Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Schwerpunkt

Christliche Endzeithoffnung

„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Off 21,1). Die christliche Hoffnung richtet sich auf eine umfassende Vollendung am Ende aller Zeiten, symbolisiert durch das himmlische Jerusalem. Foto: JOSH / Adobe stock

„Eschatologie“ heute denken

Die christliche Endzeiterwartung ist kein Grund zur Angst, sondern Ausdruck tiefster Hoffnung. Die eschatologische Perspektive christlichen Glaubens stellt eine heilvolle Vollendung dar – persönlich, gesellschaftlich und universal.

Als Christinnen und Christen leben wir schon jetzt mit Christus. Durch ihn sind wir mit Gott versöhnt und dürfen am göttlichen Heil teilhaben: „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17). Zwar sind wir in Christus eine neue Schöpfung, dennoch aber leben wir noch in dieser von Unheil, Ungerechtigkeit und Abgründen gezeichneten Welt und kämpfen mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten. Mit Jesu Leben, Tod und Auferweckung ist darum längst nicht alles vollendet – im Gegenteil: Vieles steht noch aus. Weil das umfängliche Heil noch Zukunft ist, sind Christinnen und Christen zutiefst Wartende und Ausschauende: Wir warten auf das Ende der Zeiten und schauen aus auf die Vollendung der Welt.

Eschatologie als Blick nach vorne

Die Ankunft „der kommenden Weltzeit“ (Hebr 6,5) ist das Eschaton (griechisch ta és-chata: die letzten Dinge), und darauf war die frühe Christenheit fixiert: „Ich vergesse, was hinten ist, und strecke mich aus zu dem, was da vorne ist.“ (Phil 3,13). Die Hoffnung richtete sich auf die Wiederkunft – den Advent – Jesu Christi und damit verbunden auf die Vollendung der Schöpfung. Im Hintergrund steht ein linear gedachtes Zeitkonzept: Die universale Vollendung, Gottes Reich, ist mit der chronologischen Zukunft, näherhin mit dem Ende der jetzigen, vergänglichen Welt verknüpft – „die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1 Kor 7,31). Dass an die Stelle der alten Welt eine neue und bessere treten wird, verheißt schon Jesaja: „Ja, siehe, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Man wird nicht mehr an das Frühere denken, es kommt niemand mehr in den Sinn.“ (Jes 65,17).

Weil sich mit dem Advent des österlichen Christus das Antlitz der Welt von Grund auf verändern wird, wird ihm eine universale, kosmische Bedeutung zugesprochen: Er wird als Herrscher des Alls verehrt und als der geglaubt, durch den und auf den hin alles geschaffen worden ist und in dem alles Bestand hat (Kol 1,15–17). Am Ende der Weltzeit wird er eine völlig neue, ewige Schöpfung heraufführen, in welcher es keinen Sündenfall und mithin nichts Böses mehr geben wird. Alles moralische und natürliche Übel wird ein Ende haben – „auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21).

Spannung zwischen Jetzt und Noch-nicht

Die Spannung zwischen der Gegenwart des göttlichen Heils und seiner noch ausstehenden Zukunft spiegelt sich in der Spannung zwischen der Menschwerdung des Sohnes Gottes und seiner Wiederkunft wider. Die vielen neutestamentlichen Hinweise auf den baldigen Advent des Menschensohnes belegen unzweideutig, dass im Zentrum des frühchristlichen Glaubens das bevorstehende Kommen des Herrn eine Schlüsselrolle einnahm. Die „Ankunft des Herrn“ (1 Thess 4,15) ist das entscheidende Geschehen – und mit ihm wird die Erwartung des Weltgerichts (Offb 20,11–15), der leiblichen Auferstehung der Toten (Mt 22,23–33) und das Offenbarwerden des Reiches Gottes (Offb 12,10) verbunden.

Wenngleich Christinnen und Christen durch die Taufe an Jesu Auferstehung Anteil erhalten, so kann bezogen auf die Welt schwerlich von einer Überwindung der zerstörerischen Mächte gesprochen werden. Das Gesetz des Stärkeren dauert an und die sichtbare Herrlichkeit mit der Überwindung der defizitären, leidgeplagten Schöpfung steht noch aus. Und wie in Jesu Tod, so geht es auch bei seiner Wiederkunft um die Entmachtung der Sünde und des Todes. In diesem Sinne wird das Jüngste Gericht für die Glaubenden ein Ereignis der Freude und des Trostes sein (Mt 25,31–46).

