Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Juli-August 2025

Meditation

Beten auf dem Weg

Kapelle neben dem Otthof in Faistenberg, Bayern. Foto: Hanna Stettner

Ich liebe die kleinen Wanderungen im Voralpenland – die Wälder, die schmalen Sträßchen, den großartigen Bergblick und die vielen Kapellen bei Höfen, auf Grundstücken oder am Wegesrand. Manchmal sind sie verschlossen, aber oft kann man hineinschauen. Sie laden zum Gebet ein – ob verschlossen oder offen. Dank sagen für einen schönen Tag, trauern um einen Verlust, bitten für einen lieben Menschen, der mir am Herzen liegt… Einfach so, zwischendrin, an einem Ausflugstag. Diese Stationen am Weg unterbrechen mich, sprechen mich an und richten mich so aus, dass ich das Größere entdecke: den Schöpfer hinter der wunderschönen Landschaft, den Vater im Himmel, dem ich danken kann für mein Leben, den Tröster, der die Nöte hört.

Menschen mit Kapellenfunktion

Auf meinem Lebensweg und in meinem Alltag übernehmen Menschen, denen ich nicht nur im ökumenischen Kontext begegne, eine „Kapellenfunktion“. Auf meinem Weg treffe ich auf sie. Sie begegnen mir, ich komme mit ihnen in Kontakt. Sie erinnern mich an etwas, das größer ist als ich allein, größer noch als das, was ich aus meiner eigenen Glaubenstradition kenne. Orthodoxe Freundinnen und Freunde zeigen mir zum Beispiel, wie die Verbundenheit mit den Kirchenvätern mein Leben bereichern kann; römisch-katholische Geschwister, mit welcher Liebe die Eucharistie gelebt werden kann; von Methodistinnen und Methodisten lerne ich, wie Rechtfertigung und Heiligung zusammengehören und sich in einem sozialen Bekenntnis niederschlagen; Brüder und Schwestern aus Freikirchen lassen meine Sehnsucht nach enger Gemeinschaftlichkeit wachsen. Unsere Kirchen sind jeweils ganz Kirche, aber als einzelne Kirchen nicht die ganze Kirche. Die Kirche Jesu Christi ist größer als das, was wir sehen.

Gemeinsames Beten als Geschenk

Zu den schönsten Erlebnissen und wertvollsten Geschenken des Glaubens gehört es für mich übrigens, wenn ich auf meinem Weg ökumenischen Geschwistern begegne, ihre Schätze kennenlerne, Freud und Leid mit ihnen teile – und wir miteinander und füreinander beten.
Beten auf dem Weg.


Verfasst von:

Maria Stettner

Evangelisch-lutherische Pfarrerin und Referentin für Ökumene und Interreligiösen Dialog  im Landeskirchenamt der ELKB