Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Interview

„Der Brandner Kaspar berührt uns bis heute“

Bayerns ewige Geschichte von Leben, Tod und List

Foto: Dominik Odenkirchen

Der Brandner Kaspar lässt den Tod alt aussehen – und berührt bis heute die Herzen. Im Interview mit Gemeinde creativ spricht Philipp Stölzl, Regisseur im Münchner Residenztheater über seine aktuelle Inszenierung der bayerischen Kultgeschichte. Warum fasziniert der listige Kaspar seit Generationen? Was erzählt uns das Stück heute über Leben, Tod und die große Sehnsucht nach dem Jenseits? Stölzl gibt Einblicke in seine Regiearbeit, die Gratwanderung zwischen Humor und Tiefe – und verrät, warum der Boandlkramer auch 150 Jahre nach Franz von Kobells Erzählung noch mitten ins Leben trifft.

 

 

Gemeinde creativ: Herr Stölzl, warum faszinieren bayerische Klassiker wie der Brandner Kaspar oder der Münchner im Himmel auch heute noch ein breites Publikum?

Philipp Stölzl: Ich glaube, das hat mit unserem Bedürfnis nach „Heimat“ zu tun, eine Sehnsucht, die wir alle teilen. Es ist sowas wie ein innerer Ort, den wir immer wieder besuchen wollen. Wir finden ihn hier in vertrauten, alten Geschichten, denen wir vielleicht schon in der Kindheit begegnet sind ­– oder auch in der Melodie des Dialekts. Deswegen wollen wir uns diese Geschichten immer wieder erzählen.

Wie wird in diesen Geschichten das Jenseits dargestellt – und was sagt das über die bayerische Mentalität oder das Gottesbild aus?

In Bayern ist das Katholische mit seinen frohgemuten Bildern für das Himmelreich ja allgegenwärtig, es ist einfach ein selbstverständlicher Teil unserer Lebenswelt.  Insofern spiegelt der humorvoll erzählte „Weiss-Blaue Himmel“ im „Brandner“ nur diese handfeste Beziehung der Bayern mit dem Metaphysischen. Die Sicht auf den Himmel ist frech, frozelnd und widerspenstig, aber dabei niemals zynisch oder gar gottlos.

Was macht den Humor solcher Stücke so wirksam – gerade wenn es um ernste Themen wie Tod und Ewigkeit geht?

Der Humor ist sicher ein Mittel, um mit unserer Endlichkeit umzugehen. Und ein ernstes Thema wird erzählbarer, wenn man es lustig erzählt. Als Theaterpraktiker kann ich sagen, dass die Mischung aus Ernst, Tragik und Humor am schwierigsten zu kriegen ist, aber wenn es gelingt, ist es die schönste Form von Theater, weil es die Zuschauer durch die ganzen Farben der menschlichen Emotionen geleitet. Man will eigentlich immer lachen und weinen.

Erleben Sie diese Werke auch als eine Form populärer Theologie – als kulturelle Annäherung an letzte Fragen?

Absolut. Die Himmelfahrt des Brandner am Ende des Stücks ist ja ein Angebot, sich ein märchenhaftes Jenseits auszumalen. Das kann tröstlich und vielleicht auch kathartisch sein, auch wenn man nicht im klassisch-kirchlichen Sinne an Gott glaubt.  In vielen Punkten ähnelt das Theater ja der Kirche. Ein Raum, wo wir uns Geschichten erzählen, die im besten Falle etwas mit unserer Seele machen und uns auf irgendeine Art weiterbringen. Und das Katholische hat dazu noch eine Menge Zauberei, Bühnenbildnerei und Illusion zu bieten, eine absolut theatralische Variante des Christentums, deswegen ist es mir – völlig unabhängig von meiner eigenen, katholischen Jugend – als Theatermacher so nah.   

Was können Kirche, Medien oder Bildung aus dem Erfolg solcher Geschichten lernen, wenn es um die heutige Auseinandersetzung mit dem Jenseits geht?

Da hab ich keinen guten Ratschlag, das käme mir vermessen vor.

Vielen Dank für das Interview!

 

Philipp Stölzl (*1967, München) ist Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Seine Laufbahn begann als Assistent an den Münchner Kammerspielen, er machte sich einen Namen mit Musikvideos (u. a. für Rammstein) und Filmen („Nordwand“, „Der Medicus“). Seit Beginn der 2000er inszeniert er auch für Bühne und Oper: u. a. beim Residenztheater München („Das Vermächtnis“, „Gschichtn vom Brandner Kaspar“), bei den Salzburger Festspielen, der Ruhrtriennale und der Staatsoper Berlin – stets mit markanten Bildern, musisch-poetischem Gespür und internationaler Anerkennung.


