Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Januar-Februar 2024

Schwerpunkt

Der Himmel wird nicht abgerissen

Von den circa 2,4 Millionen Menschen im Bistum Augsburg sind noch 47,8 Prozent katholisch. Doppelstrukturen bei Kirchen und Pfarrheimen sind in der Diskussion. Foto: Von Guido Radig - Eigenes Werk, CC BY 3.0

Weniger Gläubige, weniger Geistlichkeit und weniger Geld: Das ist eine ungünstige Konstellation für Kirchenimmobilien. Kirchen und Pfarrheime stehen derzeit zur Disposition. Vielerorts werden sie umfunktioniert. Oder verkauft. „Eine geringe Nutzung und ein hoher Erhaltungsaufwand stehen auch bei uns teils in keinem guten Verhältnis“, sagt Weilheims Pfarrer Engelbert Birkle. Intern befasse man sich deshalb gerade intensiv mit der Frage, wie man damit umgehen soll.

Welche Gesetze werden wohl in einem oder zwei Jahren in Kraft sein? Womit kann man 2025 noch heizen? Wie teuer wird das Heizen, wie teuer wird der Strom noch werden? Solche sehr weltlichen Fragen spielen bei den internen Diskussionen in Weilheim eine nicht geringe Rolle. Überhaupt: Das pralle politische Leben findet in der oberbayerischen Pfarreiengemeinschaft einen direkten Niederschlag in Bezug auf die Immobilien. So dient eines der beiden Weilheimer Pfarrheime seit geraumer Zeit als Asylbewerberunterkunft. Das Gebäude, vermutet Engelbert Birkle, wird wohl auch nie wieder als Pfarrheim genutzt.

Dass der Priester in Weilheim derzeit sonntags in zwei Kirchen eine Messe lesen kann, ist ebenfalls etwas, was sich vermutlich nicht halten lassen wird. Streng genommen handelt es sich zwar bei St. Pölten um eine einzige Stadtkirche. Die besteht faktisch jedoch aus einer alten, romanischen Kirche, an die in den 1960er Jahren eine neue Kirche angebaut wurde.

In der alten Kirche musste in den Jahren vor der Eröffnung des Anbaus auf engem Raum Gottesdienst gefeiert werden. „Für jene, die heute am Sonntag Gottesdienst feiern, würde allein die alte Kirche vom Raum her nun wieder ausreichen“, so Birkle. Inzwischen wird die neue Kirche häufig für Vorträge oder Konzerte genutzt.

„Es ist bitter“

Warum Engelbert Birkle im Gespräch über die Zukunft der Immobilien seiner Pfarreiengemeinschaft manchmal einen Moment zögern muss, bevor er eine Frage beantwortet, wird mit Blick auf die verbliebenen Gläubigen verständlich. Für jene, die noch immer sonntags in die Kirche gehen und denen „ihr“ Pfarrheim ans Herz gewachsen ist, ist es bitter, das Ausdünnen der kirchlichen Infrastruktur mitzuerleben. Darauf nimmt der Pfarrer Rücksicht. Wobei, wie er sagt, vielen Katholikinnen und Katholiken einleuchtet, dass es in den aktuellen Zeiten keine Doppelstrukturen geben kann. In Weilheim reicht eine kleine Kirche für sakrale Feiern. Und es reicht ein Pfarrheim. Bisher existierten zwei.

Je größer eine Kirche ist, umso höher ist der Unterhaltungsaufwand (im Bild St. Adalbero in Würzburg). Foto: Pat Christ

Sich darauf zu besinnen, was wirklich notwendig ist, hat für Engelbert Birkle nichts mit „no future“ zu tun. „Zwar wird kirchliche Infrastruktur zurückgebaut und Teilhabe am pfarreilichen Leben reduziert sich, doch es ist nicht so, dass sich das christliche Wertegefüge in der Gesellschaft völlig verliert“, stellt er fest. Der Theologe erinnert an den „Brief an das wandernde Gottesvolk in Deutschland“ von Papst Franziskus. Vielleicht, sinniert er, sollte Kirche wieder mehr auf dem Weg sein. Statt sich in Immobilien zu verschanzen.

Es verändert sich der kirchliche Raum. Und es verändert sich das kirchliche Angebot. Und das seit längerem. In Königsbrunn, der größten Stadt im schwäbischen Landkreis Augsburg, wurde bereits 2011 ein Pfarrheim abgerissen. Das hatte die Gemüter seinerzeit heftig erregt.

Heimat schwindet

Sicher war damit zu rechnen gewesen, dass viele Katholikinnen und Katholiken sauer reagieren würden. Wie verärgert sie waren, zeigte sich in Leserbriefen. „Es blutet einem das Herz, wenn man daran denkt, dass mit dem Abriss des Pfarrheims ausgerechnet bei der Mutterpfarrei St. Ulrich ein Stück Heimat verschwinden soll“, äußerte zum Beispiel der ehemalige Königsbrunner Kreisrat Kurt Aue im Vorfeld der Maßnahme.

