Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: März-April 2022

Interview

Einsam ist nicht nur alleine sein

Vor der Pandemie war Einsamkeit ein Tabuthema in unserer Gesellschaft, ein Nischenthema auch für die Wissenschaft. Susanne Bücker forscht schon länger zu Themen wie „Einsamkeit“ und „Lebenszufriedenheit“ und ist momentan eine gefragte Frau. In Gemeinde creativ spricht sie darüber, wie die Pandemie zum Katalysator für ein gesellschaftlich brisantes Thema geworden ist, was wir uns von Großbritannien in Sachen „Einsamkeit“ abschauen können und wo Alleinsein endet und Einsamkeit beginnt.

Gemeinde creativ: Sie sind im Moment ganz schön gefragt, das Thema „Einsamkeit“ ist in aller Munde. Was hat Sie daran gereizt, dass es zu Ihrem Forschungsschwerpunkt geworden ist?

Susanne Bücker: Vor allem, dass Einsamkeit ein Phänomen ist, das wir alle kennen – jeder und jede von uns hat sich irgendwann im Leben schon einmal einsam gefühlt. Manche Menschen schaffen es sehr gut, da wieder heraus zu kommen, andere eben nicht. Das ist für mich aus psychologischer Sicht sehr spannend. Mich beschäftigt vor allem: was sind das für Eigenschaften von Menschen, die dazu führen, dass Einsamkeit chronisch wird oder eben, dass genau das nicht passiert? Hinzu kommt, dass wir alle Einsamkeit kennen, aber kaum jemand spricht darüber. Einsamkeit ist nach wie vor ein stigmatisiertes, ein Tabu-Thema.

Schon am Anfang meiner Promotion hatte ich ein starkes Bedürfnis, zu etwas zu forschen, das wirklich gesellschaftlich relevant ist. Da hat sich die Einsamkeit angeboten, weil ich den Eindruck hatte, dass dieses Thema in unterschiedlichen Altersgruppen wichtiger zu werden scheint, gleichzeitig aber weiß man noch recht wenig darüber.

Durch die Corona-Pandemie hat das Thema eine ganz neue Dimension und auch eine neue Bedeutung in der Gesellschaft erreicht…

Die Pandemie hat uns allen vor Augen geführt, wie wichtig soziale Kontakte und soziale Beziehungen für unser Wohlbefinden und für unsere Gesundheit sind. Die Forschung weiß das schon recht lange, in der breiten Öffentlichkeit ist eigentlich erst durch die Pandemie so richtig deutlich geworden, wie stark wir uns eingeschränkt fühlen, wenn wir uns eben nicht mit unseren Familien und Freunden treffen können. Die Pandemie hat aber auch noch einmal gezeigt, dass soziale Isolation und Einsamkeit nicht zwangsläufig dasselbe sind. In der öffentlichen Debatte geht das manchmal ein bisschen durcheinander: da wird dann suggeriert, dass all diejenigen, die alleine leben, gleichzeitig auch einsam sind. Das muss aber nicht unbedingt so sein. Umgekehrt bedeutet eine Partnerschaft, oder weil man eine Handvoll Freunde benennen kann, nicht automatisch, dass man sich nicht einsam fühlen kann.

Warum wurde das Thema bisher so wenig beachtet?

Betroffene von Einsamkeit haben oft den Eindruck, dass sie selbst Schuld tragen an ihrer Situation. Sie halten ihre Einsamkeit für einen Ausdruck ihrer fehlenden Sozialkompetenz oder halten sich selbst für unfähig, soziale Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Das führt zu Selbststigmatisierung und auch zu einer gesellschaftlichen Stigmatisierung. Wenn ein Phänomen so stark tabuisiert ist, dann suchen sich Menschen weniger oder später Hilfe, was kontraproduktiv ist. Bei Depression und anderen psychischen Erkrankungen ist das beispielsweise ähnlich. Das ist der eine Grund, weswegen in der Vergangenheit gesellschaftlich eher weniger über das Thema „Einsamkeit“ gesprochen wurde. Hinzu kommt, dass bisher die Meinung vorherrschend war, dass nur bestimmte Gruppen von Einsamkeit betroffen sind und es damit gar nicht als relevantes Phänomen für die gesamte Gesellschaft gesehen wurde. Bei Einsamkeit wurde bisher vor allem an ältere Menschen gedacht. Während der Pandemie ist besonders deutlich geworden, dass Einsamkeit ein Phänomen ist, das über die gesamte Lebensspanne auftreten kann.

