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Interview 06/2011
Der Glaube steht im Mittelpunkt

Sieger Köder ist am 3. Januar 1925 in Wasseralfigen geboren. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Malern christlicher Kunst des 20. Jahrhunderts. Er studierte 1946 bis 1947 an der Fachschule für Edelmetalle Schwäbisch Gmünd Ziselieren und Silberschmieden, danach bis 1951 Malerei und Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. 1954 bis 1965 war Köder Kunsterzieher am Schubart-Gymnasium in Aalen. Dann begann er ein Studium der katholischen Theologie in Tübingen, 1969 trat er ins Priesterseminar Rottenburg ein, 1971 wurde er zum Priester geweiht. Von 1971 bis 1975 war er Vikar in Ulm, ab 1975 Pfarrer in Hohenberg und Rosenberg. Im Jahr 1985 erhielt Sieger Köder den Ehrentitel Monsignore. Seit 1995 ist Sieger Köder im Ruhestand und lebt in Ellwangen.

Sieger Köder gilt als ein kraftvoller und farbgewaltiger „Prediger mit Bildern“, viele kennen seine Bilder aus Religionsbüchern oder Meditationsbildern bei religiös geprägten Seminaren. Gemeinde creativ hat mit dem nicht unumstrittenen Künstler gesprochen.

Gemeinde creativ: Sie sind bekannt mit Ihren religiösen Bildern, religiösen Motiven. Haben Sie von Anfang an religiöse Bilder gemalt?

Köder: Ganz am Anfang, kann man sagen, habe ich religiöse Bilder gemalt. Ich bin in Wasseralfingen geboren, wir haben im Rathaus gewohnt, mein Vater war Beamter, und da war die Kirche nur zwei Minuten weg. Als kleiner Bub bin ich in die Kirche hinüber gegangen und habe die Kreuzwegstationen angeschaut, ein Nazarenerkreuzweg. Zu Hause habe ich versucht, ihn zu malen. Meine Mutter hat einige Zeichnungen aufgehoben. Aber später habe ich alles gemalt, wie man halt in der Volks-Schule malt.

Gemeinde creativ: Das Bild ist in unserer Gesellschaft ein Leitmedium. Also Texte sind gar nicht mehr so wichtig, aber bewegte Bilder, Fernsehen, Video, auch im Internet bewegte Bilder. Da haben Sie es als Künstler sehr schwer mit ruhigen detailreichen Bildern.

Köder: Das ist mir ziemlich egal. Ich male wie ich male und ich finde es keine Konkurrenz. Gemalte Bilder kann man länger anschauen, als die im Fernsehen, die an einem vorbeihuschen. Ich finde beides muss sein.

Gemeinde creativ: Man sagt, ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Aber gerade religiöse Bilder sind manchmal schwer zu verstehen, wenn man vorher nichts weiß. Man muss ja auch was wissen, über das, was Sie oder andere religiöse Künstler gemalt haben, um zu verstehen.

Köder: Wenn man ein Bild sieht und weiß nicht was es sein soll, dann schaut man, wo man die Erklärung dazu bekommt. Also man schaut schlicht und einfach später in die Bibel hinein. Wenn man das malt, ist es ja eher umgekehrt. Man schaut zuerst in die Bibel und dann malt man. Aber ich habe schon von vielen Leuten erfahren, dass sie durch meine Bilder wieder zur Bibel gegriffen haben. Das ist für mich ein Idealfall.

Gemeinde creativ: In der Bibel steht: „Am Anfang war das Wort“, nicht das Bild. Und es steht auch in der Bibel „Ihr sollt euch kein Bildnis machen“. Wie gehen Sie als bildender Künstler mit dieser Aussage um?

Köder: Diese Übersetzung „Am Anfang war das Wort“ stimmt nicht genau, weil es im Griechischen heißt „Am Anfang war der Logos“ und das ist mehr als das Wort. Es heißt eher „Denken“ und aus dem Denken kommt ja auch die Sprache. Aber das ist eine schwierige Übersetzung.
Im Alten Testament galt das Bilderverbot, weil man gesagt hat, es ist unmöglich Gott darzustellen. Und das hat die Reformation wieder aufgegriffen. Darum sind dann auch zahlreiche Bilderstürme geschehen. Aber ich denke im Neuen Testament hat sich das geändert. Es gibt eine Stelle wo steht „Jesus ist das Bild des unsichtbaren Gottes“. Also man sieht jetzt etwas von Gott, man konnte ihn in Jesus sehen. Insofern denke ich, kann man ein Bild malen. Also das absolute Bilderverbot gibt es im Neuen Testament nicht mehr.