An seinem 70. Geburtstag wird der Tod (Boandlkramer) den Brandner Kaspar ins Paradies holen. Der gewitzte Jäger weiß aber den ungebetenen Gast zu überlisten. Foto: ALAMY

Franz von Kobell

Die G´schicht´ von´ Brandner-Kasper – Zusammenfassung der Originalgeschichte

Der kaschierte Kasper, ein rüstiger „Schlosser g’west“ am Tegernsee, führt ein erfülltes Leben: er schneidert, schießt, pflegt seine Familie. Traudl, seine Frau, ist verstorben, die Söhne dienen weit weg – dennoch lebt er als „fleißiger braver Mo‘ … lusti‘ und schneidi“ und genießt das Jagen in vollen Zügen.

Eines Abends klopft jemand an seine Tür – der Tod, der „Boanlkramer“, eine „kalte, dürr’ Gestalt“. Kasper reagiert wie gewohnt:

„Was geit’s, was willst?“

„Kasper, i’ bi’ der Boanlkramer und ho’ di’ frag’n woll’n, ob d’ nit ebba mit mir geh’ willst?“.

Während der Boanlkramer versucht, ihn zu holen, lädt Kasper ihn auf einen „Glaasl Kersch’ngeist“ und ein paar „Kirternudl“ ein – ein unerwarteter, herzlicher Akt, denn:

„… Du schaugst ja so elendi’ aus und sper, daß Dir a’ Glaasl g'wiß guat thoa’ werd’ …“ .

Betrunken vom Geist, spielt der Tod Karten gegen ihn. Kasper trickst ihn aus, klaut ihm heimlich den entscheidenden Gras-Ober und gewinnt:

„Wia is der Fall – wenn der Grasober in mein’ Häuferl ho’, so derfst ma’ nimmer kemma, bis i’ 90 Jahr alt bi‘.“ .

Im Tiroler Krieg sterben seine Söhne („seini Süh‘ … hat's aa’ d’erwischt“) – der alte Kasper wird traurig und vergeht sich in seinen Gedanken. Doch die List wird aufgedeckt, als eine Sennerinn beim Tod eintrifft und berichtet, dass der Kasper durch Karten mit dem Tod „verzählt“ hätte:

„… der Kasper hätt’ amal mi’n Boanlkramer ‘kart’ und hätt’ der verspielt und derfet’n der’ntweg’n vor sein’ neunzigst’n Jahr nit furtnehma vo’ der Welt.“ .

Daraufhin schickt Petrus den Boanlkramer erneut zum Tegernsee mit deutlicher Ansage.

Der Boanlkramer muss handeln: er besucht den Kasper und verkündet, dass es Zeit sei. Doch er macht ihm einen letzten Vorschlag: einmal ins Paradies zu schauen, danach müsse er zurück.

Kasper willigt ein, überzeugt von seinem Alter und Neugier:

„… i’ fahr’ mit und Du bringst mi’ wieder her!“ .

In dramatischen Szenen durch Wolken und Gewitter gelangen sie zum goldenen Tor. Dort erlebt Kasper eine herzergreifende Wiedersehensfeier mit Traudl, Toni und Girgl. Und dann kommt es zum Dialog mit dem Engel:

„Kasper, der Boanlkramer laßt Enk sag’n, er fahret jetz’ wieder abi, ob’s mitfahrts?“

„Na’, lieb’s Bübi … i’ bleib’ da und will nix mehr wiss’n vo’ der Welt d’runt‘ …“ .

 

Kurz: Franz von Kobell erschafft mit seinem Kasper einen listigen, warmherzigen bayerischen Mann, der dem Tod nicht kampflos weicht. Mit einer Mischung aus Humor, Gemütlichkeit und Cleverness entführt er den Tod in ein Kartenspiel, gewinnt Zeit und schließlich einen Blick ins Paradies. Doch statt zur Erde zurückzukehren, bleibt Kasper – von der himmlischen Versöhnung überwältigt – für immer oben. Die Geschichte endet mit dem starken Wunsch des Alten:

„… i’ bleib’ da und will nix mehr wiss’n vo’ der Welt d’runt’ …“ (hb)

 

Quellen und Kontext:

Franz von Kobell veröffentlichte diese Erzählung 1871 in den „Fliegenden Blättern“. Sie gilt als Paradebeispiel oberbayerischer Mundart-Literatur und wurde mehrfach als Theaterstück und Film adaptiert – u. a. vom Boandlkramer-Drama (1949) und der Bühnenfassung Kurt Wilhelms (1975).


Verfasst von:

Hannes Bräutigam

Redaktionsleiter