Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2023

Interview

Nicht nur Blumenkästen prämieren

Foto: Christoph Lang

Bräuche sind immer im Wandel. Was wirkt wie ein Widerspruch, ist jedoch eine grundlegende Einsicht der Europäischen Ethnologie. Christoph Lang, Bezirksheimatpfleger Bezirk Schwaben, erklärt im Interview, was Bräuche ausmacht, dass nicht alle traurig sind, wenn manche verschwinden, und wie neue entstehen und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. Beim Maibaum und beim Süßen und Sauren.

Gemeinde creativ: Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Bezirksheimatpfleger, was erfüllt Sie?

Christoph Lang: Wenn man meine Frau fragt, dann sagt sie, ein Bezirksheimatpfleger prämiert Blumenkästen und futtert anschließend das Buffet leer. Im Ernst, Netzwerken ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Arbeit. Kurz zusammengefasst sind wir Ansprechpartner und ein Netzwerk für Geschichte und Kultur in Schwaben. Die Bezirksheimatpflege in Schwaben gibt es schon seit bald einhundert Jahren und ist entstanden zu einer Zeit, in der Museen, regionalgeschichtliche Forschung und Archäologie weitgehend ehrenamtlich betrieben worden sind. Heute hat sich vieles professionalisiert, wir pflegen daher Verbindungen, unterstützen Ehrenamtliche, tragen Impulse aus den Universitäten aufs Land und unterstützen auch kleine, nichtstaatliche Museen. Wir verstehen uns als Brückenbauer im Netzwerk.

Was verstehen Sie unter Heimat?

Ich glaube, so viele Menschen, wie es gibt, so viele Heimatbegriffe gibt es. Heimat ist das, was du daraus machst. Es ist sehr individuell und ich habe keine allgemeingültige Definition. Es ist ein Versuch, Geborgenheit zu verorten, eine emotionale Bindung an einen Nahraum. Heimat hat sinnliche Komponenten, man kann sie kulinarisch schmecken, riechen, in Landschaftsformationen und Gebäuden sehen, in der Begegnung mit Menschen spüren. Heimat ist auch gerade ein populärer Begriff, nahezu jede Partei hat ihn mit ins Wahlprogramm geschrieben, leider auch ganz stark die politische Rechte, die immer von Heimatschutz redet. Wir Bezirksheimatpflegerinnen und Bezirksheimatpfleger fragen nicht nach der Religion, nach der Hautfarbe, nach geschlechtlicher Identität und wir fragen Menschen nicht nach der Herkunft ihrer Vorfahren. Wir vertreten einen inklusiven Heimatbegriff.

Wann können wir von einem Brauch sprechen? Wie stark sind Bräuche im Wandel?

Im Fachgebiet der Europäischen Ethnologie braucht es für einen Brauch etwas Regelmäßiges und sich Wiederholendes als Grundvoraussetzung. Es braucht eine gewisse Trägergruppe, die den Brauch ausführt, und es braucht Formen, die direkt mit dem Brauch verbunden sind. Wenn sich ein Brauch andere Formen sucht, verschiebt sich der Diskurs manchmal in Richtung Identität, die sich an einer festen Form verortet und an ihr festhält. Wenn sich die Form verändert, ist gleichzeitig die eigene damit verbundene Identität oder das Heimatgefühl in Gefahr. Das führt zur Frage, inwieweit sich Bräuche wandeln dürfen. Es gibt die konservative Brauchtumspflege, die genaue Vorschriften macht. Für mich als Volkskundler sind Bräuche immer im Wandel, weil sie ein Element der Gesellschaft darstellen. Ein Brauch ist wie ein Fluss, er sucht sich seinen Weg und ist auch nicht aufzuhalten, höchstens durch Wasserbaumaßnahmen zu kanalisieren, und dann ist es nur noch ein Kanal. Wir müssen dem Fluss eine Eigenständigkeit zugestehen. Und das gilt auch für einen Brauch. Natürlich kann er über die Ufer treten und Schaden anrichten, daher sollte er gebändigt werden, aber wir haben seinen Lauf nicht komplett in der Hand.

Inwiefern beeinflussen moderne Lebensstile und Technologien die Ausübung und Pflege traditioneller Bräuche und Rituale in Bayern?

Nehmen wir ein Beispiel. Wir können einen Maibaum mit einem Autokran aufstellen. Damit fällt erst einmal ein wesentliches Kernelement eines Brauchs weg, da ein Maibaum nur aufgestellt werden kann, wenn eine Dorfgemeinschaft zusammenarbeitet. Dennoch ist für die meisten Menschen das Entscheidende nicht das Aufstellen, sondern dass überhaupt ein Maibaum da ist. Ein Kernelement wird durch neue Technologien verändert und trotzdem funktioniert der Brauch weiter.

