Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Mai-Juni 2024

Schwerpunkt

Ohne Caritas geht Kirche nicht

Niederschwelliger Zugang zu den Angeboten der sozialen Beratung sind entscheidend für eine Verbesserung der Lebenssituation – benötigt aber eine langfristige Finanzierung. Foto: gballigiggs / Adobe stock

„Ohne die Heilung der Kranken und die Hinwendung zu der Armen gibt es keine Verkündigung des Reiches Gottes“, sagte Kardinal Reinhard Marx bei der Einführung des neuen Landes-Caritasdirektors Andreas Magg. Er wird nicht müde, die Bedeutung der Caritas für die Kirche zu betonen. Aber was passiert, wenn für die Arbeit der Caritas nicht mehr genügend Geld zur Verfügung steht, wenn die Zuschüsse für die notwendige Organisation der Arbeit auf Diözesan- und Landesebene immer weiter zurückgefahren werden?

Der überwiegende Teil der sozialen Angebote der Caritas und ihrer Fachverbände wird von der öffentlichen Hand finanziert. Im Sinne des Subsidiaritätsprinzips ist das auch richtig so. Die Kirche finanziert bei Personalstellen und Sachkosten einen geringen Teil, der entweder als Eigenanteil aufgebracht werden muss oder für nicht refinanzierbare Aufgaben, wie etwa politische Vertretung oder Lobbyarbeit, gebraucht wird.

Nur mit verlässlicher Finanzierung

Zwei Beispiele sollen die Auswirkungen der rückläufigen kirchlichen Mittel erläutern. Die Migrationsangebote von IN VIA Bayern machen einen wesentlichen Teil der Arbeit dieses Fachverbands für Mädchen- und Frauensozialarbeit und seiner Mitgliedsverbände in den Diözesen aus. Integrationskurse wie „Leben in Bayern“ oder „Lebenswirklichkeit in Bayern“ werden zwar vom Bayerischen Innenministerium gefördert, aber nur zu knapp 90 Prozent. So fallen bei Personalkosten oft mehr als die zehn Prozent Eigenmittel an. Viele Kosten werden gar nicht im Einzelnen bezuschusst, beispielsweise Fahrtkosten zu Dienstbesprechungen, Verwaltungskosten und Versicherungen. Dafür gibt es eine eher knapp bemessene Pauschale für indirekte Kosten. „Unsere Angebote zeichnen sich durch eine große Nähe zu den Frauen aus“, sagt Geschäftsführerin Rita Schulz. „Bei uns finden die Frauen einen geschützten Raum, der sie mit der fremden Kultur vertraut macht und ihnen praktische Hilfen im Alltag vermittelt. Die Arbeit mit Migrantinnen ist für die Mitarbeiterinnen von IN VIA Herzenssache“, betont Rita Schulz. Seit den Anfängen vor über hundert Jahren engagiert sich der Verband für Frauen, die sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden müssen. „Wir wollen diese Arbeit fortführen und den Anforderungen der Zeit anpassen, aber dafür brauchen wir eine verlässliche Finanzierung.“ Sehr schwierig ist nicht nur der Eigenmittelanteil, sondern auch, dass die Projekte jährlich aufwändig beantragt werden müssen und dann immer nur kurzfristig bewilligt werden.

Weniger Angebote

Beim Caritasverband in der Erzdiözese München und Freising habe der Rückzug aus einigen Tätigkeitsfeldern bereits begonnen, sagt Caritasdirektor Hermann Sollfrank. „Angebote wie die Gemeindecaritas werden auf längere Sicht auf der Strecke bleiben, wenn kirchliche Mittel zurückgehen.“ Auch die „Soziale Beratung“ – Stellen in den Caritaszentren, zu denen jeder kommen kann, der mit seiner Situation nicht zurechtkommt – wird fast ausschließlich durch Kirchensteuermittel und Spenden finanziert. Wenn diese zurückgehen, werde auch das Angebot weniger, so Sollfrank. Als weitere wichtige Aufgabe sieht der Caritasdirektor die spitzenverbandliche Vertretung in Gefahr. „Wenn für übergeordnete Aufgaben wie die Vertretung der gesamten Caritasfamilie mit ihren vielen kleinen Trägern und Fachverbänden kein Geld mehr da ist, kann die Arbeit nicht gemacht werden.“

Wie also wird Kirche ihrem Auftrag gerecht, wenn das Geld weniger wird. Für Richard Stefke, Leiter des Ressort „Caritas und Beratung“ im Erzbischöflichen Ordinariat München, ist es völlig undenkbar, dass Kirche sich aus ihrem diakonischen Auftrag zurückzieht. „Dann sind wir nicht mehr Kirche, Diakonie gehört wie die Liturgie und die Verkündigung zu den Grundvollzügen der Kirche“, sagt er. Projekte in der Migrationsarbeit und für Menschen am Rande der Gesellschaft seien schon bisher nur möglich, weil viele kirchliche Mittel hineinfließen. „Vielleicht müssen wir manches umgestalten“, meint Stefke, „aber ohne Caritas geht Kirche nicht“.

