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Praxistipp 06/2010
Sprung über den digitalen Graben

Seit zehn Jahren bieten Senioren aus Würzburg ein Internetcafé für betagte Onliner an

Fernsehen. Schlafen. Essen. Und abermals Fernsehen. „So verbringen Bekannte von mir ihren Tag“, sagt Edgar Pfeiler. Sich mit ihnen zu unterhalten, macht dem 80-Jährigen wenig Spaß: „Sie sind mir zu weltfremd.“ Ein Vorwurf, dem man Pfeiler nicht machen kann. Der rührige Senior drang schon vor zehn Jahren in die Welt der Informationstechnologie ein: „Damals machte ich meinen ersten Computerkurs.“ Als der zu Ende war, entdeckte er das Würzburger Internetcafé von und für Senioren.

Von Pat Christ
Freie Journalistin

Zehnjähriges Jubiläum konnte das im St. Thekla-Pflegeheim der Caritas angesiedelte Internetcafé heuer feiern. Die Projektidee stammt von dem Würz­-burger Herbert Schmidt. Der heute 73 Jahre alte Ingenieur wollte sich nicht damit abfinden, dass ein großer Teil der Bevölkerung von moderner Information und Kommunikation abgehängt zu werden droht. Ältere Menschen, so sein Appell, dürfen in der digitalen Gesellschaft nicht in eine Außenseiterrolle abgedrängt werden.

Mit Hilfe der Stadtverwaltung richtete Schmidt 2000 das erste Internetcafé von und für Senioren im Seniorenheim Ehehaltenhaus ein. Mit zwei Compu­tern startete die Initiative. Ein Dreivierteljahr lief der Pilotbetrieb, dann wurde ein Ortswechsel not­wen­dig. Man zog um in das Seniorenheim St. Thekla der Caritas, wo ein eigener IT-Raum eingerichtet wurde. An acht durch Zuschüsse, Spenden- und Sponsorengelder finanzierten Rechnern können Senioren hier das Internet kennenlernen.

Über 15.000 Senioren wagten bei Schmidt und seinen Mitstreitern bislang ihre ersten Gehversuche im weltweiten Netz. „Immer, wenn ein Artikel über uns in der Zeitung erscheint, kommen neue Interessenten“, sagt Schmidt. Einfach ist es für die we­nigsten, sich auf den Computer einzulassen. „Man muss den inneren Schweinehund überwinden“, bestätigt Senior Edgar Pfeiler. Die es wagen, erobern für sich eine Welt, die sie bald nicht mehr missen möchten.

So war es auch bei Friedrich Herbach aus Randersacker bei Würzburg. Der 75 Jahre alte Buchbinder wurde vor sieben Jahren durch einen Zeitungsartikel auf das Internet-Café aufmerksam. Bald stellte er fest: „Das macht ja richtig Spaß!“ Herbach begeistert, welch vielfältige Informationen man im Internet finden kann. Gern schlägt er virtuell Fremdwörter nach, die ihm bei der Zeitungslektüre unterkommen. Auch seine Hobbys Reisen und Botanik werden durch Computer und Internet bereichert. Herbach: „Ich liebe es, Orchideen zu fotografieren.“ Faszinierend ist für ihn, wie mühelos Bilder am Computer bearbeitet werden können.

Sieben Jahre ist es inzwischen her, dass der Senior im Internetcafé des Caritas-Hauses eine erste Mail an seinen nach Australien ausgewanderten Schwager und dessen Frau schrieb. Kaum zu fassen war für ihn, wie prompt er eine Antwort auf seine Zeilen erhielt. Das habe ihn damals hellauf begeistert, erinnert sich Herbach. War er es doch gewohnt, dass es mindestens zwei Wochen dauerte, bis er auf einen postalisch versandten Brief eine Replik aus Australien kam.

60 Prozent derjenigen, die das Internetcafé von und für Senioren aufsuchen, sind Stammgäste. Für sie gehört es zur Normalität ihres Lebens, täglich im Internet zu recherchieren, Mails und Bilder zu verschicken, Bankgeschäfte zu erledigen, Reisen zu buchen und Öffnungszeiten von kulturellen Einrichtungen zu eruieren. Was für die Internetbesu­cher normal ist, spiegelt jedoch keineswegs die Wirklichkeit wider, sagt Schmidt. Von allen über 75 Jahre alten Senioren tummeln sich nach seinen Schätzungen höchstens 15 Prozent im weltweiten Netz. Die meisten seiner Altersgenossen, so der 73-Jährige, hielten nicht viel von „online“.

