Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Januar-Februar 2024

Ökumene

Simultankirchen als Zukunftsmodell

Mehrfach konfessionell genutzte Bauten können ein Ort der Selbstvergewisserung, der Identität, der Toleranz sein. Foto: Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz e.V.

Anregungen zum ökumenischen Gespräch

Was zunächst als wagemutiges Experiment einiger Ökumenefreunde erscheint, ist in 64 Gemeinden verteilt über ganz Deutschland bereits Realität. Die Rede ist von den Simultankirchen, die zum Teil bereits seit mehreren Jahrhunderten von Evangelischen und Katholiken gemeinsam genutzt und verwaltet werden. Vor allem in der Oberpfalz in Nordostbayern hat das Simultaneum eine lange Tradition.

Wenn das mal gut geht! Pfarrer Gottlieb Gutglaub und der Vorsitzende der Kirchenverwaltung von St. Nimmerlein haben tiefe Sorgenfalten im Gesicht. Ihr ehrwürdiges Gotteshaus aus dem 16. Jahrhundert muss dringend renoviert werden. Aber angesichts sinkender Mitgliederzahlen und steigender Baukosten stehen die Chancen schlecht, die Maßnahme zu stemmen. Was tun?

Wenige Meter weiter tagt der Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde. Pfarrerin Evelyn Emsig trägt die Ergebnisse eines Gutachtens zur geplanten Sanierung des Gemeindezentrums vor. Der Bau aus den 1960er Jahren bröckelt gewaltig. Die Heizkosten schießen durch die Decke. Abreißen und neu errichten – oder verkaufen?! Was tun?

Am nächsten Abend treffen sich Mitglieder beider Gemeinden beim Ökumene-Stammtisch. Und nach ein paar Gläsern Bier und Wein reift bei ihnen ein kühner Gedanke heran. Was wäre, wenn die evangelische Gemeinde ihr Gemeindezentrum verkauft und mit dem Erlös einen Anteil an der Kirche St. Nimmerlein ersteht? Dann wäre genug Geld vorhanden, um das wunderschöne alte Gotteshaus zu renovieren. Beide Gemeinden würden dann in Zukunft die Kirche gemeinsam nutzen. Über die Gottesdienstzeiten müsste man sich einigen. Aber das wäre lösbar, sind sich die Anwesenden sicher und fangen in Gedanken schon mal an, Pläne zu schmieden. Wenn das mal gut geht!

Simultankirchen in der Oberpfalz

Die Simultankirchen in der Oberpfalz verdanken ihre Entstehung der fortschrittlichen Entscheidung eines Landesfürsten: Pfalzgraf Christian August wollte ab dem Jahre 1652 in seinem Fürstentum Sulzbach für dauerhaften Frieden zwischen den Konfessionen sorgen. Er war der Religionskämpfe des Dreißigjährigen Krieges müde und legte deshalb den simultanen Gebrauch der Kirchen fest: Beide Konfessionen an einem Ort teilen sich die Kirchen und Friedhöfe, ja das ganze kirchliche Eigentum je zur Hälfte. Dies bezog sich auch auf das Einkommen der Pfarrer und die Lasten, die mit dem Unterhalt der kirchlichen Gebäude verbunden waren. Jede Veränderung, zum Beispiel bei der Ausstattung der Kirche oder den Gottesdienstzeiten, durfte nur mit Zustimmung der anderen Konfession geschehen. Diese Tatsache war immer wieder Anlass für Streit und zum Teil langwierige Konflikte.

Eine Kirche wird verkauft, ein Anteil an einer anderen Kirche erworben. Beide Konfessionen nutzen und verwalten eine einzige Kirche. Das ist eine „Simultanee“. Foto: Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz e.V.

Rund 50 Simultaneen sind in der Oberpfalz belegt, die meisten lösten sich jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts auf. An neun Orten bestehen sie bis heute. Das jahrhundertelange Mit- und zeitweise auch Gegeneinander der Konfessionen hat sich heute zu einer vertrauensvollen ökumenischen Zusammenarbeit entwickelt.

Um das kulturelle Erbe des Simultaneums lebendig zu erhalten, gründete sich 2013 der ökumenische „Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz e.V.“. Um Freunde und Förderer für diese besonderen Gotteshäuser zu gewinnen, entstand die Idee, die 50 Kirchen durch einen Radweg miteinander zu verbinden. Im Mai 2015 war es so weit: unter großer öffentlicher Beteiligung konnte der Simultankirchen-Radweg eingeweiht werden. Er besteht aus zehn Routen, die in der Region zwischen Sulzbach-Rosenberg und Weiden zu den Simultankirchen führen.

