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Kommentar 05/2011
Berufungen gibt es überall

Von Reinhard Weger
Geschäftsführer des Diözesanrates der Erzdiözese München und Freising

Wenn Sie kirchlich Sozialisierte fragen, woran sie beim Stichwort „Berufung“ denken, werden die meisten antworten: Priester. Einige werden vielleicht sogar ergänzen: Ordensberufungen und geistliche Berufe. Aber sicher werden wenige die erwähnen, die im II. Vaticanum in den Blick genommen wurden: Das wandernde Gottesvolk. Genau das meint der Begriff „Laien“.

Der Ort, an dem sich spektakuläre Berufungen leicht nachlesen lassen, ist die Bibel. Ein Flüchtling, der einen Totschlag auf dem Gewissen hat und der entgeistert „Warum ich?“ fragt, wird erleben, dass das „Ich bin für dich da“ ernst gemeint ist und sein Volk gegen alle Widerstände aus Ägypten führen. Ein einfacher, ebenfalls verheirateter Fischer erweist sich auch nach seiner Berufung noch mehrmals als ziemlich begriffsstutzig, zweiflerisch, am Schluss sogar feige – und ausgerechnet er wird später als „der Fels“ bekannt, auf den die Kirche gebaut ist. Das sind nur ein paar herausragende Beispiele.

Mit der viel zitierten Glaubens- und Kirchenkrise scheinen auch die Berufungen in der Krise zu sein. Es gibt neben dem Seelsorgermangel auch einen Ehrenamtlichenmangel; nicht nur der Gottesdienstbesuch wird weniger, sondern auch die - kontinuierlich engagierten - Ehrenamtlichen, die „Burning persons“. Pfarrgemeinderäte haben zunehmend Probleme, Kandidaten zu finden.

Die Erneuerung von innen heraus, die in vielen Diözesen aus Anlass der sich verändernden Strukturen ansteht (in München und Freising heißt dieser Prozess „Dem Glauben Zukunft geben“), kann aber nur dann gelingen, wenn sie von solchen „burning persons“ mitgetragen wird. Dafür braucht es aber Berufungen auch bei ehrenamtlichen Laien, und dazu müssen wiederum die Rahmenbedingungen stimmen und geeignet sein, Berufungen zu wecken und zu fördern. Wie kann nun ein fruchtbarer Boden bereitet werden, der Berufungen bei Laien auch heute wachsen und gedeihen lässt?

1. Ehrenamtliche erwarten Anerkennung und Wertschätzung sowie eine fruchtbare Kooperation mit Hauptamtlichen. Je nach Tätigkeitsfeld wünschen sie sich außerdem eine fundierte Qualifizierung und Qualitätssicherung (zum Beispiel Supervision). Dies ist ebenso legitim wie der Wunsch nach Nachweisen, die beim beruflichen Werdegang helfen.

2. Wer sich in der Kirche ehrenamtlich engagiert, gibt Zeugnis von seinem Glauben und lebt seine Berufung in der Nachfolge Christi. Dieses Engagement ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Ehrenamtliche, die sich ihres Auftrags bewusst sind, „Sauerteig in der Welt“ zu sein, wollen als eigenverantwortliche Person ernst genommen werden und mitentscheiden können. Sie wollen nicht (nur) Handlangerdienste verrichten, sondern kreativ mitdenken und mitarbeiten.

3. Berufungen gelingen nur in einem Klima des Aufbruchs, des „Fürchte dich nicht“, der Bestärkung – bei Erfahrungen der Resignation, der Verzagtheit, der Angstbesetztheit und beim Gefühl gegen eine Wand zu rennen, hat es jede Berufung schwer.

4. Berufung braucht Lust an der konstruktiven Auseinandersetzung. Sie braucht die Erfahrung: Meine Meinung wird ernst genommen. Hier kann ich etwas bewegen.

5. Berufung braucht eine Atmosphäre des Vertrauens. In keiner biblischen Berufungsgeschichte wird den Berufenen Misstrauen entgegen gebracht – obwohl dazu oft Anlass genug bestanden hätte und so manche Unscheinbare oder Querköpfe oder alles andere als Heilige berufen wurden. Wer das grenzenlose Zutrauen der biblischen Zu-Mutungen erfährt, kann zur „Burning person“ werden.

Die verschiedenen Ebenen des Kirchenvolks – also wir alle – stehen in der Verantwortung, diese Atmosphäre des kreativen Aufbruchs, der konstruktiven Auseinandersetzung, des gegenseitigen wertschätzenden Vertrauens entstehen zu lassen und Strukturen zu schaffen, die Berufungen im ganzen Volk Gottes ermöglichen.