Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: Juli-August 2025

Schwerpunkt - Vor Ort

Kaffee, Kuchen, ein offenes Ohr

Marion Hammer (rechts außen) unterhält sich am Stand des Schweinfurter Friedhofscafés mit drei Besucherinnen. Foto: Pat Christ

Soziale und kulturelle Friedhofsprojekte sprechen Menschen in ihrer Trauer an

Friedhofscafés und andere soziale oder kulturelle Initiativen auf Friedhöfen helfen Menschen in ihrer Trauer – und fördern zugleich Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Tod.

 

Er macht Eindruck, dieser Stand – kaum jemand geht achtlos an ihm vorbei: Seit gut zwei Jahren gibt es vor der Aussegnungshalle auf dem Friedhof in Schweinfurt ein mobiles Friedhofscafé. Das besteht aus einem elektrischen Lastenrad. Obenauf prangen, liebevoll dekoriert, Blumen. Außerdem Teller, Kaffeetassen, Kannen – und mindestens vier Sorten selbst gebackener Kuchen.

Viele Menschen wissen am Sonntag nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Der Partner ist gestorben, der Freundeskreis hat sich ausgedünnt. „Uns ist seit Langem klar, dass es ein Einsamkeitsproblem gibt“, sagt Marion Hammer, Mitarbeiterin des Schweinfurter Fachdienstes Gemeindecaritas, die sich für das Friedhofscafé engagiert. „Der Sonntag ist besonders schwierig, dann vereinsamen viele.“ Die Kinder wohnen weit entfernt, zu den Nachbarn besteht kaum Kontakt. Das Schweinfurter Friedhofscafé, das von einem ähnlichen Projekt in Fürth inspiriert wurde, soll an jedem ersten Sonntag im Monat eine Brücke zurück ins Leben schlagen.

Mit vereinten Kräften wird das Schweinfurter Friedhofscafé in Position gebracht. Foto: Pat Christ

Willkommen ist jede und jeder. Man muss niemanden auf dem Friedhof besuchen, keiner Kirche angehören oder gläubig sein – und nicht einmal trauern. Doch viele Trauernde nehmen das Angebot dankbar an. Marion Hammer erinnert sich an ein besonders berührendes Gespräch: „Ich kam in Kontakt mit einer Frau, deren Mann vor eineinhalb Jahren überraschend gestorben ist. Die beiden hatten sich ein altes Häuschen gekauft mit der Idee, es selbst auszubauen.“ Plötzlich platzten alle Pläne. Auch wenn der Tod schon eine Weile zurückliegt: Er belastet die Frau noch immer enorm und raubt ihr den Lebensmut. Beim Friedhofscafé durfte sie ihre Trauer ungehindert ausdrücken.

Marion Hammer versteht gut, wie empört Trauernde reagieren, wenn ihnen direkt oder indirekt vermittelt wird: „Eineinhalb Jahre – das ist sehr lange. Inzwischen müsste man den Tod doch verarbeitet haben!“ So etwas würde niemand der etwa 20 Ehrenamtlichen vom Schweinfurter Friedhofscafé vermitteln. Alle wissen, wie wichtig es ist, Trauernden beizustehen – unabhängig davon, wie lange der Verlust zurückliegt. Auch Marion Hammer bestätigte die Besucherin in ihrem Schmerz: „Es ist eine Katastrophe, was Sie erlebt haben – und noch immer erleben!“

Unmöglicher Abschied

Das Schweinfurter Friedhofscafé ist eines von vielen Projekten, die auf einem Friedhof angesiedelt sind. Inzwischen gibt es eine breite Angebotspalette – gerade auch was Friedhofscafés anbelangt. Monika Nickles zum Beispiel engagiert sich im Erlanger „Café Kränzchen“. „Das gründeten wir am Ende der Pandemie, um unter freiem Himmel einen Ort der Begegnung zu ermöglichen“, erzählt sie und erinnert daran, dass sich viele Menschen damals nicht von ihren verstorbenen Angehörigen verabschieden konnten. Durch das „Café Kränzchen“ sollte ein Ort geschaffen werden, an dem sich Menschen begegnen und frei austauschen können.

Wer während der Woche eine Menge Arbeit hat, kann sich kaum vorstellen, wie das ist, wenn ein langer, öder, einsamer Sonntag vor einem liegt. Die zwölf Männer und Frauen, die sich im „Café Kränzchen“ engagieren, wissen das. So oft schon wurde ihnen gesagt, wie wunderbar es ist, dass man durch diese Initiative seiner Einsamkeit und der sonntäglichen Langeweile entrinnen kann. Vor einem halben Jahr, erzählt Monika Nickles, trudelte ein besonders berührender Brief ein, der das Team in seiner Arbeit bestätigte. Eine Besucherin schrieb: „Sie haben mich gerettet in dieser schweren Zeit. Danke für Ihr wunderbares Angebot hier auf dem Friedhof!“