Ist denn da niemand, der einen besseren Vorschlag als den Abriss im Gepäck hat? Das fragten sich vor knapp 15 Jahren Gemeindemitglieder, die einst den Aufbau des Pfarrheims unterstützt hatten. „In mühevoller Arbeit haben viele Königsbrunner damals mit Hand angelegt und Geld gespendet“, so Kurt Aue. Auch er selbst habe dies getan. Auf seinen Leserbrief erhielt er reichlich Zuspruch. „Hoffentlich kommt es nicht noch schlimmer und sie reißen den ‚Himmel‘ auch noch ab, weil er in der heutigen Zeit nicht mehr ‚rentabel‘ ist“, bemerkte ironisch ein ebenfalls verärgerter Christ.

Das Pfarrheim hätte renoviert werden müssen und das wäre kein Pappenstiel gewesen. „Darum wurde es unter meinem Vorgänger abgerissen“, erklärt Bernd Leumann, heute Pfarrer von Königsbrunn. Dort, wo es stand, betreibt das Dominikus-Ringeisen-Werk nun ein Wohnheim für junge Menschen, die in Königsbrunn eine Förderschule besuchen. Aktuell steht laut Bernd Leumann in Königsbrunn kein weiteres kirchliches Gebäude leer: „Auch wird unsere Kirche regelmäßig für Gottesdienste genutzt.“ Soweit er das überblicken könne, stehen momentan mittelfristig keine Entscheidungen wie in 2011 an.

Weniger Zuschüsse

Weil sich kaum noch junge Männer vorstellen können, das Hirtenamt zu übernehmen, und weil die Zahl der Gläubigen rapide schrumpft, dünnt die Infrastruktur auch in Unterfranken aus. Er habe gehört, dass das Pfarrheim in Birkenfeld verkauft werden soll, teilt Alexander Eckert, Teampfarrer im Pastoralen Raum Marktheidenfeld, mit: „Außerdem wird überlegt, was mit dem Pfarrsaal in Hafenlohr geschehen kann.“ Wie alle anderen Pastoralen Räume muss auch Marktheidenfeld dem Würzburger Ordinariat eine „Gebäudekategorisierung“ vorlegen: „Danach wird es eine neue Besprechung geben, welche Gebäude noch bezuschusst werden.“

Jan Kölbel, Pfarrer von Miltenberg. Foto: Pat Christ

In den Achtzigerjahren war die Situation im Vergleich zu heute zwar wesentlich besser, doch schon damals wurden Kirchen umgenutzt. So beschloss der Rat der Stadt Wörth am Main 1985 den Umbau der ehemaligen St.-Wolfgangs-Kirche zu einer Kultureinrichtung. „Heute befindet sich hier ein Schifffahrtsmuseum“, berichtet Jan Kölbel, Pfarrer von Miltenberg. Die Kunstgalerie „Spitäle“ in Würzburg hat ebenfalls kirchliche Ursprünge: Sie ist in einer ehemaligen Hofspitalkirche untergebracht.

Auch wenn schon damals offensichtlich nicht alles in bester Ordnung war, macht Jan Kölbel die aktuelle Situation große Sorgen. Die Immobilienkategorisierung des Bistums habe in seiner Pfarreiengemeinschaft Miltenberg-Bürgstadt gravierende Auswirkungen, sagt er: „Denn sowohl Miltenberg als auch Bürgstadt haben historisch bedingt mehrere Kirchen.“ Künftig soll nur noch eine einzige Kirche pro Pfarrei bezuschusst werden.

Wer braucht Kirchen?

Für Jan Kölbel stellt sich deshalb die Frage, wie die anderen Kirchen weiter unterhalten werden sollen. „Umnutzungen sind in der Regel sehr schwierig“, sagt er. Das habe emotionale, aber auch ganz praktische Gründe: „Wer kann eine profanierte Kirche gebrauchen?“ Zudem seien ja mit den Kirchen oft noch andere kirchliche Einrichtungen verbunden: „Zum Beispiel Räume für die Pfarrei.“ Das sei meist nicht so einfach voneinander zu trennen.

Die Würzburger Kunstgalerie „Spitäle“ ist in einer ehemaligen Hospitalkirche beheimatet. Foto: Pat Christ

Laut Jürgen Emmert, der das Kategorisierungsprojekt leitet, müssen alle Diözesen in Bayern schauen, wie sie kirchliche Gebäude bei schrumpfenden Finanzmitteln und schrumpfenden Gemeindemitgliedern unterhalten können. Neu in ganz Bayern sei, dass nun nicht mehr nur über Pfarrhäuser, sondern auch über Kirchen gesprochen wird. In Unterfranken sei die Situation besonders problematisch: „Wir haben einen großen historischen Bestand und viele kleine Gemeinden.“ Zudem sei die Diözese Würzburg nicht so finanzstark wie andere.

Dass Kirchengebäude umgenutzt oder verkauft werden, löst nach seinen Worten „Trauerprozesse“ aus. Die Reaktionen reichten von „Es-nicht-wahrhaben-Wollen“ bis „Entsetzen“. Emmert bestätigt, dass in Zukunft nur noch eine Kirche pro Pfarrei bezuschusst werden soll. Die gute Nachricht sei, dass auf jeden Fall eine Kirche bleibt: „Die Menschen werden nicht heimatlos.“ Das Kategorisierungsprojekt selbst steht unter dem Motto „Die Kirche bleibt im Dorf.“


Verfasst von:

Pat Christ

Freie Autorin