Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2023

Katholisch in Bayern und der Welt

Rituale als Gamification von Glauben

International verständlich ist die Sprache von Computergames. Spielerische religiöse Rituale können zu einem vertieften Glauben führen. Abbildung: Oleg_Kelt / Adobe stock

Ich verstehe und spreche Englisch flüssig, weil ich Serien, Bücher und Filme in der Originalsprache sehen oder lesen wollte. Ich weiß, wie Audioschnitt funktioniert und wie sich Musik produzieren lässt, weil ich damals mit Freunden eine Band gegründet habe. Wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, habe ich nie so viel gelernt wie in den Momenten, in denen nicht das Lernen im Mittelpunkt stand.

Menschen fällt es einfacher, etwas zu lernen oder zu tun, wenn der Fokus nicht zwingend auf dem Lernen liegt, sondern auf etwas, was Spaß macht. Denn maßgeblich für Lernerfolg ist die kontinuierliche Beschäftigung sowie das Sammeln von Erfahrungen, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mit etwas beschäftigen ist höher, je mehr Spaß es bringt.

Methoden, die sich dies zunutze machen, fallen unter den Begriff der Gamification: dem Versuch, etwas spielerischer zu gestalten.

Gamification: Alles kann ein Spiel sein.

Gamification bedeutet frei aus dem Englischen übersetzt: etwas zu einem Spiel machen. Bei Gamification wird versucht, etwas eigentlich Mühsames mit Elementen aus dem Spieldesign, also der Kunst, gute, fesselnde Spiele zu entwickeln, zu kombinieren, so dass der Fokus auf die scheinbar zu große Herausforderung verloren geht.

Es ist eine Erfahrung, die Eltern sehr gut kennen: Mit Spielen geht alles einfacher. Das Kind will nicht essen? Schau mal, hier kommt ein Flugzeug!

Um zu verstehen, wieso ich meine, dass Rituale die Gamification von Glauben sind, müssen wir kurz einen Blick in die Struktur von Glauben sowie die Definition des Begriffes werfen. Wir definieren Spiritualität, Glaube, Religion und Kirche/Konfession in unserer Arbeit wie folgt:

Spiritualität ist eine Haltung, die Glaube als Beziehung zum Transzendenten ermöglicht, welche in Religion gemeinschaftlich sprachfähig wird und sich in Kirche und Konfessionen selbst normiert.

Glaube ist folglich die persönliche Beziehung zwischen einem Menschen und dem, was er als transzendent in der Welt wahrgenommen hat. Maßgeblich für den Aufbau der Beziehung ist die kontinuierliche Wahrnehmung dieser Transzendenz. Dem folgend ist es für ein Wachsen im Glauben gut, diese Transzendenzwahrnehmung zu fokussieren.

Um den Sinn und Zweck von Ritualen in diesem Kontext genauer zu betrachten, lohnt sich ein Blick auf die Elemente, aus denen Glauben besteht. Aufbauend auf den Forschungen der Psychologin Tatjana Schnell (Universität Innsbruck) zu impliziter Religiosität, nutzen wir ein Modell, das drei Elemente identifiziert: Transzendenzerfahrungen, Mythos und Ritus.

Elemente des Glaubens

Die Transzendenzerfahrung ist ein kurzzeitiges Entheben aus dem Alltag, Mythos die Rückbindung der Weltdeutung an einen höheren Sinn und Ritus eine Handlung, die über eine Alltagshandlung hinausgeht. Dabei sind die drei Elemente eigenständig, aber stehen in Beziehung zueinander. So bewirkt die Transzendenzerfahrung den Mythos, dieser begründet den Ritus und dieser wiederum ermöglicht Transzendenzerfahrung.

Der Ritus und die Rituale haben damit eine wichtige Funktion zwischen Mythos, also der glaubensgeprägten Weltsicht, und der Transzendenzerfahrung, also dem initialen Erleben einer alltagsübersteigenden Erfahrung. Rituale bilden Möglichkeiten, sich im Alltag mit der eigenen Spiritualität zu beschäftigen. Sie schaffen Erfahrungsräume für Glauben. Dabei sind Rituale nicht zwingend notwendig für einen Glauben, doch bietet die konstante Auseinandersetzung in meinem Alltag mit meiner Spiritualität den Nährboden und somit eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine oder weitere Transzendenzerfahrung.

Gleichzeitig ist der Ritus an sich keine Magie. Gott lässt sich nicht mit einem Rosenkranz beschwören. An dieser Stelle wird auch die Verbindung zum Spiel deutlich. Im Buch "Die Kunst des Game Designs" stellt die Autorin Jesse Schell fest, dass Spiele die Erfahrung ermöglichen, sie jedoch nicht die Erfahrung sind.

