Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: November-Dezember 2023

Schwerpunkt

Von der Kraft der Rituale

Nach dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell ist die Funktion des Rituals, dem menschlichen Leben (und seiner Liebe wie hier mit den Schlössern auf einer Brücke in Bamberg) Form zu verleihen – nicht durch ein bloßes Ordnen auf der Oberfläche, sondern in seiner Tiefe. Foto: Martino di Micelli / Adobe stock

Gerade in Zeiten, die von Unsicherheit geprägt sind – wie gerade jetzt – sind Rituale von größter Bedeutung. Sie geben uns Halt im Alltag und sie helfen uns, wenn Unbekanntes wartet.

Wahrscheinlich war es bei Ihnen ähnlich: Auch bei uns war damals der erste Corona-Lockdown urplötzlich über den Alltag unserer Familie hereingebrochen. Von einem Tag auf den anderen waren wir alle wieder zuhause, dauernd. Unsere Söhne kamen von ihrem Studienort zurück, mein Mann und ich arbeiteten im Homeoffice. So geriet viel Gewohntes durcheinander und wir mussten unser Alltagsleben komplett neu organisieren. Damit all das Neue auch gut klappt, brauchte es Absprachen:  Was müssen wir besorgen? Wer kocht? Wann? Und wie? Solche Dinge. Jeden Samstag diskutieren wir das seitdem gemeinsam und erstellen dann einen Essensplan, bevor wir das Nötige für die Woche einkaufen. Das alles ist weit mehr als eine logistische Maßnahme, um die Nahrungsaufnahme zu sichern. Wir hatten ein neues Samstagsritual gefunden. Damit haben wir für uns Klarheit und Verbindlichkeit geschaffen, die uns einmal in der Woche entlasten und helfen, unseren restlichen Alltag miteinander zu meistern und uns buchstäblich mittags gemeinsam zu stärken.

Gerade in diesen Zeiten, in denen gewohnte Strukturen wegfallen, suchen Menschen nach Struktur und Verlässlichkeit, nach Stütze und Halt. Rituale sind jetzt ein wichtiger Anker – für mich persönlich, in der Partnerschaft, in der Familie und auch im Berufsalltag mit meinen Kolleginnen und Kollegen.

Jeder Mensch hat einen Rituale-Vorrat

Wir alle haben Rituale, meistens einen ganzen Vorrat davon, manche praktizieren wir ganz unbewusst und selbstverständlich. Wir haben beispielsweise ein bestimmtes Aufwach- und Weckritual, das uns jeden Morgen hilft, in den Tag zu starten. Wenn wir keines hätten, müssten wir jeden Morgen neu überlegen und entscheiden, wie wir wohl am besten aufstehen. Das wäre ziemlich anstrengend. Rituale entlasten und helfen uns, durch diese Regelmäßigkeit buchstäblich „Ordnung in unser Leben zu bringen“. Anthropologen sagen: Ohne Rituale funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Doch viele Rituale sind verlorengegangen oder passen nicht mehr, weil wir sie nicht mehr verstehen (wie zum Beispiel viele christliche Rituale) oder weil sie aus der Zeit gefallen sind. Dennoch fehlen sie uns als wichtige Geländer in Zeiten von Krisen und Veränderung. Andererseits sind wir frei geworden, Rituale für uns persönlich und mit dem eigenen Lebensumfeld, der Familie etwa, zu kreieren, denn sie müssen passen wie Schuhe, mit denen man unterwegs ist. Es ist ein Paradox: Wir können ohne Rituale nicht leben, aber sie dürfen nicht zum Ritual erstarren.

Was sind eigentlich Rituale?

„Ritual“ ist ein schillernder, sehr diffuser Begriff und wird ganz unterschiedlich verwendet. Rituale sind, wie es der Soziologe Karl Gabriel ausdrückt, „stilisierte wiederholbare Handlungen an den typischen Übergängen und modernen Brüchen des Alltags“. Es sind Handlungen, die wir immer wieder tun, allein oder mit anderen, und dies in einer bestimmten Art und Weise. Sie haben für uns meist eine Bedeutung, die über das hinaus oder tiefer geht, was wir offensichtlich tun. Dies unterscheidet ein Ritual von der Gewohnheit, wie dem Zähneputzen, die ohne besondere Aufmerksamkeit, ohne bewusste Bedeutung praktiziert wird und ohne Symbole oder Symbolhandlungen auskommt.

Rituale sind also Vorgänge und Zeremonien, die wir regelmäßig nach einem bestimmten Schema vollziehen. Sie helfen uns, unseren Tag zu strukturieren und zwischen Arbeit und Schlaf die besonderen Zeiten des Tages, des Jahres, ja unseres Lebens zu begehen. Rituale strukturieren unser Leben, sie geben ihm einen Rahmen. Oder könnten Sie sich etwa vorstellen, am Weihnachtstag umzuziehen?