Nicht nur die Sozialverbände, auch die Politik scheint das Thema jetzt erkannt zu haben – eine gute Sache?

Deutschland hängt, was das Thema betrifft, ein wenig hinterher. Andere Länder, wie zum Beispiel Großbritannien, sprechen schon deutlich länger darüber. Dort gibt es seit 2019 eine Beauftragte der Regierung für das Thema „Einsamkeit“. Bei uns kommt dieser politische Diskurs erst jetzt langsam an.

Ich sehe die Politik in der Verantwortung, sich des Themas anzunehmen. Soziale Teilhabe kann beispielsweise als Form der Einsamkeitsprävention gesehen werden – hier muss die Politik die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Einsamkeit muss eine Schnittstellenaufgabe sein, denn sowohl die Gesundheitspolitik wie auch die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik müssten sich damit befassen. Hier geht es darum, wie wir unser Arbeitsleben künftig so gestalten können, dass genügend Zeit für Freizeit, Familie und Freunde bleibt. Es geht aber auch darum, wie Städte künftig gestaltet werden, wie es durch kluge Stadtplanungen gelingt, Teilhabe zu ermöglichen und der Einsamkeit entgegenzuwirken.

Welche Lebensereignisse machen einsam?

Meine eigene Forschung hat gezeigt, dass es eine Reihe solcher Lebensereignisse gibt. Da sind zum einen die offensichtlichen Kandidaten wie der Tod des Partners oder eine Scheidung. Das zeigt, immer dann, wenn sehr enge Beziehungen wegbrechen, steigt das Risiko für Einsamkeit. Interessanterweise sind es aber nicht nur diese Brüche. Was nur wenige denken: auch die Geburt des ersten Kindes ist ein Ereignis, das viele junge Eltern zumindest zeitweise einsam werden lässt. Das soziale Netz ändert sich, Dinge, die früher das Leben und die Freizeit bestimmt haben, sind nicht mehr so möglich wie vorher, man konzentriert sich auf die Kernfamilie, für anderes bleibt kaum Zeit.

Das Problem hierbei ist: junge Eltern fühlen sich komisch, wenn sie Einsamkeitsgefühle bei sich bemerken, weil sie ja erst ein für sie so schönes Ereignis erlebt haben. Sie genieren sich, darüber zu sprechen und haben Sorge, auf Unverständnis zu stoßen. Hier ist es wichtig, dass unsere Gesellschaft Raum für diese Menschen bietet und dass man kommuniziert, dass das nicht merkwürdig ist, sondern durchaus normal sein kann.

Auch der Verlust des Arbeitsplatzes ist ein Ereignis, das das Einsamkeitsrisiko erhöht. Das soziale Netz verändert sich auch hier, vielleicht verändert sich auch die finanzielle Situation. Wir wissen zum Beispiel auch, dass finanzielle Probleme ein Risikofaktor für Einsamkeit sind, weil die Teilhabe dadurch eingeschränkt wird. Bei der Beratung dieser Menschen halte ich es für wichtig, das Thema „Einsamkeit“ und die Möglichkeiten zur Gestaltung sozialer Beziehungen anzusprechen. Menschen ohne soziale Kontakte kommen schlechter an Informationen, sie sind weniger unter Leuten, so dass die Gefahr gegeben ist, dass eine Person ohne tragfähiges soziales Netz länger arbeitslos bleibt als jemand, der auf Kontakte und Unterstützung zurückgreifen kann. Daran sieht man, dass viele Lebensbereiche direkt oder indirekt miteinander zusammenhängen, von denen man das oftmals gar nicht glaubt.

Neben diesen Lebensereignissen gibt es auch noch ein paar weitere „Risikofaktoren“: dazu gehört zum Beispiel ein niedriger sozio-ökonomischer Status, also niedriges Einkommen, niedrige Bildung oder Arbeitslosigkeit. Hier wissen wir, dass Menschen, die von diesen Dingen betroffen sind, ein erhöhtes Risiko haben, sich einsam zu fühlen. Wir sehen aber auch Alterseffekte. Höhepunkte scheinen im jungen Erwachsenenalter (zwischen 18 und 30 Jahren) und in hohem Lebensalter (80+) zu bestehen. Auch Menschen mit psychischen oder physischen Erkrankungen zählen zur Risikogruppe.

