Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Juli-August 2023

Schwerpunkt

Was Kirche und Kommune verbindet

Kommt der Pfarrgemeinderat im Pfarrheim zusammen, wird nicht selten über Themen diskutiert, über die auch Lokalpolitiker nachdenken. Foto: Pat Christ

Studientagung der Erzdiözese München und Freising seit Jahrzehnten erfolgreich

Hohe Zuwanderung, schwindende Biomasse und enge Finanzbudgets – es gibt gerade eine Unmenge an brisanten Themen, die vor Ort bewegen. „Und zwar kommunale Gemeinden ebenso wie Pfarrgemeinden“, sagt Josef Peis, Geschäftsführer des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising. Diese Erkenntnis steckt hinter den „Kommunalpolitischen Studientagungen“, die der Diözesanrat schon seit mehr als 40 Jahren höchst erfolgreich anbietet.

Jedes Kirchenmitglied ist auch Steuerzahlerin respektive Steuerzahler. Ist Bürgerin respektive Bürger. Kommunalpolitiker wiederum sind nicht selten kirchlich engagiert. Josef Peis vom Diözesanrat ist dafür das beste Beispiel: „Ich bin auch Stadtrat in Ebersberg.“ Als solcher weiß er um den Druck, der auf Lokalpolitikern lastet: „Man hat kaum Zeit, mal nach rechts oder links zu schauen, was andere machen.“ Diese Zeit nehmen sich Kommunalpolitiker und Pfarrgemeinderäte einmal im Jahr, wenn sie bei den „Kommunalpolitischen Studientagungen“ zusammenkommen. Dabei geht es um Themen, die sowohl in der kirchlichen als auch in der weltlichen Sphäre von Relevanz sind.

Gerade in den aktuellen Zeiten, die mitunter als Tanz auf dem Vulkan erscheinen, gilt es, wichtige Probleme mutig anzupacken. Eine Frage, die Kommunalpolitiker und Pfarrgemeinderäte verbindet, lautet zum Beispiel: „Wie können wir bei uns in der Gemeinde ein gutes Miteinander schaffen?“ Der Blick über den Tellerrand wird laut Josef Peis jedes Mal wieder als äußerst bereichernd erlebt: „Kommunalpolitiker erfahren, dass sie mit den Kirchen Partner haben, die am gleichen Strang ziehen.“ Anschaulich wird dies etwa, wenn es um das gesunde Aufwachsen von Kindern geht: „Werden doch Kindergärten vor Ort meist von der katholischen Kirche getragen.“

Kirchlich Engagierte tauschen sich mit Lokalpolitikern darüber aus, wie ein lebendiges Miteinander vor Ort möglich werden könnte. Foto: Diözesanrat

Bürgerinnen und Bürger teilen, geht es um die große oder auch um die kleine Politik, gern schlechte Noten aus oder zweifeln an der Redlichkeit der jeweiligen Akteure. Am Stammtisch wird laut kritisiert. Gestänkert. Wenn nicht gar angeklagt. Bei den Studientagungen allerdings verfliegen Vorurteile im Nu. So jedenfalls die Erfahrung von Politikberater Erwin Fellner aus Bad Tölz, der 2022 eingeladen war, um über „Lernende Kommunalpolitik“ zu referieren. „Ich habe die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so erlebt, wie ich mir alle Kommunalpolitiker wünschen würde: Klar im Kommunizieren, nachdenklich, offen und lernbereit, mit Fingerspitzengefühl und Humor“, schildert er.

Werte, Ziele, Wege

Ein Lokalpolitiker sollte keine Luftschlösser bauen. Wunschträume führen im Rathaus nicht weiter. Gleiches gilt für Pfarrgemeinderäte. „Beide Zielgruppen brauchen heutzutage vier Kernkompetenzen“, sagt Erwin Fellner. Nötig sei zum einen das Talent zur Interaktion: „Man muss fähig sein, zu kommunizieren, aufeinander einzugehen und sich gegenseitig ernst zu nehmen.“ Strategieentwicklung sei weiter wichtig: „Denn es braucht Antworten auf die Frage nach Werten, Zielen und Wegen.“ Ziele müssten schließlich möglichst exakt, aber ohne Perfektionismus umgesetzt werden können. Vonnöten sei schlussendlich Innovationskraft, um etwas einfach mal anders zu machen.

