Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Juli-August 2022

Schwerpunkt

Nach der Krise ist vor der Krise

Das Internet ist voll von Abhandlungen, Positionspapieren und 10-Punkte-Plänen, in denen die Chancen und Lehren aus der Corona-Pandemie fein säuberlich aufgedröselt werden. Nahezu jeder gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereich – vom Gesundheitssektor über die Industrie bis hin zu den einzelnen Fachverbänden – hat seinen „Masterplan“ bereits vorgelegt. Was also können und was müssen wir mitnehmen aus den vergangenen zwei Jahren?

Als die Corona-Krise begann und die Flieger am Boden blieben, die Menschen viel weniger mobil waren, da sprachen viele von einer Blaupause für den Klimaschutz. Das Jahr 2020 ließ gerade in diesem Bereich Hoffnung keimen, Hoffnung, die viele vorher schon aufgegeben hatten. Wer jetzt – nur gut zwei Jahre später – auf unsere Straßen schaut, den Verkehrsfunk an Wochenenden und zu Ferienzeiten hört oder am Flughafen auf dieselben Menschenmassen trifft wie vor der Pandemie, der mag sich fragen: Was ist geblieben, von all den Selbst-Versprechungen? Wo sind sie hin, die Chancen und die Lehren aus der Krise?

Selbiges Gedankenspiel funktioniert übrigens genauso gut mit dem Gesundheitssektor. Was wurde nicht anfangs der Pandemie geklatscht für die Pflegekräfte, was wurden sie gefeiert! Und? Was hat sich wirklich verändert? Gibt es jetzt tatsächlich mehr Wertschätzung in der Gesellschaft für diese Berufe? Schlägt diese sich auch monetär und in den Arbeitsbedingungen nieder, hat sich hier nachhaltig etwas verändert?

Auch der Krieg in der Ukraine hat in den vergangenen Monaten gezeigt, wie wenig zum Teil übrig geblieben ist vom Gedanken der Solidarität. Verzichten ja, aber nur, wenn es einem selbst nicht weh tut. Der Vorschlag eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen fuhr gnadenlos gegen die Wand und die Umfrageergebnisse, wie viele Menschen bereit wären, die Heizung ein wenig kühler einzustellen und damit im Winter eben nicht im T-Shirt in der Wohnung sitzen zu können, sie sprechen Bände.

Ein Masterplan für die Kirche?

Auch für uns als Kirche gab es in diesen zwei Jahren viel zu lernen, manchmal schmerzvoll. Es tat weh, als an Ostern 2020 die Kirchen leer blieben, aber schon wenig später hatten sich viele neue Ideen gefunden, wie man trotz Sicherheitsabstand und Hygienevorschriften miteinander Gemeinschaft feiern und leben kann. Trotz all der Regeln und Vorschriften, kirchliches Leben hat nicht einfach aufgehört – ganz im Gegensatz übrigens zum Vereinsleben vielerorts. Also: wie sieht er aus, der Masterplan für uns als Kirche? Was nehmen wir mit an positiven wie negativen Erfahrungen aus dieser Pandemie?

Der größte Fehler, den wir machen könnten, wäre der, an der Uhr zu drehen. Ein 2019 – mit all seinen Stärken und Schwächen – wird es nicht mehr geben. Unser Blick als Kirche muss nach vorne gehen. Wir müssen uns fragen, wie soll sie ausschauen, diese Kirche der Zukunft. Anstöße und Impulse haben uns die vergangenen zwei Jahre zu Hauf geliefert. Dass das nicht der Weihwasserspender per Fußpedal sein wird und auch nicht die Segnung aus der Wasserpistole, das ist sicherlich ohnehin klar. Das waren Hilfskonstrukte, Behelfsmaßnahmen – wenn auch durchaus pfiffige.

Ein großer Gewinn der zwei vergangenen Jahre: Kirche ist rausgegangen, raus aus ihren eigenen vier Wänden, als diese für Besucherinnen und Besucher geschlossen waren. Und man hat gelernt, Gemeinschaft ist überall dort möglich, wo wir als Christinnen und Christen zusammenkommen. Auf einer grünen Wiese mit Picknickdecken zur Maiandacht, beim Adventsfenster draußen in den Gärten, bei einem Weihnachtsgottesdienst in einer großen, geräumigen Scheune. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ – es scheint, als war Jesus auch in dieser Sache seiner Zeit voraus. Er wusste, worauf es ankommt. Hinter dicken Kirchenmauern darauf zu warten, dass die Menschen zu uns kommen – das hat sich erledigt. Der neue Ansatz muss lauten: offen sein, auf Menschen zugehen, da sein, wo sie sind. Wenn nötig auch an ungewöhnlichen Orten. Ohne Berührungsängste.

Vor diesem Hintergrund lohnt auch ein Blick, nicht nur auf die Orte, an denen sich kirchliches Leben im vergangenen Jahr abgespielt hat, sondern auch auf die Formate. In fast jeder Pfarrei gibt es Angebote, weil es sie eben gibt. Will heißen: solche, die sich eigentlich längst überlebt haben, welche, die man mitzieht, Jahr für Jahr. Bringen wir den Mut auf, und trennen wir uns davon. Alles hat seine Zeit. Was sich noch vor zehn Jahren gut verkauft hat, das kann heute ein echter Ladenhüter sein. Die Gemeinden haben sich in dieser Zeit verändert, ihre Struktur und auch die Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen, die dort leben. Sie müssen wir in den Mittelpunkt stellen – und dafür dürfen wir nicht einfach immer nur so weitermachen wie bisher. Etwas loszulassen, auch wenn es schwerfällt, verlangt viel Mut. Ist aber gleichzeitig auch eine Investition in die Zukunft.

Auf morgen schauen

Und genau solche Gemeinden brauchen wir – welche, die in ihre Zukunft investieren. Und diese selbst in die Hand nehmen. Wenn es wirklich eine Lehre aus der Corona-Pandemie für uns als Kirche gibt, dann die: Stillstand können wir uns nicht mehr leisten. Kein Verharren mehr. Kein Abwarten. Kein Wegducken. Wir müssen uns bewegen. Und auf morgen schauen.

Titelbild: EllerslieArt / Adobe Stock


Verfasst von:

Alexandra Hofstätter

Redaktionsleiterin der Zeitschrift "Gemeinde Creativ" beim Landeskomitee der Katholiken in Bayern.