 

1. BEISPIEL: SICHERHEIT GEWINNEN

Als Nasreen aus Syrien vor drei Jahren zum ersten Mal in den Kurs von IN VIA in Regensburg kam, sprach sie kein Wort Deutsch und war sehr gehemmt. Über Griechenland war sie mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Deutschland geflohen. Alles war fremd in diesem Land und ihr Mann wollte zuerst nicht, dass sie einen Kurs besucht, der ihr Sprachkenntnisse vermittelt und ihr das Leben in Deutschland leichter macht. Er fürchtete um seine Autorität und seinen Einfluss. Nasreens Kinder besuchten mittlerweile die Schule, aber der Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern und anderen Eltern fiel ihr sehr schwer. Da erfuhr sie von dem Kurs „Lebenswirklichkeit“ für geflüchtete Frauen und ging regelmäßig hin. Sie konnte nicht nur ihre Deutschkenntnisse verbessern, sondern das Zusammensein mit den anderen Frauen, das gemeinsame Sprechen über Alltagssituationen wie Arztbesuch, Erziehung und Schule, oder das gemeinsame Kochen machten Nasreen großen Spaß. Die Kurse gaben ihr viel Selbstvertrauen. Ihr Mann erkannte, dass seine Frau sich besser im Alltag zurechtfand und zufriedener war. Sie hielt auch nach dem Kurs Kontakt zur Leiterin, verbesserte ihr Deutsch und übernahm schließlich die Kinderbetreuung bei Kursen. Es war für sie ein niederschwelliger Einstieg in eine berufliche Tätigkeit. Bei einem Studientag von IN VIA in Regensburg zum Thema „Frauen und Mädchen auf der Flucht“ hielt sie vor einigen Monaten ein Impulsreferat auf Deutsch zu ihren ersten Erfahrungen in Deutschland und die Hilfe, die sie erfahren hatte. Darauf war nicht nur Nasreen stolz, auch die Kursleiterinnen von IN VIA freuten sich sehr.

2. BEISPIEL: HILFE IN PSYCHISCHEN KRISEN ODER EXISTENTIELLEN NÖTEN ODER WIE SOLL ICH DAS SCHAFFEN?

Marija war nur noch erschöpft und sehr deprimiert. Nach jahrelangem Streit und zermürbenden Auseinandersetzungen zog ihr Ehemann endlich aus. Der Vater ihrer beiden Töchter zahlte keinen Unterhalt und das Geld aus ihrem Halbtagsjob als Arzthelferin reichte hinten und vorne nicht. Wie sollte sie das alles schaffen? In ihrer Not wandte sie sich an die „Soziale Beratung“ im Caritaszentrum in Fürstenfeldbruck. Die Beraterin hörte ihr zu, sie erläuterte ihr die Unterstützungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Unterhaltsvorauszahlungen und sie ermutigte sie, sich Hilfe einer Psychologin in ihrer Situation zu holen. Als die Beraterin ihr erklärt, was sie alles beantragen kann, denkt sie an das Chaos in ihren Unterlagen zu Hause. Nach einigen Beratungen kommen sie überein, dass Marija den ehrenamtlichen Dienst eines Ämterlotsen in Anspruch nehmen wird und professionelle Hilfe für ihre krisenhafte Lebenssituation braucht. Es wird ihr klar, dass sie ihre Stärke zurückgewinnen will, denn nur so kann sie ihren Töchtern eine gute Mutter sein und für sich wieder eine Perspektive entwickeln.

Barbara Mechler arbeitet als Sozialpädagogin innerhalb der „Sozialen Beratung“ im Caritaszentrum Fürstenfeldbruck. Sie hat viele Klientinnen wie Marija. Scheidung und Trennung sind häufig die Ursachen für eine Lebenskrise, vor allem, wenn Kinder da sind und der Partner keinen Unterhalt zahlt. Da kämen zur psychischen Belastung auch noch existentielle Nöte dazu. „Wir klären die Bedürftigkeit, prüfen, welche Leistungen möglich sind, und helfen, diese zu bekommen“, sagt Barbara Mechler. Oft fungierten sie auch als Clearingstelle und könnten die Klientinnen an weitere Beratungsstellen der Caritas oder auch externe Beratungsstellen vermitteln. „Ohne unsere Beratung würden viele Menschen noch tiefer in eine Krise rutschen.“ (Namen wurden mit Genehmigung veröffentlicht, Anm. d. Red.)

 


Verfasst von:

Adelheid Utters-Adam

Vorsitzende IN VIA Landesverband Bayern