Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2022

Schwerpunkt

Erneuerung und Umkehr

Foto: Angelov / Adobe stock

Im Jahr 2010 kommt durch die Enthüllungen von Pater Klaus Mertes ein Stein in der katholischen Kirche ins Rollen, der schnell zu einer Lawine wird. Der Missbrauch an Kindern, Jugendlichen, Ordensschwestern erschüttert unsere Glaubensgemeinschaft im Fundament, die Taten erzürnen die Gesellschaft – und: sie verfolgen die Betroffenen bis heute. Mit dem Jesuiten Klaus Mertes beginnt auch die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland. Es gibt einen Dialogprozess, Betroffenenbeiräte werden gegründet, Akten gesichtet. Im Jahr 2018 macht die MHG-Studie das ganze Ausmaß und systemische Versagen drastisch deutlich.

Der Synodale Weg, den Bischöfe, Priester, Theologen und engagierte Gläubige momentan miteinander gehen, ist die Konsequenz aus dieser Studie. „Die Kirche in Deutschland braucht einen Weg der Umkehr und Erneuerung“, das hat man damals verstanden und aus diesem Anlass den Synodalen Weg ins Leben gerufen, der von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) getragen wird. Ziel des Synodalen Wegs ist es, die systemischen Ursachen des Missbrauchs zu beseitigen und so die über Jahrzehnte verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Struktur

Der Synodale Weg besteht aus verschiedenen Gremien. Es gibt die Synodalversammlung, die zweimal jährlich zusammentritt, ein Präsidium, vier Foren und Regionenkonferenzen. Was kompliziert klingt und schon als „aufgeblasen“ kritisiert wurde, hat Sinn und Berechtigung. Die vier Foren – „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“, „Priesterliche Existenz heute“, „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ und „Leben in gelingenden Beziehungen. Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ – greifen markante Themen auf, die in der MHG-Studie angesprochen wurden, und behandeln damit die Zukunftsfragen der katholischen Kirche in Deutschland. Dort wird um Positionen gerungen, argumentiert, aufgeschrieben, wieder verworfen, so lange bis ein beschlussreifer Text zu Papier gebracht ist. Über diese Texte schlussendlich stimmt die Synodalversammlung ab. Das Präsidium steuert den Synodalen Weg, die Regionenkonferenzen waren das Mittel der Wahl während der Corona-Pandemie. In einer Zeit, in der nicht die gesamte Synodalversammlung gemeinsam tagen konnte, ermöglichten sie zeitgleich an fünf verschiedenen Orten einen coronakonformen, inhaltlichen Austausch und geistliches Miteinander.

Kritik

Kritik hat es am Synodalen Weg schon vor seiner ersten Versammlung gegeben, wenn man so will. Von Lagerbildung ist die Rede, davon, dass der Synodale Weg nur etwas für „Kirchenfunktionäre“ sei, dass die Gläubigen an der Basis nicht genügend repräsentiert würden und die Beschlüsse am Ende ohnehin nicht umgesetzt werden könnten. Hinter dieser offenen Kritik verbergen sich Ängste. Ängste, die es ernst zu nehmen gilt, wenn nicht Menschen auf dem Weg zurückgelassen werden sollen. Da ist zum einen die Angst vor Veränderung, die man nicht kleinreden darf. Da ist auch die Sorge, dass bei allem guten Willen und Bemühen um Reformen in der deutschen Kirche, die Umsetzung am Ende an Rom scheitern wird. Und da ist vor allem auch die Sorge der vielen Engagierten vor Ort, die schon unzählige solche Prozesse gesehen und teilweise auch begleitet haben – am Ende sind die Papiere immer in der Schublade verschwunden. Warum also sollte es dieses Mal anders sein, fragen sich da viele. Die große Sorge vieler Synodalen ist es daher, die hohen Erwartungen der Gläubigen, die im Synodalen Weg stecken, wieder zu enttäuschen.

Zuhören

Wer den Synodalen Weg in den Medien verfolgt, der kann den Eindruck von verhärteten Fronten bekommen. Wer allerdings mit Mitgliedern spricht, der hört von einem ganz neuen Miteinander von Bischöfen und Laien, von Klerikern und Ehrenamtlichen, von einer Debattenkultur, die Positionen deutlich macht, aber auch zuhört, die eine Meinung gelten lässt, auch wenn sie nicht die eigene ist. Respekt und Wertschätzung füreinander prägen den Diskurs, dass sich so viele Menschen nicht in solch wichtigen Fragen sofort einig sein können, dafür hat man Verständnis. Dafür, dass es auch mal emotional wird, ebenso – immerhin diskutieren hier Menschen, denen sehr viel an ihrer Kirche liegt.

Ausblick

Wie geht es nun weiter? Anfang September fand eine weitere Synodalversammlung statt. Die vorletzte. Der Synodale Weg dauert aufgrund der Corona-Pandemie schon länger als ursprünglich angesetzt. Bereits Anfang 2022 haben ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Limburgs Bischof Georg Bätzing, erklärt, dass es keine weitere Verlängerung des Synodalen Wegs über das Frühjahr 2023 geben werde. Das ist kein Druck gegenüber den Mitwirkenden, sondern vielmehr eine Verbindlichkeit gegenüber den Gläubigen an der Basis, die auf Ergebnisse und Umsetzungen hoffen und warten. Das Präsidium des Synodalen Wegs weiß, sie kann man nicht noch länger vertrösten. Und: ein halbes Jahr mehr oder weniger, es würde an den Grundhaltungen zu den drängenden Fragen, die sich längst abzeichnen, wohl nichts ändern.

Viele Informationen, Protokolle und Papiere aus dem Synodalen Weg finden Sie unter www.synodalerweg.de.

Weltweiter synodaler Prozess

Der Vatikan hat zur Vorbereitung auf die für 2023 geplante Bischofssynode einen weltweiten synodalen Prozess ausgerufen. Dieser wurde im Herbst 2021 offiziell gestartet. Auch in den deutschen Bistümern hat man Zahlen und Daten zu synodalen Strukturen und Prozessen erhoben, die bereits nach Rom gesandt wurden. Die deutsche Kirche will die Themen des Synodalen Wegs hier einbringen und so deutlich machen, dass diese Themen keineswegs ein „deutscher Sonderweg“ sind, sondern Katholikinnen und Katholiken in vielen Ländern umtreiben. In der Zusammenfassung der diözesanen Rückmeldungen betont die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) die Bedeutung einer Erneuerung der Kirche, um glaubwürdiger zu werden. „Um das Vertrauen in die Kirche wiederherzustellen, braucht es eine klare Positionierung der Bischöfe zu den drängenden Anfragen dieser Zeit wie den gleichberechtigten Zugang aller Getauften zu den kirchlichen Ämtern, eine Neubewertung in der Sexualmoral und einen diskriminierungsfreien Umgang mit homosexuellen und queeren Menschen“, heißt es dort. In Bezug auf den Missbrauchsskandal in der Kirche brauche es zudem eine klare Übernahme von Verantwortung, Kontrolle von Macht sowie den Versuch der Wiedergutmachung gegenüber den Betroffenen. „Eine synodale Kirche kann nur gelingen, wenn die Übernahme von Verantwortung durch alle Gläubigen und deren Beteiligung an Entscheidungen auf Pfarrei- und Bistumsebene möglich ist.“


Verfasst von:

Alexandra Hofstätter

Redaktionsleiterin der Zeitschrift "Gemeinde Creativ" beim Landeskomitee der Katholiken in Bayern.