Gespräche sind ein hervorragendes Mittel, um Einsamkeit zu lindern und neuen Lebensmut zu wecken. Viele Menschen sind hierfür empfänglich. Etwa 15 Personen, so Monika Nickles, kommen immer, wenn das „Café Kränzchen“ geöffnet hat. Passantinnen und Passanten, die noch nicht da waren, werden nett angesprochen und eingeladen. Es gab schon Tage mit 60 Gästen. Ein Dutzend Ehrenamtlicher kümmert sich um sie. Die Einsätze werden über einen digitalen Dienstplan organisiert. Die Dienste sind so begehrt, dass sich nicht alle, die an einem bestimmten Tag mitmachen möchten, auch eintragen können – weil der Plan bereits voll ist.

Intensiver leben

Friedhofscafés tragen auch dazu bei, das Thema „Tod“ zu enttabuisieren. „Ich finde, dass sich jeder Mensch mit Sterben und Tod auseinandersetzen soll“, meint Reinhold Stiller aus dem Ehrenamtsteam vom Schweinfurter Friedhofscafé. Er selbst scheue sich nicht davor: „Sich die eigene Endlichkeit vor Augen zu halten, macht das Leben intensiver.“

Viele setzen sich erst dann mit dem Tod auseinander, wenn sie keine freie Wahl mehr haben – wenn jemand, den sie liebten, starb. Dann ist der Tod oft besonders bitter. Reinhold Stiller fällt in diesem Zusammenhang ein Gespräch mit einer Besucherin ein, das ihm noch lange nachgegangen ist. Es handelte sich um eine Frau, die über 50 Jahre mit ihrem Mann verheiratet gewesen war. Dann verstarb der Gatte: „Die Frau hat mir erzählt, dass sie immer dann, wenn sie auf der Straße Paare sieht, die sich streiten, hingeht und sagt: ‚Seien Sie doch dankbar, dass Sie einander haben!‘“

Solche schönen Erlebnisse halten das Projektteam zusammen. Jeder weiß, dass das Engagement für das Friedhofscafé durch und durch sinnvoll ist. Wobei sich Friedhofsprojekte nicht in der Hilfe für Trauernde erschöpfen. Zum Teil wird auch der Aspekt „Naturschutz“ in den Blick genommen. Das Schweinfurter Friedhofscafé dockt hieran neuerdings durch Nistkästen an. Die stammen vom Bund für Naturschutz in Bayern (BN), können von den Besuchern gekauft werden und werden dann von der Friedhofsverwaltung auf dem Friedhof aufgehängt.

Musik der Gnawa

Burkhard Schmidl möchte durch Klanginstallationen auf Friedhöfen bei der Trauerbewältigung helfen. Foto: Pat Christ

Wieder andere Projekte konzentrieren sich auf Kulturelles. Etwas ganz Spezielles bietet Komponist Burkard Schmidl aus Eibelstadt bei Würzburg an. Eine von ihm entwickelte Klanginstallation soll ganz besondere Gefühle auf Friedhöfen wecken – auch, aber keineswegs nur zur Bewältigung von Trauer. Inspiriert wurde sein Projekt durch Aufenthalte in Marokko: „Dort lernte ich Gnawa-Musiker kennen.“ Gnawa machen Musik zur Heilung in psychischen Notlagen: „Dazu gehört ja auch Trauer.“ Im westfälischen Marl fand der Unterfranke Menschen um den dortigen Pfarrer Peter Neumann-van Doesburg, die als Erste bereit sind, sein Projekt umzusetzen.

Burkard Schmidl hofft, dass er seine Idee spätestens im Herbst erstmals wird präsentieren können. Inzwischen ist auch ein weiterer Friedhof in Dresden an seinem Projekt interessiert. „Die Gemeinde in Marl und ich haben nun eine Übertragungsanlage gekauft, ich baute sie vor Kurzem auf, sitze gerade zwischen zwölf Lautsprechern und mische den Klang im Hinblick auf die verwendeten Boxen“, erzählt er.

Wie das sei, wichtige Menschen zu verlieren, wisse er nur zu gut, so der Komponist. Und ihm sei bewusst, dass Klänge helfen können, Trauer zu bewältigen – aus eigener Anschauung, aber auch durch Menschen, die schon in seinen Klanggärten wandelten.

Ohne Trost können Traumata nicht ausheilen. Wie trostreich seine Klanginstallationen sind, erfuhr Burkard Schmidl einmal von einer älteren Dame, die früher oft in seinen Klanggärten im Würzburger Hofgarten wandelte. Als sie unheilbar krank wurde und es dem Ende entgegenging, ließ sie sich einen CD-Player bringen, um noch einmal seinen Klanggarten-Klängen zu lauschen, erzählt er. Es sei das Letzte gewesen, was sie hörte: „Das hat mich direkt umgehauen, als ich davon erfuhr.“


Verfasst von:

Pat Christ

Freie Autorin