| Schwerpunktthema 05/2011 |
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Als Christ berufen in die Politik Im Laufe meiner politischen Tätigkeit ist in mir die Erkenntnis gereift, dass sich eine Politik aus christlicher Verantwortung in der Vergangenheit stets bewährt hat. Dies gilt gleichermaßen für die Gegenwart, und eine solche Politik hat auch morgen Bestand. Sie ist modern, zeitgemäß und, weil Zukunft die wichtigste zeitliche Dimension der Politik ist, nach vorne gerichtet. Von Stefan Rössle Landrat Zu meiner Person: Ich bin 47 Jahre alt und verheiratet. Wir haben fünf Kinder. Wir sind absolut glücklich und zufrieden. Ich führe dies in erster Linie darauf zurück, dass wir uns bemühen, stets aus christlicher Überzeugung zu handeln. Meine Frau hat sich in den letzten Jahren voll und ganz den Kindern und der Familie gewidmet. Das ist nervenaufreibend und kräftezehrend, aber es hat sich letztendlich gelohnt. Ich habe versucht, sie dabei nicht ganz alleine zu lassen. Bei unserer kleinsten Tochter habe ich mir sogar erlaubt, zwei Monate Elternzeit zu nehmen und versuche auch sonst, soweit es geht, im doch sehr zeitintensiven politischen Alltagsgeschäft mir auch die notwendige Zeit für die Familie zu nehmen. Seit 2002 bin ich Landrat im Landkreis Donau-Ries mit rund 130.000 Einwohnern. Als Landesvorsitzender der Kommunalpolitischen Vereinigung der CSU bin ich auch Mitglied im Parteivorstand der CSU und darf als stellvertretender Vorsitzender der Zukunftskommission der CSU an der strategischen Ausrichtung der Partei aktiv mitwirken. Meine berufliche Tätigkeit möchte ich als ebenso spannend wie herausfordernd bezeichnen. Es gilt wichtige Zukunftsziele zu definieren, dafür politische Mehrheiten zu gewinnen und letztendlich die Bürger zu überzeugen. Man steht als Landrat fast täglich im Kreuzfeuer zwischenmenschlicher Reibereien und Auseinandersetzungen, angefangen von Nachbarschaftsstreitigkeiten über Spannungen und Rivalitäten unter den Mitarbeitern wie auch innerhalb der politischen Entscheidungsträger bis hin zu Widerständen und Protesten gegen getroffene Entscheidungen aus den Reihen der Bevölkerung. Wenn dann auch noch Frau und Kinder zu Recht ihre Zeit einfordern, dann kann es mitunter richtig schwierig werden, Kurs zu halten. Mittlerweile habe ich die feste Überzeugung gewonnen, dass dies alles nur gelingen kann, wenn man den richtigen Kompass hat. Der beste Kompass ist in meinen Augen eine Politik aus christlicher Verantwortung. Mir gelingt es am besten, die vielfältigen tagtäglichen Probleme zu lösen, wenn ich mich bemühe, mein Denken und Handeln an den Kernaussagen der Bergpredigt zu orientieren. Das ist wesentlich effektiver, als noch so viele Gesetzestexte, Richtlinien und Kommentare zu lesen beziehungsweise Seminare zu besuchen. Es ist aber auch nicht immer leicht, diese Grundsätze zu leben und umzusetzen. Ich denke hier insbesondere an das Gebot christlicher Nächstenliebe als das tragende Element eines funktionierenden Miteinanders. Das bedeutet zum Beispiel aber auch, zu lernen, Kritikern, aufgebrachten Bürgern, politischen Gegnern und auch Widersachern zu verzeihen und für sie zu beten. Zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Dr. Thomas Goppel und dem früheren Benediktinerpater Anselm Bilgri haben wir im Arbeitskreis christliche Werte innerhalb der Zukunftskommission die Regeln des heiligen Benedikt näher betrachtet und ein Papier erarbeitet, das Christen in der Politik den notwendigen Halt und eine richtige Orientierung geben kann. Wichtig ist dabei insbesondere, dass der Blick auf sich selbst nie den Blick auf den Anderen verstellen darf. Ein christlich orientierter Politiker bemüht sich vor aller Aktivität um Besinnung auf das Wesentliche. Er ist bemüht um Bodenhaftung und Beständigkeit. Er ist sich seiner Rückbesinnung auf die Werte des Christentums bewusst und hört aufmerksam auf die Probleme und Nöte der Bürger. Er sucht Lösungen, die er mit der Stimme seines Gewissens vereinbaren kann und versteht seine Führungsaufgabe als Dienst am Gemeinwesen und am einzelnen Bürger. Er sollte stets versuchen, ein Mann der Mitte und des rechten Maßes zu sein. Er bemüht sich im Umgang mit den politischen Wettbewerbern um einen fairen Austausch sachlicher Argumente und ein Erreichen der bestmöglichen Lösung für die Bürger. Er nimmt den Menschen so wie er ist, mit all seinen Stärken und Schwächen. Er unterlässt jeden Versuch, den Einzelnen nach ideologischen