Analog dazu für Glaube: Rituale ermöglichen Glaubenserfahrungen, sie sind jedoch nicht der Glaube selbst. Sie sind gewissermaßen Werkzeug für die Möglichkeit von Glaubenserfahrungen. Ähnlich wie spielerische Elemente die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine bestimmte Sache zu tun oder zu lernen, erhöhen Rituale die Wahrscheinlichkeit, dem Transzendenten zu begegnen. Sie sind dabei aber mehr der spielerische Rahmen als selbst ein Glaubensinhalt.

Rituale als Gamification: Ein schon und noch nicht.

Gamification meint eigentlich die Integration spielerischer Elemente in spielfremde Kontexte, um das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Ob das ein Abfalleimer ist, der als Basketballkorb gestaltet wird, oder die Vergabe von “Experience Points” statt Schulnoten. Das Spiel erleichtert uns, bei der Sache zu bleiben. Aber was, wenn man das weiterdenkt und fragt: Kann man auch Beziehungsaufbau spielerischer gestalten? Wie halte ich die Beziehung zum Transzendenten aufrecht? Denn eins ist klar: Je mehr ich in eine Beziehung investiere, desto fester und intensiver kann sie werden, und dafür muss ich am Ball bleiben. 

Der Ritus macht Glaube spielerisch erfahrbar. Das fängt bei bestimmten „Spiel- bzw. Ablaufregeln“ bei der Eucharistie an und hört beim Rosenkranz auf. Der Rosenkranz zeigt mir zum Beispiel immer meinen Fortschritt an, also wie viel ich schon geschafft und wie viel ich noch zu erledigen habe – ein typisches Element bei Computerspielen. Bei Exerzitien bekomme ich Aufgaben gestellt, die ich innerhalb einer bestimmten Zeit bearbeiten muss – das erinnert ein bisschen an sogenannte ‘Quests’.

Sicherlich lässt sich nicht jeder spieltypische Mechanismus auf das Glaubensleben übertragen – Ranglisten, die den Wettbewerb befördern oder eine Statusvergabe, die für alle Mitspielenden einsehbar ist, stehen den christlichen Glaubensüberzeugungen wohl sogar eher entgegen. Dennoch wissen wir aus der Erfahrung, dass die gemeinsame Suche nach dem mehr (oder dem magis, wie Ignatius es nennt) in Gruppen als gemeinsames Ziel motiviert. Wichtig ist, den Grundgedanke im Blick zu behalten: Spielerische Elemente erweitern den Möglichkeitsraum für Transzendenzerfahrung. Sie sollen nicht dem entgegenstehen. Die Suche nach Gott ist kein Wettrennen, sie darf jedoch trotzdem Spaß machen.

Im ursprünglichen Sinn des Wortes lassen sich die Rituale dann ihrerseits wieder gamifizieren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein Ritual auch wirklich regelmäßig durchziehe, erhöht sich, wenn das Ritual spielerisch gestaltet ist. Wichtig ist: Es muss Spaß machen und mir gut tun, sonst mache ich es nicht.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Ich plädiere für eine Gamification von Glauben. Damit meine ich, dass spielerische Elemente die Wahrscheinlichkeit für ein erfülltes und intensives Glaubensleben erhöhen. Und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen kann man in einem übertragenen Sinne Rituale als Gamification von Glauben ansehen – Rituale, also wiederholte Handlungen nach festen Abläufen und Regeln, erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine Transzendenzerfahrung, ähnlich wie spielerische Elemente die Nutzungswahrscheinlichkeit eines Produktes erhöhen. Im wörtlicheren Sinne können diese Rituale dann selbst wiederum stärker oder weniger stark gamifiziert sein. Je spielerischer das Ritual, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich es regelmäßig praktiziere und desto höher wiederum die Wahrscheinlichkeit von Transzendenzerfahrung.

Um also nochmal auf meinen Einstieg zurückzukommen und das Ganze etwas zuzuspitzen: Ich kann Englisch, weil ich englische Filme zur Unterhaltung geschaut habe, und ich kann glauben, weil ich immer wieder spielerisch mit dem Transzendenten in Kontakt komme.

Mit unserem Heft “Alles außer beten” haben wir einen besonders spielerischen Exerzitienbegleiter erstellt. Schritt für Schritt bearbeitet man die Aufgaben und hat jedes Mal das Gefühl, ein neues Level zu erreichen. In den Übungen selbst geht es aber nicht um Leistung, sondern sie sollen helfen, zur Ruhe zu kommen und einen Raum zu eröffnen, in dem Transzendenz einbrechen kann. So eine Aufgabe kann z.B. einfach darin bestehen, Kästchen auszumalen.

 Für die spielerische Gestaltung von Ritualen haben wir bei ruach.jetzt konkrete Ideen entwickelt – z.B. ein Kartenspiel zum Beten (“zeit teilen”) oder ein Spiel, das mich dazu anleitet, meine Stadt mit neuen Augen zu sehen (“stadtpause”)


Verfasst von:

Tobias Sauer

Geschäftsführer ruach.jetzt GmbH