| Schwerpunktthema 06/2011 |
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Raum schaffen für das Wesentliche Von der Hülle und dem Umhüllten Die weithin bekannte, in der Erzdiözese Bamberg gelegene Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen ist zweifellos ein Höhepunkt der Kunst des 18. Jahrhunderts. Gold, Licht, Figuren und Stuck wetteifern um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Und doch ist die wichtigste Stelle, ja der Grund des ganzen Baus einfach frei und völlig schmucklos geblieben: Mitten im Gnadenaltar, dem Mittelpunkt all der Pracht, befindet sich ein Stück nackter, fränkischer Erde, der Überlieferung nach die Erscheinungsstelle der Vierzehn Nothelfer. Es ist, als hätte der Baumeister damit sagen wollen: All die barocke Fülle des Rokoko ist nur der Rahmen um auf etwas hinzuweisen, das sich mit menschlichen Mitteln, und sei es noch so brillante Kunst, im Grunde nicht ausdrücken lässt, das aber trotzdem im Zentrum steht. Von Norbert Jung Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbistum Bamberg Der zu Grunde liegende Gedanke war schon den Priestern des Alten Bundes bekannt, deswegen wurde das so genannte Bilderverbot in die Zehn Gebote mit aufgenommen, das im Judentum und im Islam bis heute streng beachtet wird: „Du sollst Dir kein Gottesbildnis machen, das irgend etwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ (Dtn 5,8; vergleiche Dtn 27,15 beziehungsweise Ex 20,4). Fragen, die oberflächlich gesehen dem Zeitgeschmack oder der Willkür des Architekten entsprungen sind, haben also durchaus theologische Relevanz, gerade im Hinblick auf die Gestaltung des Kirchenraums. Ästhetik ist also nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern kann auch eine Form der Verkündigung sein. Als solche sollte sie auf der Agenda der Gremien unserer Gemeinden regelmäßig vorkommen. Gott ist der Umhüllte Wenn wir als katholische Christen eine Kirche als Gotteshaus verstehen, also als Ort der Anwesenheit Gottes, stellt sich auch für uns die Frage, ob überhaupt, und wenn ja wie und wodurch diese Anwesenheit ausgedrückt werden sollte beziehungsweise kann. In einem christlichen Kirchenraum ist also die „Hülle“ vom „Umhüllten“ zu unterscheiden (Friedhelm Mennekes), das von Menschen Machbare bleibt im Grunde immer nur Hülle des Eigentlichen. Es heißt, der römische Feldherr Titus habe sich sehr gewundert, als er nach der Eroberung Jerusalems das Allerheiligste des Tempels betreten und es leer vorgefunden habe. Es würde sich vielleicht auch in manchen Kirchen lohnen, im wahrsten Sinn des Wortes auf-zu-räumen, das heißt Raum zu schaffen für das Wesentliche, das Licht, den Geist. Unsere Gotteshäuser sind zu oft regelrecht zugestellt mit Pflanzen, Figuren und Teppichen, die den Besucher abzulenken drohen. Es scheint so etwas wie einen frommen „horror vacui“ (Angst vor der Leere) zu geben, weshalb die Leere vorschnell mit allerlei Nebensächlichem ausgefüllt wird. Auch wenn das häufig sicher gut gemeint ist, zeugt es doch von einer ganz ähnlichen Einstellung, wie sie viele Zeitgenossen an den Tag legen, wenn sie die Stille nicht mehr aushalten und sich deswegen mit oberflächlichem Lärm und Gequatsche ablenken. Es würde unserem Glauben an vielen Stellen gut tun, wenn wir eine Art „Pastoral der Leere“ (Friedhelm Mennekes) betreiben würden, das heißt wenn wir keine vorschnellen und vor allem keine vorgefertigten Antworten liefern würden, sondern Raum für Fragen und Zweifel ließen. Bilder legen vorschnell fest; ein „Bildfasten“ könnte dabei helfen, offener zu werden für das Eigentliche, das eigene Innere aufzuräumen, leer zu werden und aufzubrechen. Denn nur wer zu sich selbst gefunden hat, wird zu Gott und zu seiner Botschaft finden können. Ein leerer Raum, eine weiße Wand regen zum Fragen an, was den Beginn jeder Erkenntnis, auch der Gotteserkenntnis, markiert. Die Fraglichkeit des Lebens, die Fragwürdigkeit von so manchen Selbstverständlichkeiten wird dadurch gut zum Ausdruck gebracht. Ein von der modernen Gesellschaft geprägter Mensch kann sicher mit einem Raum, der zum Suchen und Fragen einlädt, mehr anfangen, als mit einem Raum voller vorgegebener Antworten; diesem Lebensgefühl entspricht die Entwicklung von einem eher