Ausgabe: Juli-August 2025
ÖkumeneEin Tag im Krematorium
Was am Ende bleibt
Etwa 80 Prozent aller Verstorbenen in Deutschland werden eingeäschert – ein Besuch im Städtischen Krematorium Augsburg zeigt, wie der Prozess abläuft und welche kulturellen und religiösen Fragen damit verbunden sind.
Vor dem Friedhofsgebäude des Augsburger Westfriedhofs stehen etwa 20 Menschen in Schwarz und warten auf den Beginn einer Beisetzung. Ich halte mich am Rand und versuche, zwischen all den traurigen Gesichtern nicht aufzufallen. Auch ich warte. Auch ich werde heute eine Person auf ihrem letzten Weg begleiten. Allerdings nicht ins Grab, sondern in den Kremationsofen. Ich möchte wissen, warum sich Menschen für eine Einäscherung entscheiden, was dabei konkret passiert und wie sie aus religiöser Perspektive zu betrachten ist.
Hinter den Kulissen
Krematoriumswart Florian Gabriel holt mich vor der Trauerhalle ab und wir gehen in den hinteren Teil des Gebäudes. Das Krematorium ist hell und lichtdurchflutet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind freundlich und die Stimmung ist kein bisschen gedrückt.
In der Mitte des Raumes befindet sich der Ofen, daneben stehen zwei Särge mit Verstorbenen bereit. Für einen der beiden ist es gleich so weit. Florian Gabriel überprüft seine Papiere. Routiniert schiebt er den Sarg auf das Fließband, über das der Ofen beschickt wird. Und öffnet ihn noch ein letztes Mal. Er sieht nach, ob sich noch Gegenstände darin befinden, die nicht in den Ofen dürfen. Außerdem legt er dem Leichnam einen Schamottstein bei, damit die Asche, die nach der Kremierung übrigbleibt, eindeutig zugeordnet werden kann. An dieser Stelle können sich Angehörige noch ein letztes Mal von der verstorbenen Person verabschieden, wenn sie sich das wünschen. Dann öffnet sich der Eingang und der Sarg fährt in den Ofen.
Kremierung zwischen Ritual und Technik
„Gestorben wird, wenn’s Laub kommt und wenn’s Laub geht“, zitiert Gabriel eine alte Bestattungsweisheit. Kein Wunder also, dass er bei meinem Besuch Ende März gut ausgelastet ist. Etwa 800 Personen werden pro Jahr im städtischen Krematorium Augsburg verbrannt, sechs bis acht pro Arbeitstag. Im Schnitt werden Verstorbene bei ihm etwa zehn Tage nach ihrem Tod eingeäschert. In der Zwischenzeit warten sie eingebettet in ihrem Sarg entweder im Zentralklinikum Universitätsklinikum Augsburg oder im Leichenhaus in der Kühlung. Laut der Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen e. V. waren im Jahr 2023 etwa 80 Prozent aller Bestattungen eine Urnenbestattung, Tendenz steigend. Florian Gabriel vermutet, dass das an den niedrigeren Kosten im Vergleich zur Erdbestattung liegt und am geringeren Pflegeaufwand der Beisetzungsstätte. Gleichzeitig hätten immer weniger Menschen religiöse Vorbehalte gegen eine Kremierung.
Religiöse Perspektiven
Mit religiösen Vorbehalten kennt sich Anna-Katharina Höpflinger aus. Sie ist Akademische Oberrätin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionswissenschaft und Religionsgeschichte an der LMU München. Die Beschäftigung mit Sterben und Tod stellt ein Wesensmerkmal von Religionen dar. Vorstellungen vom Jenseits und einem möglichen Leben nach dem Tod prägen die Rituale und Regeln für die Bestattung Verstorbener. So haben sich die Bestattungskulturen verschiedener Glaubensgemeinschaften unterschiedlich entwickelt. Höpflinger sieht in der modernen Kremierung eine Wiederaufnahme der antiken Praktik, Tote zu verbrennen. Während Feuerbestattungen in der Antike gängige Praxis waren, sind sie im Mittelalter nahezu von der Bildfläche verschwunden, bevor sie im 19. Jahrhundert wieder an Bedeutung gewonnen haben. Besonders im Christentum waren sie zum Teil bis ins 20. Jahrhundert nicht gängig oder sogar verboten, weil hier die Körperlichkeit eng mit der Wiederauferstehung verknüpft ist. Man braucht den Köprper für das Leben nach dem Tod. Diese Debatte gibt es auch in anderen Religionen. Während es im hinduistischen und buddhistischen Kontext überhaupt kein Problem ist, Tote zu verbrennen, wird im jüdischen und islamischen Umfeld traditionell erdbestattet. Im Islam gilt der Körper als lediglich von Gott geliehen und darf daher nicht zerstört werden.