oder gar totalitären Vorstellungen einzuordnen und zu prägen. Wichtig ist es insbesondere, politisches Führen als Dienen am Menschen zu verstehen. Ich bekenne mich gerne dazu, aus christlicher Überzeugung Politik zu machen. Ich denke, es ist den Menschen mehr geholfen, wenn sie wissen wofür man steht. Von daher sollten wir als Politiker auch nicht immer nur im Kopf haben, wie viele uns wählen (und dabei vielleicht noch möglichst viel und oft darüber reden). Wir sollten zunächst an eine gute Politik für die Menschen denken und nicht zuerst an das Wahlergebnis. Ich bin überzeugt, dass letztendlich auch das Wahlergebnis passt, wenn es uns gelingt, eine verlässliche und gute Politik zu machen. Und trotz aller Probleme und schier unlösbarer Aufgaben darf man als gläubiger Christ immer zuversichtlich bleiben, dass uns eigentlich gar nichts Schlimmes passieren kann, wenn wir aufrichtig Politik machen und auf Gott vertrauen. Von daher meine ich, dass wir uns als Christen in der Politik noch viel mutiger zu unserem obersten Grundsatz bekennen dürfen: Aus christlicher Überzeugung handeln. Dieser Kompass hilft uns und diese Botschaft verstehen auch die Menschen. Christen in der Politik – unser Kompass Unser Gemeinwesen beruht auf der christlich-abendländischen Tradition mit der Wertschätzung des Menschen als Ebenbild Gottes. Dieser christlich-biblische Blick auf den Menschen wurde durch die zeitlos gültige Regel des heiligen Benedikt und deren Einfluss auf die Entwicklung einer humanen Arbeits- und Wirtschaftswelt entfaltet. Diesem Menschenbild entsprechen auch die Werte unserer modernen demokratisch verfassten Gesellschaftsordnung. Sie werden angeführt von der Unantastbarkeit der Menschenwürde, individueller Freiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und Gerechtigkeit. 1. Leitsatz: Bete und arbeite! ora et labora Christen in der Politik orientieren ihr Handeln an der Frohen Botschaft Jesu, die mit dem Hauptgebot der Liebe zu Gott, zum Nächsten wie zu sich selbst auf den Punkt gebracht wird. Aus einer ausgewogenen Balance zwischen engagiertem Einsatz für eine lebenswerte und menschenwürdige Welt (Arbeit) und der Besinnung auf die Beziehung zu Gott (Gebet) erwachsen die notwendige Gelassenheit und die Kraft zu einem erfüllten Leben. 2. Leitsatz: Diene! humilitas Christen in der Politik verstehen sich als Diener am einzelnen Bürger und am Gemeinwesen. Sie wissen um den Vorbildcharakter ihres Handelns. Dabei ist ihnen bewusst, dass Fehler zu vermeiden sind, aber wenn sie geschehen, Gelegenheiten zum Lernen und Umdenken darstellen. 3.Leitsatz: Höre! oboedientia Christen in der Politik sind sich ihrer Bindung an die Grundsätze ihres Glaubens bewusst. Auf das Wort Gottes und auf die Menschen hören, das bedeutet, die Probleme und Nöte der Bürger wahrnehmen und im Hören auf die Lebensbotschaft Gottes den besten Weg für eine zukunftsweisende Lösung suchen. Christen in der Politik wägen die verschiedenen Meinungen sorgfältig ab und beziehen die Stimme ihres Gewissens mit ein. Sie sprechen klar, verbindlich und konkret in der Sache. 4. Leitsatz: Sei beständig! stabilitas Christen in der Politik bemühen sich um Bodenhaftung und Beständigkeit. Sie sind gleichermaßen verwurzelt in der Tradition und offen für den Fortschritt. Sie kennen ihre Verantwortung für die nachfolgenden Generationen. Sie sind sich der Mitverantwortung an der Schöpfung bewusst und setzen sich für unsere Umwelt ein. 5. Leitsatz: Unterscheide! discretio Christen in der Politik wissen um die Einmaligkeit der Person(en). Die in der Gesellschaft vorhandenen unterschiedlichen Talente und Potenziale sind von ihnen anerkannt und wertgeschätzt. Sie bilden ihrerseits die Grundlage für Forderung und Förderung gegenüber jedem Einzelnen. 6. Leitsatz: Finde das rechte Maß! temperantia Auf der Suche nach dem rechten Maß streben Christen in der Politik nach Ausgleich. Im Umgang mit den ihnen anvertrauten Gütern sind sie sich ihrer Verpflichtung bewusst, ein guter und gerechter Haushälter zu sein. Weder Neid, Missgunst noch Verschwendung darf ihr Handeln bestimmen. 7. Leitsatz: Suche den Frieden! pax Christen in der Politik bemühen sich um einen fairen Austausch sachlicher Argumente, damit bestmögliche Lösungen für die Bürger erreicht werden. Das setzt Toleranz und Einbezug Andersdenkender und weltanschaulicher Minderheiten voraus. Nur so kann unsere Gesellschaft auf Dauer in Frieden leben. Stefan Rössle, Dr. Thomas Goppel, Anselm Bilgri |