Gemeinde creativ: Und doch ist manches in der Bibel sehr abstrakt. Auch in der Theologie herrscht ein sehr abstraktes Denken vor. Wie kann man dann Glauben malen?

Köder: Ich kann nur malen, was ich glaube, was ich verstehe und kann nur hoffen, dass andere durch meine Bilder ein Stück weit ihren Glauben besser verstehen. Das habe ich als Pfarrer oder als Religionslehrer immer versucht, dass man das Wort der Bibel durch meine Bilder ein wenig besser versteht.

Gemeinde creativ: Wenn Sie die Bibel verständlich machen mit Ihren Bildern, dann malen Sie gegenständlich. Wie hat kürzlich ein Künstler gesagt: „Ich habe keinen Erfolg als Künstler, weil man auf meinen Bildern erkennt, was ich male“. Zeitgenössische Kunst ist abstrakte Kunst. Warum haben Sie trotzdem Erfolg?

Köder: Das kann ich nicht erklären woher der Erfolg kommt, aber ich kümmere mich darum auch nicht, ob ich Erfolg habe oder nicht. Ich male und stelle später fest, dass manche Leute durch meine Bilder zum Glauben kommen. Aber es gibt auch eine Richtung, auch unter den Theologen, die meine Bilder nicht schätzen. Denen sind sie zu gegenständlich.

Gemeinde creativ: Viele schätzen gerade das Gegenständliche!

Köder: Es gibt jetzt so zwei Richtungen mit den Schlagworten „engagierte Kunst“ und „autonome Kunst“. Autonome Kunst ist, wenn ein Mensch aus sich heraus Bilder malt, die er malen muss, also Selbstverwirklichung. Und dann gibt es die andere Richtung, wo man eine Sache engagiert malt und für diese Sache engagiert wird. Also diese zweite, die engagierte Kunst, die wird immer etwas minder bewertet. Ich gehöre zu den Minderbewerteten, aber mir ist das egal.

Gemeinde creativ: Wie kommen sie zu den einzelnen Motiven?

Köder: Meine Bilder sind oft im Religionsunterricht entstanden. Ich habe zum Beispiel von unserem Bischof einmal den Auftrag bekommen, als die Diözese eigene Religionsbücher gemacht hat. Da haben wir Teams zusammengestellt und ich war bei einem Team dabei, die die Bücher für die 3. und 4. Klasse gemacht haben. Da haben die Theologen gewünscht, sie möchten einen Seesturm, sie möchten ein Abendmahlbild oder sie möchten Mose auf dem Berg, und das habe ich gemalt, so gut ich konnte. Aber ich bin dadurch natürlich in die minderbewertete Klasse der so genannten Auftragskünstler gerutscht. Wenn man Auftragskünstler ist, ist man in der Fachwelt nicht mehr so hoch geschätzt. Aber mir ist das egal.

Gemeinde creativ: Für Sie liegt der Schwerpunkt woanders, oder?

Köder: Ich war nicht der Künstler der am Samstag und Sonntag Pfarrer ist, sondern ich war ein Pfarrer der malt und das war mir wichtiger. Andere Pfarrer können vielleicht schön singen oder etwas anderes gut, aber ich konnte halt ein bisschen malen und das habe ich als Pfarrer ausgenutzt. Durch die Medien kann man das schnell vermehren, indem man eine Bibel illustriert. Die große Bibel habe ich allerdings nicht im Auftrag illustriert, sondern der Verlag hat die Bilder gesucht, die zur Bibel passen.

Gemeinde creativ: Sie haben erzählt, dass Sie als Kind in die Kirche gegangen sind und diesen Kreuzweg angeschaut haben. Manche Kirchen sind sehr dunkel, das Auge muss sich daran erst gewöhnen, es schaut eher trist aus. Manchmal leider auch oft unaufgeräumt. Ihre Bilder sind sehr farbenfroh, sehr hell. Haben wir zu wenig Freude am Glauben?

Köder: Ich weiß nicht, ob das mit den Farben zusammenhängt, aber es stimmt sicher, dass für viele Leute der Glaube leider nicht besonders mit Freude verbunden ist. Aber wenn ich male, denke ich schon, dass die Farben etwas Freude bringen.

Gemeinde creativ: Es gibt die Spannung zwischen „Tradition erhalten“, also alte Dinge wieder auffrischen, renovieren und „Neues dazusetzen“. Das ist doch oft sicher auch eine Spannung, dieser Stilmix der dabei entsteht.

