Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2022

Kolumne

Am Boden bleiben

Bild: Елена Истомина / Adobe stock

Froh sein kann, wer diesen Sommer nicht mit dem Flieger in den Urlaub wollte. Bilder von elendiglich langen Schlangen an den Flughäfen, gecancelte Flüge, zu wenig Personal, zu tausenden zurückgebliebene Koffer und dann auch noch Streik. Zwischen den gestrandeten Urlaubern waren aber auch solche, die aus anderen Gründen einen Flug gebraucht hätten – und sich dann inmitten dieses Chaos wiederfanden. Völlig spaßbefreit, ohne Urlaubsfeeling und der Verzweiflung nahe.

Es begann damit, dass der direkte Rückflug nach München gestrichen wurde. Umbuchen, über Hamburg sollte es zurückgehen. Ein Umweg, sicher. Aber was hilft’s? Man nimmt, was man kriegen kann in diesem Sommer. Etwa drei Stunden bis zum Abflug, da sieht noch alles gut aus. Dann plötzlich verschwindet der Flug von der Anzeigentafel. Kurz darauf ploppt er wieder auf, mit dem Zusatz „cancelled“. Zwei gestrichene Flüge auf einer Strecke sind definitiv einer zu viel, denkt der Bekannte, der sich nun in einer bebenden Masse unzufriedener Menschen findet. Die meisten von ihnen wollen einfach nur eines – heim. So wie er auch.

Die Menge wendet sich in Richtung des Airline-Schalters. Einer davon ist offen. Die Mitarbeiterin lächelt angestrengt-freundlich. Ein Blick zurück auf die Tafel mit den Abflügen verrät: es war nicht der einzige Flug für diesen Abend, der gestrichen wurde. Da haben mehr Leute Gesprächsbedarf! Mein Bekannter wählt die Hotline seiner Fluggesellschaft. Kein Durchkommen. So wie bei allen gestrandeten Passagieren um ihn herum auch. Eine wahllos zusammengewürfelte Leidensgemeinschaft, die jetzt eines braucht: Gelassenheit, aber davon viel. Manche schauen immer wieder hoffnungsvoll zurück zur großen Tafel. Vielleicht ist der Flug ja wieder da? Nein ist er nicht. Später erzählt er mir, dass sich die Menschenmenge nur deswegen langsam auf den Schalter zu bewegt hat, weil die Corona-Abstände endgültig aufgegeben, Laufspuren ignoriert wurden.

Irgendwann muss man den Tatsachen ins Auge sehen: an diesem Sommerabend geht kein Flug mehr zurück nach München. Mein Bekannter zückt sein Smartphone, bucht für teures Geld ein 1. Klasse-Bahnticket im letzten ICE des Tages. Normalfahrkarten mit Sitzplatz gab es keine mehr. Kurz vor Mitternacht kommt dann die Nachricht: „Wenigstens auf eines ist Verlass in diesen unsicheren Zeiten“ – der Zug war kürzer als gedacht, die Wagenreihung passte nicht, Sitzplatzbuchungen waren hinfällig. Aber heimgebracht hat er ihn.


Verfasst von:

Alexandra Hofstätter

Redaktionsleiterin der Zeitschrift "Gemeinde Creativ" beim Landeskomitee der Katholiken in Bayern.