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Schwerpunktthema 06/2010
„Ich spreche junge Christen via Internet an“

Wie (Jugend-)Seelsorger die sozialen Netzwerke im Internet nutzen und erleben: Zwei Beispiele

Die Welt erlebt derzeit eine Medienrevolution nie ge­kannten Ausmaßes. Bücher kann man auf Bildschirmen lesen, viele Zeitungen sterben, selbst das Fernsehen könnte bald ein alter Hut sein, seit man Fußball und Spielfilme auf dem Handy anschauen kann. Vor allem muss man feststellen: Die Kommunikation verlagert sich bei den jungen Leuten komplett ins Internet ? namentlich in die sozialen Netzwerke wie Facebook, StudiVZ, Myspace, Lokalisten und manche mehr.

Von Martin Riedlaicher
Journalist, Theologe

Die Frage ist hier nicht, ob das gut, erfreulich oder erstrebenswert ist, ob es zu begrüßen oder zu bedauern ist ? es ist so. Das fordert natürlich auch die Kirche oder ihre Mitarbeiter heraus, es fordert auch Pfarreien und Pfarrgemeinderäte. Ge­meinde creativ hat zwei Jugendseelsorger nach ihren Erfahrungen mit sozialen Netzwerken gefragt. Das Fazit ist klar: Wer in Kontakt mit jungen Christen treten und bleiben will, kommt an Facebook und Co schlicht nicht mehr vorbei.

Auch für Otto Penn gehört der tägliche Besuch auf seiner Facebook-Seite zum Arbeitsalltag. Als Ju­gendseelsorger betreut er die Dekanate Hauzenberg und Passau. Im Netzwerk hält er Kontakte mit sei­nen Gruppenleitern und Gruppenmitgliedern, hier plant und kommuniziert er seine Termine, hier wirbt er für seine Veranstaltungen und lädt dazu ein. „Mit E-Mail braucht man bei den jungen Leuten gar nicht mehr anzufangen“, sagt er. „Viele haben gar keine Adresse mehr oder schauen gar nicht mehr rein.“ Ganz anders bei Facebook: Drei Viertel aller kirchlich interessierten Jugendlichen seien in diesem Netzwerk drin, schätzt er. Vor allem am Abend und in der Nacht seien viele pausenlos im Netz. Zum Pflegen der Kontakte könne er darauf nicht verzichten. „Hier erreiche ich fast alle mit einem Schlag.“

Penn erinnert sich an einen Gruppenleiterkurs für Anfänger vor einigen Wochen. Wenige Stunden nach dessen Ende war der Kurs schon Thema auf der Facebookseite, Teilnehmer tauschten sich aus, wie es ihnen und was ihnen gefallen hat, sie schlossen im Netz „Freundschaft“, machten Termine aus, um sich wieder zu treffen. „Die Chats liefern mir mittlerweile ein gutes Feedback, wie die Kurse angekommen sind“, berichtet Jugendseelsorger Penn.

Natürlich tauscht er sich mit den jungen Leuten auch über die Gefahren dieser „Daten-Krake“ im Internet aus. „Ich warne immer wieder davor, bestimmte Bilder einzustellen oder Beziehungssachen im Netz auszutauschen.“ Aber er merkt mittlerweile auch, dass die Jugendlichen selbst sehr empfindlich geworden sind, seit sie wissen, dass Personalchefs auf den Seiten unterwegs sind und das „Netz nichts vergisst“.

Trotz aller Bedenken und Skepsis: „Facebook spart mir in der täglichen Arbeit viel Zeit“, fasst Penn zusammen. Vor der Datenspionage hat er keine große Angst. „Was steht schon groß von mir drin: Name, E-Mail-Adresse und Geburtsdatum. Damit habe ich kein großes Problem.“

Dass soziale Netzwerke auch bei Ordensgemeinschaften zur Tagesordnung gehören können, zeigt Schwester Mirjam Sprenger von den „Schwestern vom Heiligen Kreuz“. Sie arbeitet neben ihren Aufgaben im Orden als Gemeindereferentin im Pfarr­verband Reischach bei Altötting. Sie ist im Netz­werk „Lokalisten“ unterwegs. Unter anderem ist sie für acht Jugendgruppen im Pfarrverband zuständig. Das Internet-Netzwerk ist dabei äußerst praktisch, sagt sie. „Über diese Plattform kann ich die Ju­gend­lichen erreichen, kann schnellstens mit ihnen kommunizieren.“ Termine, Gottesdienste, Maiandachten oder Treffen seien jetzt in Minutenschnelle ausgemacht. Früher hätte es dafür stundenlange Telefonate gebraucht. Auch sie bestätigt: E-Mail ist bei den jungen Leuten out. „Die lesen das nicht mehr. Die Mail ist für Jugendliche die veraltetste Kommunikationsform nach dem Brief.“

In die Internetplattform ist sie aber ursprünglich nicht wegen der Arbeit in der Pfarrei eingestiegen. Sie erhoffte sich einen Nutzen für die Berufungspastoral ihres Ordens, sieht hier die Möglichkeit, mit jungen Leuten über Gott ins Gespräch zu kommen. Und sie war überrascht, wie viele Leute aus der ganzen Welt sich meldeten. 400 Leute hat sie bei den Lokalisten als „Freunde“ eingetragen. Sie ist mit diesem Begriff natürlich vorsichtig, da das Netz eine Beziehung oft nur vorgaukelt. Aber es sei ein schönes Gefühl, beim Einschalten des Computers zu merken, dass zwei, drei Freunde auch „online“ sind. „Es gibt mir das Gefühl, dass was los ist, dass es eine Verbindung gibt.“

Ihr Fazit: Ein Internet-Netzwerk ersetzt natürlich nicht den persönlichen Kontakt, aber für das Planen und Absprechen von Terminen sei es eine gute Sache. „Netto bringt es auf jeden Fall eine Zeitersparnis.“

Ein Blick in die Zukunft: Schwester Mirjam beobachtet, dass zunehmend junge Leute auch aus ihren Pfarreien zu Facebook abwandern, falls sie sich nicht sowieso auf mehreren Plattformen bewegen. „Facebook ist einfach internationaler.“ Sie hält es durchaus für möglich, dass sich am Ende eine Plattform durchsetzen und auch sie „gezwungen“ sein wird, für ihre Kontaktpflege und „Internetpastoral“ zum Marktführer abzuwandern.