Hitze und Asche
Anders im Kremationsofen in Augsburg. Hier ist nach ungefähr zehn Minuten der Sarg eingebrochen und der Leichnam selbst hat angefangen zu brennen. Durch ein Guckloch kann ich das Skelett in der Glut sehen. Florian Gabriel erklärt mir, dass sich jetzt das Körperfett der toten Person in Öl umwandelt und verbrennt. „So können je nach Körperfülle der verstorbenen Person in der Brennkammer schon mal Temperaturen zwischen 1 400 und 1 500 Grad Celsius entstehen und die Dauer der Verbrennung variiert.“
Von seinem Schreibtisch aus kann Florian Gabriel anhand eines Modells die gesamte Anlage überwachen. Ein Hampelmann in Skelettform hängt daneben an der Wand des Büros, die Stifte stecken in einem porzellanenen Totenkopf. „Nach ungefähr einer Stunde sind Leichnam und Sarg soweit verbrannt, dass sie in der zweiten Brennkammer nachverbrannt werden, letztendlich bleibt nur noch der Knochenkalk übrig.“
Technik und Umwelt
Das Friedhofsgebäude von 1912 mutet zwar ehrwürdig und altmodisch an, doch die sich darin befindende Kremierungsanlage von 2008 muss modernen Ansprüchen von Effizienz und Umweltschutz entsprechen. Die Nachbrennkammer hat eine gesetzlich vorgeschriebene Temperatur von 850 Grad, in der sämtliche Schadstoffe nachverbrannt und gefiltert werden. „Wenn man draußen steht und den Kamin anschaut, sieht man deshalb überhaupt keinen Rauch,“ erklärt Florian Gabriel. Zuvor werden die Gase aber noch durch einen Wärmetauscher geleitet, mit dem unter anderem die Heizung vor Ort gespeist wird. „Das war früher nicht möglich, da man der Auffassung war, dass dies nicht pietätvoll sei. Mittlerweile sagt man: Warum soll man die Wärme einfach durch den Kamin gehen lassen?“
Auch Anna-Katharina Höpflinger beobachtet, dass immer mehr ökologische Fragen in Bezug auf die etablierten Bestattungskulturen auftauchen. „Im Moment gibt es viele Diskussionen über naturnahe Bestattungen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, aus welchem Material ein Sarg sein soll, sondern es gibt eine Suche nach umweltbewussteren Alternativen zu gängigen Bestattungsformen.“
Letzter Schritt
Mittlerweile hat „unser“ Leichnam alle drei Brennkammern durchlaufen. Bevor die Asche entnommen werden kann, darf sie noch einige Zeit auskühlen. Danach wird sie mit einem Magneten von den Teilen befreit, die nicht mit in die Urne sollen oder dürfen. Ich hoffe auf verborgene Schätze, aber Florian Gabriel winkt ab: „Gold findet man ganz, ganz selten, das verschmilzt im Ofen mit den anderen Metallen vom Sarg und so weiter. Ich finde hauptsächlich Sargnägel, Zahnprothesen, künstliche Knie- oder Hüftgelenke, Titan.“ Wir bringen den Rest zu einer großen Mühle. Hier werden die verbliebenen Knochen zwei Mal gemahlen, bis sie nur noch feine Asche sind, die in eine kompostierbare Kapsel abgefüllt wird. Sie löst sich ungefähr nach zehn Jahren auf und kann bei Wunsch noch in eine Urne verpackt werden. Die hat Florian Gabriel schon in die ganze Welt verschickt, viele bleiben aber auch auf dem Augsburger Westfriedhof und finden hier ihren Platz. So wünscht er es sich auch für sich selbst. „Die Vorstellung von Würmern zerfressen zu werden, finde ich ganz schrecklich.“