passiven, inhaltlich geprägten Glauben (fides quae) zu einer eher aktiven, kreativen Form des Glaubens (fides qua). Wenn überhaupt in unserer Zeit das Projekt des Glaubens gelingen soll, dann wird es sich meistens um einen selbstbewussten Glauben handeln, der mit den Adjektiven skeptisch, suchend, hörend, fragend und zweifelnd umschrieben werden könnte. Eine Kirche, die einem solchen Glauben Raum geben möchte (und wohl muss, will sie zukunftsfähig bleiben), wird sich besser auf wesentliche Gestaltungselemente (Altar, Ambo, Kreuz, Madonna, Kirchenpatron) beschränken, als durch eine Überfülle an Gegenständen den Blick für das Wesentliche, das eben ungegenständlich ist, zu verstellen. Zur Spur Gottes werden Ein solches Gotteshaus sollte die Möglichkeit bieten, den Raum dynamisch zu gestalten und eher eine Spur beziehungsweise ein Zeichen des unvorstellbaren Gottes in der Welt zu sein versuchen als allzu früh eindeutige Festlegungen zu erzwingen. Natürlich ist es logisch, dass ein Kirchenraum, der dem Lebensgefühl (und damit dem Glauben) der heutigen Zeit entspricht, häufig nicht den Geschmack vor allem der älteren Generation treffen wird – würde diese aber auf ihren Vorstellungen bestehen, würde sie allzu leicht künftigen Generationen den Zugang zum Glauben im wahrsten Sinn des Wortes verbauen. Wirklich spannend und konkret werden solche Fragen, wenn es darum geht, moderne, dem heutigen Lebensgefühl entsprechende Elemente in historische und von vielen Traditionen geprägte Gotteshäuser zu integrieren. Zeichenhaft kommt darin die Zerrissenheit des modernen Menschen zum Ausdruck, der seinen Alltag und oft auch seinen Sonntag anders gestaltet, als es von der Tradition vorgegeben ist, aber doch seinen von den Vorfahren ererbten Glauben leben möchte. Es lohnt sich für eine Gemeinde, sich solchen Prozessen zu stellen, wenn sie diese Gläubigen zum Mittun motivieren will. Da derartige auf den ersten Blick rein ästhetische Fragen der Raumgestaltung also keineswegs nur theoretischer Natur sind, sondern vielmehr das Erscheinungsbild einer Gemeinde nach außen entscheidend prägen können – „entscheidend“ dabei durchaus im Wortsinn verstanden: Bei vielen Zeitgenossen entscheidet sich schon auf den ersten Blick, ob sie sich in einer Kirche wohlfühlen und ob sie wiederkommen werden oder nicht – sollte die konkrete Gestaltung des Innenraums einer Kirche nicht dem Zufall überlassen bleiben, sondern als positive Möglichkeit der Verkündigung gewertet und genutzt werden. Das Aushängeschild einer Gemeinde In der Praxis machen sich häufig zu wenig Verantwortliche grundlegende Gedanken über das Aushängeschild ihrer Gemeinde. Der bekannte Zeitmangel und die Zuständigkeit für eine Vielzahl von Kirchengebäuden mag bei vielen Hauptamtlichen ein Übriges tun. Es ist für einen Pfarrer auch nicht immer einfach, sich gegen die alteingesessenen Honoratioren vor Ort durchzusetzen, wenn es um die Gestaltung der Kirche geht, gerade wenn er von außen kommt und gar nicht im Ort wohnt. Über die Gestaltung des Kirchenraums als Ort der Pastoral sollten sich aber nicht nur Raumpflegerinnen und Mesner Gedanken machen, sondern möglichst viele aus der Gemeinde sollten dabei eingebunden werden. Es würde sich sicher lohnen, das Thema „Welchen Eindruck macht unsere Kirche auf Außenstehende?“ in regelmäßigen Abständen im Pfarrgemeinderat zu behandeln. Karl Rahner, wohl einer der bedeutendsten Theologen der Nachkonzilszeit, hat den zwar leicht misszuverstehenden, aber andererseits umso tiefsinnigeren Satz geprägt: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“. Aus diesem Grund ist es immer problematisch, durch etwas, was es gibt, Gott in seiner ganzen Fülle symbolisieren oder zeichenhaft zum Ausdruck bringen zu wollen, denn das gelingt – wenn überhaupt – dann immer nur näherungsweise und im analogen Sinn. Diese Grundwahrheit, die schon im Bilderverbot des Alten Testaments ihren Niederschlag gefunden hat, darf beim Nachdenken über ästhetische Fragen nicht vergessen werden. Immerhin erhebt eine Gemeinde in ihrer Kirche öffentlich den Anspruch, das Haus Gottes zu sein. Aus diesem Grund ist bei der Raumgestaltung unserer Kirchen manchmal weniger besser als mehr, eine weiße Wand besser als eine Überfülle an Bildern. |