Köder: So etwas mache ich nicht gerne mit. Entweder soll man so gut es möglich ist, das Alte erhalten. Ich stelle mir das so vor, dass es die Künstler damals für einen bestimmten Raum geschaffen haben. Da passt dann nicht mehr viel dazu. Oder man versucht die neue, unsere Kunst. Zum Beispiel da, wo ich Pfarrer war, in Hohenberg, waren normale Glasfenster, weil die früher offensichtlich kein Geld hatten und dann habe ich gesagt, also hundert Jahre später, ich könnte euch Fenster machen, wenn ihr wollt und habe für eine hundert Jahre alte Kirche neue Fenster entworfen. Ich glaube, das ist ganz gut gelungen.

Gemeinde creativ: Was ist für Sie wichtiger, das Künstler sein oder das Priester sein? Was war zuerst?

Köder: Das war ganz eindeutig. Wo ich Pfarrer war, war Priester sein wichtiger. Ich habe nie einen Seelsorgefall ausgelassen oder verpasst, weil ich gesagt hätte, ich muss jetzt ein Bild malen. Das gab es nicht. Seelsorge war für mich erste Wichtigkeit.

Gemeinde creativ: Sie sind aber erst relativ spät im Leben Priester geworden?

Köder: Ich bin im so genannten Dritten Reich groß geworden und hatte damals das Glück in der katholischen Jugendorganisation Neudeutschland zu sein. Es gab in fast allen Gymnasien Gruppen. Dort bin ich von der Hitlerjugend verschont geblieben. Und gerade in den Gruppen hat man auch junge Vikare kennen gelernt, die mit uns ins Zeltlager sind und ganz anders als die älteren Pfarrer waren. Und das hat viele von diesem Bund dazu gebracht mindestens zu überlegen, ob Priester sein auch etwas wäre als Beruf. Ich kam ja noch in Krieg und Gefangenschaft und als ich aus der Gefangenschaft zurück, kam stand für mich beides zur Wahl. Ich hätte auch gleich Theologie studieren können, ich habe kein großes Erweckungserlebnis gehabt, sondern es waren von Anfang an beide Möglichkeiten gegeben. Und dann habe ich mich doch zuerst für Kunst entschieden und wurde Kunsterzieher. Dann war für mich das II. Vaticanum wichtig und ein Mensch wie Johannes XXIII. Da habe ich mir überlegt, ob ich nicht die zweite Möglichkeit meines Lebens auch noch ergreifen soll und habe mir vorgestellt, ich werde Religionslehrer; aber als Priester, geistlicher Studienrat hieß es damals. Aber dann ging es schon an, dass es weniger Pfarrer gab, noch lang nicht so katastrophal wie heute. In Tübingen, im Wilhelmsstift, haben sie gesagt: „Überleg dir doch, ob du nicht Pfarrer werden willst.“ Dann habe ich mich dafür entschieden, Pfarrer zu werden.

Gemeinde creativ: Sie haben dann trotzdem weiter gemalt in dieser Zeit.

Köder: Ja. Zuerst natürlich in den Kirchen, wo ich Pfarrer war. Als die Menschen in den Gemeinden gemerkt haben, dass ich malen konnte, kamen gewisse Wünsche. Gerade mit den Fenstern in Rosenberg. Oder man hat die Kirche in Rosenberg renoviert. Aber oft habe ich auch im Religionsunterricht geschwind was an die Tafel gezeichnet, das dann später oft Grundlage war für richtige Bilder.

Gemeinde creativ: Als Priester sind Sie auch in gewisser Weise der Liturgie verbunden. Kunst im Kirchenraum wird ja auch immer auf die Liturgie bezogen. Welchen Unterschied gibt es zwischen Kunst in der Kirche und religiöser Kunst im Museum?

Köder: Ich denke das Museum ist erst eine Spätfolge. Zuerst macht man die Kunst für die Kirche und später wird diese Kunst auch gesammelt. Aber man malt nicht für das Museum, überhaupt nicht. Also was ich gemacht habe, habe ich immer ganz konkret für Kirchen gemalt.

Gemeinde creativ: Sozusagen gemalt für das Leben.

Köder: Ich vermute, dass mein Bekanntheitsgrad hauptsächlich durch diese Bibel kam. Die haben viele Pfarrer in die Hand bekommen, die mich vorher nicht gekannt haben und dann angefragt haben: Könntest du nicht einen Kreuzweg oder ein Farbglasfenster oder Ähnliches malen?

