| Kommentar 06/2011 |
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Als der Himmel noch am Himmel war Gedanken zu gelegentlichen Erscheinungsweisen kirchlicher Kunst Von Pater Roger Gerhardy OSA Fotograf, Journalist, Ordenspriester Pablo Picasso räsonierte seinerzeit einmal über seinen Malerkollegen Marc Chagall, er könne mit dessen „umherfliegendem Gerümpel nichts anfangen“, aber der sei einer der wenigen, die etwas von Farben verstünden. Picasso selbst war nun keineswegs ein beinharter Vertreter der Nazarener-Schule, die sich mit zartem Strich und lieblicher Farbgebung der Himmelspforte anschmeichelten. Der kraftstrotzende Baske malte in seiner abstrakten Phase schon mal einer Dame das Ohr auf die Wange und das Auge auf die Stirn, aber er wusste immerhin noch, dass zu einer Dame Wange und Ohr gehören sollten. Er sah seine abstrakte Kunst nicht im völligen Weglassen jeglicher optischer Brücke zum Kern des Darzustellenden sondern im Reduzieren auf diesen Kern. Wer seine abstrakte Dame bewunderte, begegnete ihren optischen Details wie Wange, Ohr, Busen oder Braue auf der Bildoberfläche so, als umrunde er die Schöne und nähme die erwähnten Details nacheinander wahr; auf seinem Bild sah man sie auf einen Blick und nebeneinander. Ganz davon zu schweigen, dass Picasso mit einfachsten Strichen seine Friedenstaube zu zeichnen verstand oder den Stier, dessen im Bild zu erkennende Kraft die Leinwand zu zerreißen drohte. Bei den modernen kirchlichen Kunstprälaten und denen ihnen huldigenden Ministranten hätte Picasso keine Chance mehr. Zu gegenständlich. Wer es zum Beispiel wagt, das neue Glasfenster im Kölner Dom als langweilig zu bezeichnen, gilt den Wissenden schnell als bedauernswerter Prophet des Vorgestrigen. Realistisch betrachtet besteht es aus kleinen farbigen Glasteilen, deren endgültige Zusammensetzung ein Computer festlegte. Natürlich ergibt das ein schimmernd warmes Licht, wenn die Sonne durch einen Mosaikteppich aus 11.263 farbigen Quadraten in 72 Farbtönen sickert. Aber ich sitze lieber in Mainz St. Stephan und lasse mir von Marc Chagalls Glasfenstern etwas vom Gott Jahwe erzählen und seinem liebevollen Ringen um das untreue Volk Israel. „Biblia pauperum – Bibel der Armen“ war früher die Kirchenkunst. Die des Lesens nicht Mächtigen nahmen hier Nachhilfeunterricht in Heilsgeschichte. Aber wer will denn heute noch zugeben, Nachhilfe zu benötigen. Schnell schlägt sich auf die Seite der Wissenden, wer lange genug den Kopfgeburten der Abstrakten lauschte. Das Nachplappern enthebt nicht nur der Fron des eigenen Denkens, sondern lässt auch teilhaben am Nimbus des Kunstheroen. Niemand, den ein Grundbestand an Ehrlichkeit am Mitschwimmen im Mainstream behindert, dürfte behaupten, ein etwa drei mal acht Meter großes Glasfenster zu begreifen, dessen einziges halbwegs figürliches Detail den Umrissen einer Feder ähnelt. Wer ein schrumpeliges, eingerissenes Gebilde, das aussieht wie ein Luftballon in jener Millisekunde, nachdem ein Kind ihm mit einem Nadelstich das Leben nahm, als die Darstellung der Welt erkennt, in das Gottes Gnade fuhr, der ist ein Hochstapler der Erkenntnis. Das Wappentier dieser Kaste heißt Papagei. Die Frontmänner und -frauen moderner kirchlicher Kunst umgeben sich zudem gern mit der Aura papstnaher Unfehlbarkeit, jegliche Alternative ausschließend und verachtend. Wer etwa die Kunst Sieger Köders schätzt, auf dessen Bildern der dicke Papst Johannes XXIII. noch aussieht wie der dicke Papst Johannes XXIII. und der asketische Teilhard de Chardin wie der asketische Teilhard de Chardin und ein Esel wie ein Esel, der wird schnell auf dem Geschmacksniveau des letzteren angesiedelt. Dabei ist es nur eine schöne Erinnerung an jene Zeiten, als der Himmel noch am Himmel war. |