In der Pandemie war immer wieder die Rede von einsamen Kindern und Jugendlichen. Einsam trotz WhatsApp – wie schätzen Sie das ein?

Es ist eine interessante Debatte, ob soziale Medien wirklich sozial sind. In der Forschung ist man sich noch nicht ganz einig darüber, ob soziale Medien zu mehr Einsamkeit führen oder ob Einsamkeit dazu führt, dass man mehr die sozialen Medien nutzt. Sie sehen, man weiß hier noch nicht so wirklich, was ist die Henne, was das Ei. Wir sollten dieses Thema nicht nur schwarz oder weiß sehen.  Vermutlich kommt es nicht so sehr auf die Menge der Mediennutzung an, sondern eher auf die Art und Weise, wie man seine Zeit in den sozialen Medien verbringt. Wenn man also soziale Medien dazu nutzt, bestehende soziale Kontakte aufrechtzuerhalten – zum Beispiel über weite Entfernungen hinweg oder wie in den vergangenen Monaten während der Pandemie, als keine persönlichen Treffen möglich waren – dann ist das sicherlich eine sinnvolle Art der Nutzung. Wenn man aber seine gesamten Kontakte in Online-Welten verlagert, dann ist das sicherlich nicht förderlich und führt in der Konsequenz unter Umständen auch zu mehr Einsamkeit.

Kann Einsamkeit krank machen?

Wenn Einsamkeit über sehr lange Zeit anhält, dann kann sie schon krank machen. Die Forschung zeigt recht eindeutig, dass chronisch einsame Menschen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, aber auch für ein geschwächtes Immunsystem. Schlussendlich führt das zu einer niedrigeren Lebenserwartung für Betroffene. Natürlich gibt es auch psychische Folgen. Chronisch einsame Menschen haben eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen und Angststörungen. Diese Erkrankungen bedingen auch wiederum die Einsamkeit. Denn Menschen mit psychischen Problemen ziehen sich in der Regel zurück. Hier entsteht schnell eine Abwärtsspirale.

Wenn man bei sich phasenweise Einsamkeitsgefühle feststellt, dann heißt das nicht, dass diese gesundheitlichen Folgen eintreten werden. In einem ersten Schritt ist es ratsam, sich einer Person anzuvertrauen. Manchmal kann es auch einfacher sein, mit einer unabhängigen, professionell geschulten Person zu sprechen, weil man sich Freunden oder Familienmitgliedern in dieser Sache nicht offenbaren möchte. Hier gibt es mittlerweile sehr viele gute Anlaufstellen, beispielsweise die Telefonseelsorge und andere Angebote wie „das Silbernetz“, das sich speziell an einsame ältere Menschen wendet.

Manche Menschen sind gerne alleine, brauchen ab und an eine Auszeit (zum Beispiel auf einer Alm, bei einer Pilgerwanderung etc.) – wo liegt die Grenze zwischen bewusstem Alleinsein und „echter Einsamkeit“, die auch krankmachen kann?

In der Psychologie definieren wir Einsamkeit immer als „die wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten Beziehungen und den tatsächlich bestehenden Beziehungen.“ Wenn wir also den Eindruck haben, unsere bestehenden sozialen Beziehungen – ob nun in Qualität oder Quantität – sind nicht so, wie wir uns das wünschen, weil sie zu oberflächlich sind oder wir zu wenige Freunde haben, dann fühlen sich Menschen einsam. Selbstgewähltes Alleinsein ist anders und kann durchaus sehr positiv bewertet werden. Hier fällt das Streben nach sozialer Einbindung weg, ebenso das Gefühl, dass einem etwas fehlt. Ist- und Sollzustand von sozialen Beziehungen sind hier im Gegensatz zur Einsamkeit ausgeglichen.

Im deutschen Sprachgebrauch ist die Abgrenzung tatsächlich etwas schwierig, weil Einsamkeit häufig für beides verwendet wird. Im Englischen ist das einfacher. Da spricht man von loneliness, wenn es um negative Einsamkeit geht, und von solitude, wenn man das positiv konnotierte Alleinsein meint.

