| Meditation 05/2011 |
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Den Ruf hören Von Sr. Franziska Mitterer Den Ruf hören – wer denkt da nicht an „Berufung“? Vielleicht sogar an die Berufung zum Priester oder Ordenschristen. In „Berufung“ steckt das Wort „Ruf“. Gott ist der Rufende. Nicht als mysteriöse Stimme, sondern in der konkreten Erfahrung, dass Gott mich persönlich meint. Er spricht mich im Tiefsten meines Herzens an. In seinem Wort, in der personalen Begegnung in den Sakramenten und in Alltagssituationen. Dieser Ruf schafft eine persönliche Beziehung. Auf diese kann der Mensch sich einlassen oder auch nicht. Gott zwingt niemanden. Lässt ein Mensch sich von Gott rufen, erfährt er sich in seinem Leben als ein von Gott Geliebter. Gott erfüllt den Menschen. Erst in dieser Erfüllung kann der Mensch ganz der werden, als den Gott sich ihn gedacht hat. Wer den Ruf Gottes annimmt, hört somit zutiefst auf seine eigene Identität. So passiert Selbstverwirklichung im christlichen Sinn. Während eines Exerzitienkurses erzählt mir eine Studentin mit strahlenden Augen: „Ich habe das Gefühl, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben auf mich selber höre und achte.“ Ich freue mich mit der jungen Frau. Exerzitien sind eine Zeit, in der die Beziehung zu Gott besonderen Raum findet. Das ist Hören des Rufes Gottes, der jeden Menschen in die Einmaligkeit ruft. Das braucht Übung. Und Hinhören. Nur so wird der Mensch allmählich befähigt, den je eigenen Weg entschieden zu ergreifen. Nur so kann Berufung wachsen. Aus dem Glauben heraus, dass Gott mich auch genau zu diesem Weg befähigt und ihn mit mir geht. Aus dieser inneren Berührung von Gott her kann dann auch die Frage nach einer bestimmten Lebensform entstehen. Gott und seinem Reich im Dienstamt als Priester, im geweihten Leben oder in Ehe und Familie zur Verfügung stehen. Das Entscheidende ist dabei immer das Hören auf Gottes Ruf. Gott ruft jeden Menschen in der Gemeinschaft der Kirche auf einen ganz persönlichen Glaubensweg. Einen Unterschied gibt es lediglich darin, wie Menschen darauf antworten. Und wie sich das auf deren Lebensgestaltung auswirkt. Menschen, die einen kirchlichen Beruf ergreifen, hören auf den Ruf Gottes. Genauso antworten Menschen, wenn sie sich im Ehrenamt in der Kirche einsetzen, auf den Ruf Gottes, der sich vielleicht in einer konkreten Notsituation äußert. Oder sie spüren in einem Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl, dass sie ihre Talente zur Verfügung stellen wollen: es gibt verschiedene Gnadengaben… schreibt Paulus im Ersten Korintherbrief (vgl. 1 Kor 12, 4-11). Damit bringt der Apostel zum Ausdruck, dass Gott den Menschen unverdient und unerwartbar mit verschiedenen Gaben beschenkt. Gott hört nicht auf, in das persönliche Leben eines Menschen hinein zu rufen. Die angemessene Antwort des Menschen ist die eigene Menschwerdung. Es geht um gelingendes Menschsein. Dazu gehört, die eigenen Begabungen einsetzen für andere und so Sinn zu erfahren. Dazu gehört auch, die eigene Begrenztheit und Schwächen annehmen. Und dabei nicht stehen bleiben, sondern sich auf den Rufenden und auf jene hin einlassen und überschreiten, für die man gerufen ist. Alle sind wir eingeladen, den Ruf zu hören. Und zu antworten. Täglich neu. |