarbeiten. Sie brauchen Bestätigung, Ermutigung, Förderung der Charismen, Weiterbildung, geistliche Begleitung. Die Hauptamtlichen sollen den Ehrenamtlichen die Arbeit nicht abnehmen, sondern sie in ihrer Arbeit wertschätzen, unterstützen und fördern. Da gibt es viele Möglichkeiten. Nach meiner Erfahrung geht dies in unserer Diözese zurzeit sehr gut. Die Kirche braucht ja nicht nur Theologen und Theologinnen, sondern sie braucht Frauen und Männer mit anderen Berufen und Aufgabenbereichen, mit anderen Fähigkeiten und Ausbildungen, die ihr Spezialwissen und ihren Glauben in die Gesellschaft und in die Kirche einbringen. So wird Kirche in der Welt wirksam. Die Theologen haben einen bestimmten Part und die Ehrenamtlichen haben einen anderen Part, der aber genauso wichtig ist. Man kann das nicht voneinander trennen oder unterschiedlich bewerten. Gemeinde creativ: 1997 gab es einen Kongress zur Berufung in Rom. Da ging es natürlich um Berufung zu Priestern und Ordensleuten, aber im Schlussdokument steht eindeutig, es kann in der Berufungspastoral nicht mehr nur um Rekrutierung von Priestern gehen, sondern es muss um Begleitung von Menschen gehen, damit sie ihr Lebensziel erkennen. Hans Fellner: Aus der Erfahrung in der Erzdiözese München und Freising habe ich den Eindruck, dass es hier mit den verschiedenen Angeboten der Diözese ein ganz breites Angebot gibt – zum einen durch die Diözesanstelle Berufe der Kirche, die mehr das ganze Spektrum der kirchlichen Berufe vorstellt vom Religionslehrer bis zum Priester und Ordensmann beziehungsweise Ordensfrau, wie auch die anderen pastoralen Berufe wie Gemeindereferent, Pastoralreferent, Diakon. Zum anderen gibt es für Ehrenamtliche spezielle Angebote zur Geistlichen Begleitung, aber auch zum Beispiel die Ausbildung zum Wortgottesdienstleiter, die Begleitung und Schulung von Firmhelfern und Erstkommunionmüttern gehört meines Erachtens dazu. Alle Angebote in diesen Bereichen legen Wert darauf, dass der Einzelne auch ganz persönlich in seinem Engagement als Christ in Kirche und Gesellschaft ernst genommen und gefördert wird. Es ist für mich vom Konzil her etwas Kostbares gewesen, dass es ganz ausdrücklich betont, jede Person, Frau und Mann, ist berufen zu einem Dienst in der Kirche und wird – wie es heißt – sogar von Christus selber dazu bestellt. „Das Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst. Zu diesem Apostolat werden alle vom Herrn selbst durch Taufe und Firmung bestellt.“ (LG 33). Sie brauchen also für ihren Dienst keine Unterschrift des Generalvikars. Sie können sich engagieren, so wie sie sind, als Getaufte und Gefirmte, weil sie von Christus dazu bestellt sind. Gemeinde creativ: Also ist Berufung nie etwas für einen selbst persönlich allein, sondern immer Berufung zum Dienst für die Kirche, für andere? Hans Fellner: Es gibt die ganz persönliche Berufung des Einzelnen, die eine individuelle Ausrichtung hat. Dabei gibt es aber keine Rangfolge in der Wertigkeit, ob jetzt jemand zum Priester, Ordensmann, Ordensfrau oder zum Laientheologen berufen ist. Alle Getauften haben die gleiche Würde und den gleichen Wert, das betont das Konzil an mehreren Stellen. Es gibt also eine Berufung für eine bestimmte Person und jeder muss auf seine Weise schauen, wie er diese Berufung in seinem Leben immer mehr ausfüllt. Das geht meines Erachtens nur in einem Dienst für andere; denn die Berufung zum Apostolat im Allgemeinen und zu einem kirchlichen Beruf im Besonderen erfolgt immer in der Gemeinschaft der Kirche. Deshalb wird sich auch die Berufung jedes Einzelnen auf vielfältige und unterschiedliche Weise im Dienst der Gemeinde, im Dienst der Kirche und im Dienst in der Welt entfalten. Gemeinde creativ: Im Konzil hat sich viel getan, viel verändert zum Thema Berufung, aber auch in den neuen Berufen, in den neuen Diensten. Wie sehen Sie die Zukunft? Gerade angesichts der Umstrukturierung von Pfarreien: Wird unsere Kirche eine ehrenamtliche Kirche? Hans Fellner: Ein großer Gewinn des Konzils war und ist die Arbeit der Räte und Verbände, die durch das Konzil angeregt wurden beziehungsweise neue Impulse erhalten haben. Die Mitarbeit der Ehrenamtlichen in den Räten und Verbänden, in den gewählten Gremien der kirchlichen Mitverantwortung ist für die Zukunft in den größeren Seelsorgeeinheiten eine ganz wichtige Voraussetzung. Die Kirche wird also die Ehrenamtlichen noch stärker mit einbinden wie bisher. Es wird in den neuen Seelsorgsverbänden noch notwendiger als früher, dass Hauptamtliche mit den Ehrenamtlichen kooperativ zusammenarbeiten. Es wird noch notwendiger werden, dass Dienste und Aufgaben in der Pfarrei an Ehrenamtliche delegiert werden, aber auch mit den dazugehörigen Kompetenzen. Ich meine, es wird eine Stärkung des Ehrenamtes kommen und noch mehr an Verantwortung übertragen werden. Dies erfordert das Bewusstsein, dass wir alle einander brauchen in der gemeinsamen Verantwortung für den Auftrag Jesu. Das Interview führte Thomas Jablowsky. |