Viel Netzwerkarbeit war erforderlich, um dieses Projekt auf den Weg zu bringen und eine Förderung aus EU-LEADER-Mitteln zu erhalten. Aber der Erfolg gibt den Bemühungen recht: Die Routen wurden mit einem eigens entwickelten Logo beschildert. Es gibt eine Radlkarte, Infotafeln und Flyer sowie eine Website geben einen Überblick zur Geschichte und dem Radwege-Projekt.

Ökumenisches Symposium blickt in die Zukunft

All dies trägt dazu bei, das Thema „Simultaneum“ auch über die Region hinaus ins Gespräch zu bringen. Besonders deutlich wurde dies beim ökumenischen Symposium „Simultaneen im deutschen Sprachraum – Experiment Zusammenleben unter einem Kirchendach“, das vom 15. bis 17. September 2023 in Sulzbach-Rosenberg stattfand.

Drei Tage lang beschäftigten sich etwa sechzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie weitere Interessierte mit der gemeinsamen Nutzung von Kirchengebäuden durch mehrere Konfessionen. Sie betrachteten nicht nur Experimente aus der Vergangenheit, sondern stellten sich auch der Frage, welche Funktion Kirchengebäude zukünftig übernehmen könnten:

Der evangelische Pfarrer Klaus Stolz stellte das Ökumenische Zentrum Emmauskirche in Bad Griesbach vor. Gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen bietet er eine spirituelle Anlaufstelle für Kurgäste und weitere Interessierte. Sie verstehen ihre Kirche als „ein Experimentierlabor für Ökumene, offen für alle Menschen, das Lust macht auf christlichen Glauben.“ Ihre Arbeit sei eine Art „ökonomische Ökumene“, wie Stolz mit einem Augenzwinkern erläutert. Denn durch die Zusammenarbeit seien deutlich mehr Angebote möglich, als wenn jede Konfession für sich allein tätig werde.

Auch in Nürnberg-Langwasser arbeiten evangelische und katholische Christen seit einiger Zeit enger zusammen. Ilona-Maria Kühn, Leiterin des Zukunftsprojekts „Vertiefte Ökumene in Langwasser“ berichtete von Ideen, wie Kirche vor Ort signalisieren kann: Wir sind für dich da! Dafür soll eine zentrale Anlaufstelle installiert werden mit einem ökumenischen Pfarrbüro für alle beteiligten Gemeinden. Zusätzlich sind in Zusammenarbeit mit Projektpartnern weitere Dienstleistungsangebote geplant wie Schuldnerberatung oder Erziehungsberatung.

Simultankirchen als Orte der Begegnung

Eva-Maria Seng, Lehrstuhlinhaberin für Materielles und Immaterielles Kulturerbe an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn, nahm die Simultankirchen als sogenannte „dritte Orte“ in den Blick. Sie böten den Menschen innerhalb der historisch gewachsenen Struktur eine Möglichkeit zu Begegnung inmitten des Gemeinwesens. „Mehrfach konfessionell genutzte Bauten können ein Ort der Selbstvergewisserung, der Identität, der Toleranz sein und damit auch in die Zukunft weiterentwickelt werden.“

Grundhaltung Gastfreundschaft

Peter Scheuchenpflug, außerplanmäßiger Professor für Pastoraltheologe und Religionspädagoge an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg, stellte fest: „Eine gottesdienstfeiernde Gemeinde, die nur einer Konfession angehört, kann man nur noch bei wenigen Gottesdiensten annehmen.“ Deshalb sei unabhängig davon, wer einen Gottesdienstraum betreibe, eine Haltung der Gastfreundschaft wichtig. „Spüre ich, dass ich dort willkommen bin – auch wenn es nicht meine eigene Pfarrkirche ist?“

Dr. Markus Lommer, Mitglied im Förderverein und maßgeblicher Organisator der Tagung, warb für eine Kirche der „offenen Türen“. Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, Vorsitzender des Fördervereins Simultankirchen in der Oberpfalz e.V., griff diesen Gedanken bei der Abschlussdiskussion auf: „Wir werden in Zukunft nur noch als Christen wahrgenommen werden. Das ist keine materielle, sondern eine spirituelle Frage.“

Weitere Informationen finden Sie hier


Verfasst von:

Susanne Götte

Vorstandsmitglied im Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz e.V.