Gemeinde creativ: Es gibt inzwischen auch einen breiten Kirchentourismus, der die Kirchen zu Museen macht. Wie stehen Sie dazu. Wenn Leute in Kirchen kommen, zum Beispiel die Sie gestaltet haben oder andere Künstler. Ich denke zum Beispiel an Mainz wo die Leute wegen der Kunst Marc Chagalls hingehen.

Köder: So ist es halt, dass sie wegen der Kunst kommen. Aber ich hoffe, dass es dann auch weitergeht. Mich freut es manchmal, wenn ich dazu komme und vor meinen Bildern noch ein Lied gesungen oder ein Gebet gesprochen wird. Das manchen ja manche Führer auch. Das ist ein schönes Erlebnis.

Gemeinde creativ: Sie arbeiten eng mit jemandem zusammen, der Texte schreibt zu Ihren Bildern.

Köder: Das ist hauptsächlich Pater Schmidkonz, ein Jesuit in Krumbad. Der war Studentenpfarrer in München als ich meine theologischen Freisemester machte. Da habe ihn kennen gelernt. Und seither ist das eine große Freundschaft geworden. Der macht auch zusammen mit dem Schwabenverlag die Texte.

Gemeinde creativ: Wie wichtig sind denn für Sie andere Kunstformen in der Kirche für die Verkündigung?

Köder: Ich bin nicht sehr musikalisch. Also mir gefällt es, aber ich verstehe nichts davon. Ich singe auch gerne in der Kirche mit. Wenn ich an früher denke, das hat mich schon beeindruckt. Wir sind immer in den Kartagen nach Neresheim gegangen. Da ist eine Benediktinerabtei, in der der gregorianische Choral gepflegt wird, da habe ich schon gemerkt, das ist noch mal was anderes als die Kirchenlieder. Dann gab es auch Christkönigslieder, da war viel von Kampf und Sieg die Rede. Damals war man ja „militarisiert“, auch ein Stück weit in der Kirchenmusik.

Gemeinde creativ: Was ist denn Ihr Lieblingsbild?

Köder: Vielleicht doch das in Rom, das Mahl mit den Sündern. Das ist ein Bild mit dem ich einen gewissen „Durchbruch“ erzielt habe. Mit dem bin ich bekannt geworden, das war ein Bild das eine lange Geschichte hatte. Da gibt es ein kleines Büchlein von mir, wie das alles geworden ist und wie schwierig es war. Es war auch das Bild an dem ich mal sechs Wochen lang in meinem Leben nichts anderes getan habe als malen.

Gemeinde creativ: Sie haben Johannes XXIII. erwähnt, das II. Vaticanum. Welche Vision von Kirche haben Sie heute, 50 Jahre später. Was wünschen Sie der Kirche für die Zukunft?

Köder: Ich wünsche ihr, dass es einmal wieder so wird wie in meiner Jugend. Wir waren begeistert bei der Kirche. Die Begeisterung fehlt ein bisschen. Ich bekomme manchmal Zuschriften, von Leuten, die ich gar nicht kenne und da merke ich schon manchmal, dass denen meine Bilder etwas bringen. Ja, ich kann es nicht anders sagen, als mit dem Wort Begeisterung. Da steckt ja Geist drin.

Gemeinde creativ: Haben Sie jetzt auch den Papstbesuch verfolgt? Da war ja schon ein Stück Begeisterung zu spüren.

Köder: Ja, auch bei den Jungen. Aber man hat das als Pfarrer ja auch erlebt, geschwind ist Begeisterung da, aber ein paar Wochen später merkt man nichts mehr davon. Das ist vielleicht normal im Leben. Man kann ja auch nicht dauernd begeistert leben.

Gemeinde creativ: Sie haben es angesprochen, dass es katastrophal wenig Priester und Pfarrer gibt. Was würden Sie da der Kirche mit auf den Weg geben für die Zukunft?

Köder: Ich denke zum Beispiel es fehlen Priester oft am Samstag und Sonntag. Viele Dörfer können nicht mehr richtig versorgt werden mit Gottesdiensten. Es gibt dazu auch Vorschläge. Das was ich zunächst am Möglichsten denke, wäre die viel erwähnten Viri Probati zu Priestern zu weihen. Um die Eucharistie zu feiern, braucht man nicht studiert zu haben, sondern man muss geweiht sein. Und das könnte ich mir als ersten Schritt denken, dass diese Not am Samstag und Sonntag etwas verbessert wird.

Das Interview führte Thomas Jablowsky