Rituale sind wie ein Netz, das uns hält und trägt

Gemeinsam vollzogene Rituale verbinden Menschen miteinander. Wie wichtig diese Rituale sind, zeigt sich besonders an den großen Festen im Jahres- und Lebenskreis und bei anderen großen Ereignissen. Wie sehr haben den Menschen das regelmäßige Zusammenkommen im Verein und in der Kaffeeküche im Büro, die Familienfeier zu Taufe, Erstkommunion und Hochzeit in den Jahren der Pandemie gefehlt! Wie einsam fühlen sich Menschen, wenn sie Weihnachten zum Beispiel nicht mit Familie und Freunde verbringen können? In Ritualen verhalten sich Menschen auf klare Weise zueinander. Sie schaffen Verständnis füreinander, geben dem Miteinander eine heilsame Form und einen Ausdruck. Sie verbinden uns im gemeinsamen Vollziehen der Rituale, stärken und fördern Gemeinschaft, schaffen ein Wir-Gefühl: „Hier bin ich zuhause.“ Wenn ich beispielsweise um Rituale in der Familie weiß, verbinden sie die Familienmitglieder auch dann, wenn sie nicht anwesend sind.

So geben Rituale Geborgenheit und Heimat. Sie spannen damit ein unsichtbares Netz, das wie ein doppelter Boden für schwierige Lebenssituationen ist. Jede und jeder von uns kennt Schwellensituationen: Das ist der Orts- und Berufswechsel, die Übergänge in Schule und Beruf oder wenn wir Menschen am Ende ihres Lebens loslassen müssen.

Rituale sind wie eine Brücke, über die wir gehen in ein neues Land

Rituale helfen uns besonders in diesen Schwellensituationen, bewusst abzuschließen, um neu an etwas herangehen zu können. Durch sie können wir Gefühle in einem geschützten Raum ausdrücken. Rituale machen das Unbegehbare begehbar, sie sind wie ein Geländer, an dem ich mich gerade in schwierigen Situationen festhalten und entlanghangeln kann. Besonders wird dies beim Beerdigungsritual spürbar. Mit Schwellenritualen verweilen wir im Augenblick, was in diesen Situationen oft schwierig genug ist. Denn erst dann öffnet sich ein Zugang für das Neue.

Wie kann ein solches Ritual begangen werden? Ich habe für mich mein persönliches Übergangsritual gefunden: Ich gehe zum Abschied bewusst durch die Wohnung, den Ort oder die Arbeitsstätte und packe besondere „Schätzchen“ in eine Schatzkiste bei mir zu Hause. Das hilft mir, besondere Erinnerungen wie in einem Gefäß aufzubewahren und damit gestärkt Neuland zu betreten. Dieses eher alltägliche Abschiedsritual hat mir geholfen, mich vor einigen Jahren von meinem Vater zu verabschieden. Am Sterbebett haben wir im Erzählen besondere Erinnerungen eingesammelt, die mich durch die Zeit der Trauer getragen haben. Mit Ritualen können wir also diese besonderen Augenblicke des Übergangs wahrnehmen und aktiv gestalten. Mir ist es wichtig geworden, Übergänge nicht hastig in die Normalität des Alltags zu überführen, sondern sie buchstäblich zu begehen (wie ich auch einen Raum ausschreite) und ihnen damit eine eigene Geltung zu verleihen.

Rituale öffnen den Himmel über uns

Indem wir damit den Alltag bewusst für einen Moment anhalten, machen Rituale uns bewusst: Es gibt mehr als arbeiten, Geld verdienen, Karriere machen. Wir ahnen: Unser Leben ist sinnvoll, ja es hat einen „Mehr-Wert“. Rituale sind also mehr als Alltagsgewohnheiten und mehr als bloßes eingespieltes Routineverhalten. Sie können mich innerlich ins Lot bringen und mich mit mir selbst, mit der tiefsten Tiefe in mir, mit Gott in Berührung bringen. Nach dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell ist die Funktion des Rituals, dem menschlichen Leben Form zu verleihen – nicht durch ein bloßes Ordnen auf der Oberfläche, sondern in seiner Tiefe.

 

Der Text stammt aus „DA“, dem Magazin der Domberg Akademie.

Den Originaltext von Claudia Pfrang und mehr zum Thema „Zukunftsmut“ finden Sie im Magazin der Domberg-Akademie „DA“ S. 12-14. 


Verfasst von:

Claudia Pfrang

Direktorin der Domberg-Akademie in Freising