Bei welchen Symptomen (bei sich und bei anderen) sollte man hellhörig werden?

Betroffene äußern oft zunächst einmal, dass sie sich innerlich leer fühlen, dass sie den Eindruck haben, es gibt eigentlich niemanden, der sie so richtig kennt. Das ist so eine ganz typische Beschreibung, diese Menschen haben durchaus soziale Kontakte, führen aber nur oberflächliche Gespräche und haben das Gefühl, dass niemand sie so richtig versteht. Emotional führt das dann zu Traurigkeit, Antriebslosigkeit, manchmal auch Wut.

Interessanterweise gibt es auch ein ganz spezifisches Denkmuster: einsame Menschen berichten von deutlich mehr negativen sozialen Interaktionen als nicht-einsame Menschen. Es ist, als würden einsame Menschen eine negative Brille tragen, durch die sie ihren Alltag sehen. So interpretieren sie soziale Interaktionen häufig negativ oder gar als Angriff. Wenn ein einsamer Mensch zum Beispiel jemanden im Hausflur trifft, der sehr kurz angebunden ist, dann denkt der einsame Mensch sofort: „Der mag mich nicht!“ Jemand anderer würde die Situation differenzierter betrachten und würde denken, vielleicht war der Nachbar gerade in Eile und würde die Ursache nicht bei sich selbst suchen.

Ein guter Trick kann sein: einfach mal den eigenen Tag Revue passieren lassen und schauen, wie habe ich Begegnungen wahrgenommen und bewertet? Wenn man dann feststellt, man interpretiert alles sehr negativ, dann wäre eine geeignete Strategie, nach Alternativerklärungen für das Verhalten der anderen zu suchen. Oder man nimmt sich vor, an einem Tag nur auf positive soziale Interaktionen zu achten. Dazu packt man sich am besten fünf Erbsen oder andere kleine Gegenstände in die eine Jackentasche und bei jeder positiv bewerteten Begegnung legt man eine davon in die andere Tasche. Am Ende des Tages sieht man, wie viele Erbsen rüber gewandert sind. Das schult den Blick für die positiven Aspekte in unserem Alltag.

Wenn man aber feststellt, dass diese kleinen Tricks alle nicht mehr helfen, und wenn man merkt, dass man alleine nicht mehr aus der negativ Spirale herauskommt, dann ist es an der Zeit, sich professionelle Hilfe zu suchen. Hier können Beratungsstellen eine erste Anlaufstelle sein, natürlich kann man sich auch an seinen Hausarzt wenden.

Durch die Corona-Pandemie waren viele Menschen so lange und so oft für sich wie noch nie zuvor –laufen wir Gefahr unsere sozialen Kompetenzen zu verlieren?

Ich kann mir vorstellen, dass man nach den ganzen Beschränkungen erst wieder ein bisschen in sozialen Interaktionen hineinfinden muss, gerade auch in Gruppen. Viele Leute berichten, dass sie sensibler für Geräusche geworden sind und sich an laute Diskussionen und solche, bei denen mehrere Personen durcheinander reden, erst wieder gewöhnen müssen, weil solche Treffen in der Lockdown-Zeit ja faktisch nicht stattgefunden hatten. Und natürlich kann es zu Situationen kommen, die merkwürdig bis komisch anmuten, kurze Momente der Irritation, weil man nicht weiß, ob man jetzt wieder die Hand zur Begrüßung reichen soll oder nicht.

Ich halte Menschen aber für sehr adaptiv und sehr resilient. Das heißt, ich traue uns zu, dass wir recht schnell wieder in der Lage sind, zurück zu finden zu einem präpandemischen sozialen Miteinander.


Dr. Susanne Bücker hat an der Universität Trier Psychologie studiert und anschließend an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Einsamkeit“ promoviert. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit Risiko- und Schutzfaktoren von Einsamkeit und wie sich Einsamkeit vom jungen Erwachsenenalter bis ins sehr hohe Lebensalter entwickelt, zum Beispiel nach kritischen Lebensereignissen. Neben ihren Forschungstätigkeiten engagiert sich Frau Dr. Bücker in der Wissenschaftskommunikation und Politikberatung zum Thema „Einsamkeit“.

Foto: Privat


Verfasst von:

Alexandra Hofstätter

Geschäftsführerin des Landeskomitee der Katholiken in Bayern.