„Viel zu kompliziert!“, gehört zu den häufigsten Argumenten, mit denen Schmidt in Diskussionen konfrontiert wird. Auch glauben Senioren nach seiner Auskunft, dass Internet eine teure Angelegenheit sei, die sie sich mit ihrer Rente nicht leisten können. In vielen Gesprächen versucht Schmidt unermüd­lich, reinen Zeitungslesern den Computer- und On­line-Boykott auszureden. Einwände beruhen Schmidt zufolge größtenteils auf Vorurteilen, haben aber auch etwas damit zu tun, wie Senioren ans Internet herangeführt werden. Es braucht Geduld. Großmütter und Großväter, die sich von ihren Enkeln ins Internet einweisen lassen, klagten denn auch oft darüber, dass „alles viel zu schnell“ gehe. Auch in Kursen sei das Tempo meist nicht seniorengerecht.

Vor allem Frauen macht schließlich die Technik Kopfzerbrechen. Was passiert bloß in den schwar­zen Türmen, die neben dem Monitor platziert sind und leise vor sich hin surren? „Mir wäre am liebsten, die gäbe es nicht“, lacht Herbert Schmidt, der Online-Novizen einprägt, dass sie sich weder um die Hard- noch um die Software und schon gar nicht um so Kryptisches wie Programmiersprachen kümmern sollten. Maus, Tastatur und Bildschirm – das ist alles, was bei den ersten Gehversuchen zur Kennt-nis genommen werden muss. Später wird gelernt, was ein Mail ist, wie damit sogar Fotos verschickt werden können. Und dass es für „Files“ verschie­dene Dateiformate gibt.

Angst vor Computer und Internet, das hat Renate Bohndorf noch nie gekannt. Die „deutlich über 70 Jahre“ alte Seniorin, die ihr exaktes Alter nicht verraten möchte, gehörte zu denjenigen Computer­freaks, die sich sofort auf die neuen Geräte stürzten, sowie sie den Markt erobert hatten: „Heute stehen drei Computer bei mir zu Hause. Einer davon ist ausgestattet mit allen Schikanen. Scanner, Brenner und so weiter.“ Natürlich verfüge sie daheim auch über Internet.

Bohndorf nutzte den Computer in den vergangenen Jahren vor allem dazu, ihre Memoiren zu verfassen. Die entstandenen 120 Seiten will sie einmal ihren Kindern und Enkeln geben. Obwohl sie, was das Internet anbelangt, viel weiß, besucht sie regel­mäßig das Internetcafé im St. Thekla-Heim. Wenn nicht hier, wo dann sollte sie Gleichgesinnte treffen? Außerdem klappt auch bei ihr nicht alles, was sie am Computer ausprobiert. Im Internetcafé findet sie garantiert jemanden, der ihr weiterhelfen kann.

Jederzeit bereit Hilfe zu leisten, ist Gisa Ruf, neben Herbert Schmidt die „Frau der ersten Stunde“ des innovativen Seniorenprojekts. Die ebenfalls über 70 Jahre alte Seniorin lebte lange Zeit in der Nähe von Freiburg. An der Uni Freiburg lehrte damals der Biologieprofessor Dr. Karl-Friedrich Fischbach. Der gründete bereits im Jahr 1998 einen Seniorentreff im Internet – und säte auf diese Weise auch bei Gisa Ruf, die zufällig auf den Chat stieß, den virtuellen Samen aus.

„Über Fischbachs Chat lernte ich schließlich Herbert Schmidt kennen“, erzählt die Wahlwürzburgerin. Damals habe sie kaum gewusst, „wo Würzburg liegt“. Der Zufall führte sie in jene Stadt, in der ihr agiler Chatpartner lebte. Keine Frage für Schmidt, dass die erfahrene Gisa Ruf in sein Würzburger Internetprojekt eingebunden werden musste.

Viele Senioren hat Gisa Ruf seither in die Geheim­nisse des weltweiten Netzes eingeweiht. Erstaunt ist sie immer wieder über die große Neugierde, mit der sich Senioren dem Internet nähern. Kaputt gemacht werde diese Neugierde von routinierten Trainern, die möglichst schnell Ergebnisse sehen wollen und bei denen sich kein Senior traut, etwas möglicherweise „Dummes“ dazwischenzufragen. Ruf be­stä­tigt Herbert Schmidts Credo: „Das wichtigste bei Internetschulungen von Senioren ist Geduld.“ Die ist reichlich zu finden im Internetcafé des St. Thekla-Heims. Herbert Schmidt: „Wir erklären schwierige Sachverhalte gern auch zum hundertsten Mal.“