Soll man für die Gemeinde ein Elektrofahrzeug anschaffen? Was könnte man tun, um Menschen, die aus anderen Ländern hergezogen sind, besser zu integrieren? „Viele Themen überlappen sich“, konstatiert auch Andrea Holzmann, Gemeinderätin sowie seit zehn Jahren in der Pfarrverwaltung von St. Theresia in Hallbergmoos tätig. Die Studientagungen des Diözesanrats sind für die Versicherungsfachwirtin eine großartige Gelegenheit, in Austausch zu kommen. „Das erweitert den Denkhorizont ungemein,“ hat die CSUlerin erfahren.

Oft ist es bei Tagungen so, dass konkrete Probleme zur Debatte stehen und die eingeladenen Referentinnen und Referenten Vorschläge unterbreiten. Im besten Fall werden diese danach gemeinsam diskutiert. Manchmal aber auch nicht. Bei den kommunalpolitischen Studientagungen ist die Expertise jedes einzelnen Teilnehmers und jeder einzelnen Teilnehmerin gefragt. Der Austausch steht im Mittelpunkt. „Dieser Austausch zwischen Politik und Kirche ist für beide inspirierend“, hat auch Ingrid Heuer erlebt. Die 65-Jährige nahm als Seniorenvertreterin im Münchner Stadtteil Neuhausen, Mitglied im kommunalen Behindertenbeirat sowie als Pfarrgemeinderätin von St. Benno an der Tagung teil.

Ein guter Draht

Gerade in den aktuellen Zeiten, in denen wieder so viele Menschen vor Kriegen fliehen oder politisches Asyl suchen müssen, ist ein guter Draht zwischen Pfarrer und Bürgermeister wichtig, betont Martin Pilgram. Der Vorsitzende von „pax christi“ im Erzbistum München und Freising ist Mitglied der Pfarrei St. Sebastian sowie Gemeinderat in Gilching. „Für mich muss Kirchengemeinde immer wieder Position beziehen“, sagt er: „Erst jetzt wieder im Umgang mit den ukrainischen Geflüchteten.“ An den kommunalpolitischen Tagungen des Diözesanrats nimmt das Parteimitglied der Grünen teil, weil es für ihn sehr wichtig ist, sich mit anderen politisch Interessierten in der Kirche auszutauschen.

Martin Pilgram hat wenig Verständnis für Kirchenmitglieder, die einen großen Bogen um kommunalpolitische Themen machen. „Kirchengemeinden sollten sich als Teil der politischen Gemeinde empfinden“, appelliert er. 

Politische Kommunen und Pfarrgemeinden verbindet die Sorge um das Wohl von Kindern. Nachdem viele Kindergärten in katholischer Trägerschaft sind, lohnt es sich für Lokalpolitiker, einen guten Kontakt zur Kirche zu haben. Foto: Pat Christ

Mit vielen Themen könne man nur im Austausch vorankommen: „Das betrifft etwa Kindergärten oder Inklusion.“ Verstehen sich Pfarrer und Bürgermeister, sei es leichter möglich, dass zum Beispiel ein Aufzug im Pfarrzentrum, der einen barrierefreien Zugang garantiert, von der Gemeinde mitfinanziert wird.

Oft ist dieser Tage bei Gesprächen zu hören, dass die gesellschaftliche Elite ja doch tut, was sie will. Und einfache Bürger keinen Einfluss haben. Diese Haltung ist für Tanja Schnetzer, Transformationsbegleiterin aus Prien am Chiemsee, falsch. Bei der Studientagung des Diözesanrats im November in Traunstein referierte sie über Chancen der Bürgerbeteiligung, zum Beispiel in Form von Bürgerräten. „In Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass sich Menschen miteinander verbinden, Verantwortung übernehmen und die Welt so gestalten, dass eine gesunde Umweltbasis für eine lebendige und zukunftsfähige Gemeinschaft entstehen kann“, betont sie.


Verfasst von:

Pat Christ

Freie Autorin