Andererseits finden sich viele Lichtrituale in den dunklen Wintermonaten, da geht durch Technologie schon einiges verloren. Trotzdem sind sie stark genug, dass sie als Brauch für die Menschen noch funktionieren, dann sind die Lichter am Christbaum elektrisch, aber immer noch in Kerzenform.

Veränderte Lebensstile sind da schon schwieriger, wenn sich das eigene Leben eher auf Social Media abspielt oder der Zaun zu den Nachbarn zwei Meter hoch und blickdicht ist, da haben gemeinschaftsstiftende Bräuche kaum mehr eine Chance.

Was können Bräuche und Rituale für den gesellschaftlichen Zusammenhalt oder zur aktuellen Demokratie- und Wertedebatte beitragen?

Nochmal zum Beispiel Maibaumaufstellen. Da packen ein junger Grünalternativer neben einem älteren CSU-Wähler mit an und beide kommen vielleicht ins Gespräch. Daneben ist noch ein Äthiopier, der aus seiner Heimat vertrieben worden ist. So wirken Bräuche stark integrierend, sie brauchen eine solidarische Gemeinschaft, idealerweise. Nur wenn Bräuche zu ausgrenzendem, inhaltslosem Folklorismus verkommen, wird es im gesellschaftlichen Zusammenhalt schwierig. Wo Brauch existiert, existiert auch Missbrauch. Wenn wir mitbekommen, wie Menschen, die als Geflüchtete zu uns gekommen sind, Ostern feiern, wo wir Gemeinsamkeiten finden, bietet es einen Anlass für ein Gespräch und Kommunikation wird ermöglicht. Das ist für unsere Gesellschaft sehr wichtig.

Welche Herausforderungen sehen Sie in Bezug auf die Bewahrung und Weitergabe der bayerischen Bräuche und Rituale an zukünftige Generationen?

Unser gesellschaftlicher Wandel wird immer schneller. Bräuche benötigen eine gewisse Dauer und Tradition, um als Brauch empfunden zu werden. Schwierig ist dieser Wandel für Bräuche mit langen Traditionslinien. Gleichzeitig entstehen neue Bräuche, gerade bei Jugendlichen. Ein Schulabschluss wird von bestimmten Bräuchen begleitet, die auch erwartet werden. Diese verändern sich zwar, aber die Schülerinnen und Schüler wären enttäuscht, wenn sie nicht mehr da wären. Oder auch bei Halloween. Da kommt eine bestimmte Trägergruppe mit spezifischen Sprüchen und erwartet bestimmte Handlungsweisen. Da brauchen wir nicht diskutieren, das ist ein Brauch, es stellt sich nur die Frage, wie wir dazu stehen. Dieser Brauch kam aus dem irisch-katholischen Bereich über Amerika zu uns, hat also Migrationshintergrund, was bei Bräuchen oft der Fall ist. Die Kinder fiebern dem Termin schon tagelang entgegen. Es liegt an den Wertkonservativen, ob sie sich immer nur fragen wollen, wie man sich entziehen kann oder ob es vielleicht sogar gemeinschaftsfördernd ist, einfach freundlich-erschreckt die Tür zu öffnen und etwas zu geben. Pastorale Mitarbeiter könnten den Abend, an dem viele Kinder und Jugendliche unterwegs sind, nutzen und beispielsweise eine Dorfrallye mit verschiedenen Stationen zu Allerheiligen und seinem Vorabend aufstellen. Oder die Kirche ansprechend dekorieren, ohne der Liturgie in den Rücken zu fallen.

Bräuche ändern sich immer, manche sterben aus. Es ist aber nicht so, dass alle Menschen traurig wären, denn sonst würden sie ja den Brauch am Leben erhalten. Großen Einfluss werden wir nie auf Bräuche ausüben können, besser sich auf neue Entwicklungen einlassen, den regelmäßigen Frühschoppen nach der Kirche aufleben lassen, im Oktober Gelegenheiten geben, dass Menschen Dankbarkeit ausdrücken können, locker bleiben!

Vielen Dank für das Interview!

Christoph Lang

ist seit 2021 Bezirksheimatpfleger von Schwaben. Er hat Volkskunde, Bayerische Landesgeschichte und Musikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt und in Kiel studiert. Währenddessen absolvierte er einen Auslandsaufenthalt in Serbien. Nebenamtlich engagiert er sich als Dirigent des katholischen Kirchenchors in Dinkelscherben im schwäbischen Landkreis Augsburg.


Verfasst von:

Hannes Bräutigam

Redaktionsleiter