Gerechtigkeit für die Opfer

Im göttlichen End- bzw. Weltgericht werden die Opfer der Geschichte endgültig Gerechtigkeit erfahren und die Täter nicht mehr triumphieren. Dass die Opfer zu ihrem Recht kommen, darin besteht die Freude – nur so kann der Friede Christi (Eph 2,14) werden. „Das Ausbleiben eines Jüngsten Gerichts wäre der schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegenüber der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen. Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ (Eberhard Jüngel). Leider wurde in der Geschichte der Christenheit diese endzeitliche Hoffnung auf endgültige Gerechtigkeit zu einer unsäglichen Drohung umfunktioniert und so in fataler Weise entstellt.

Leben in der Herrlichkeit Gottes

Im Zusammenhang mit dem Kommen des österlichen Christus ist auch von der leiblichen Auferweckung der Toten am Ende der Zeiten die Rede. Auch sie werden aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus am unerschöpflichen, ewigen Leben Gottes teilhaben (1 Thess 4,13–18). Dieses neue Leben ist unbeschreiblich, da sich menschliche, endliche Vorstellungen nicht auf die Herrlichkeit Gottes übertragen lassen. „Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9).

Wie das Leben in der Herrlichkeit Gottes sein wird, vermag niemand zu sagen. Selbst bei Jesus finden wir keine genaue Beschreibung, dafür aber eine Fülle an Andeutungen: Wir werden den Engeln gleich sein, weder sterben noch heiraten, am ewigen Hochzeitsmahl Platz nehmen und mit Gott vereint sein, ihn von Angesicht zu Angesicht schauen. Wichtig ist nicht das Wie, sondern das Dass: Dass das Leben bei der Wiederkunft Christi eine unbeschreiblich herrliche Vollendung finden wird – weil Gott ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist (Lk 20,38).

Gericht, Fegefeuer, Vollendung

Durch den Glauben an die Auferstehung ändert sich der Blick auf die Welt und das Leben. Nach katholischer Lehre kommt es nach dem Tod zur Begegnung mit Gott, und im individuellen Gericht wird das ganze Leben zur Sprache gebracht – das heißt, angeschaut. Das bedeutet, dass die jetzige Lebenswirklichkeit vor Gott wichtig ist. Er nimmt die persönliche, unverwechselbare Lebensgeschichte in ihrer Einmaligkeit und Würde ernst. Sie versinkt nicht im Grab, sondern wird geheilt und am Ende der Zeiten in das bleibende Leben mit Gott hineingenommen.

Dafür stehen traditionell die Ausdrücke Fegefeuer und leibliche Auferstehung. Beim Jüngsten Gericht wird keine vom Leib getrennte Seele auferweckt, sondern der ganze Mensch in seiner Leib-Seele-Einheit. Nach dem Tod verwest zwar der Körper, nicht aber die Leiblichkeit, die für die Identität der bisherigen Person steht. Diese löst sich nicht einfach auf – als wäre die bisher gelebte und erlittene Geschichte völlig irrelevant. Für das neue Leben in der Gemeinschaft mit Gott bedarf es jedoch der Aufarbeitung jener biografischen Momente, die vor Gott nicht bestehen können. Wir sterben also in Gott hinein und erkennen im Licht der göttlichen Liebe unsere Defizite, was uns für die endzeitliche Vereinigung mit Gott disponiert.

Wie beim Endgericht so hat auch in Bezug auf das Fegefeuer das Schüren von Ängsten zur Entstellung des ursprünglichen Gedankens geführt – nämlich der heilvollen Vollendung des irdischen Lebens. Der Reinigungsgedanke wurde vom Sühnegedanken verdrängt und aus der gnadenvollen Vorbereitung für die leibhaftige Auferstehung beim Jüngsten Gericht wurde ein gnadenloser Vergeltungsprozess. Dieser zog wiederum ein Ablasswesen nach sich, das aufgrund seiner fiskalischen Instrumentalisierung in der Reformationszeit zu Recht zum Stein des Anstoßes wurde.

Übrigens wurde nicht nur der Ablass von Martin Luther verurteilt, sondern ebenso lehnte er die dahinterstehende Fegefeuerlehre ab – und damit verbunden das in katholischer Tradition nach wie vor praktizierte Messopfer für Verstorbene.

Im Ausblick auf das Eschaton gründet die christliche Glaubenshoffnung. Die „letzten Dinge“ eignen sich nicht, um Ängste zu schüren – sondern sind vielmehr Anlass für eine übergroße Vorfreude, verbunden mit der ungeduldigen Bitte, mit der unsere Heilige Schrift schließt: „Amen. Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20)


Verfasst von:

Christoph Böttigheimer

Professor für Fundamentaltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt