Das Magazin für engagierte Katholiken

Ausgabe: September-Oktober 2025

Schwerpunkt

Halbierung des Liebens

In Werken der Liebe und der Barmherzigkeit werden Himmel und Erde zusammengehalten. Aber nicht, um in den Himmel zu kommen, wie früher gelehrt, sondern den Himmel auf Erden erfahrbar zu machen. Foto: SVETLANA / Adobe stock

Was Himmel und Erde zusammenhält

Was bedeutet es, Gott und den Nächsten zu lieben – hier und heute? Eine Erinnerung an den alten Katechismus entfaltet ein Plädoyer für eine ungeteilte Liebe, die Himmel und Erde zusammenhält.

Gerade war ich eingeschult worden. Da erhielt ich meinen ersten schulischen Religionsunterricht. Wir lernten nach dem damaligen Kleinen Katechismus des katholischen Glaubens. Dieser bestand aus Fragen und Antworten. Wir mussten diese als Kinder auswendig lernen. Also nicht mit dem Herzen, mit dem allein man gut sieht; nicht par cœur, wie die Französinnen und Franzosen sich weise ausdrücken.

Die erste Frage lautete: „Wozu sind wir auf Erden?“ Eine lebenskluge und spirituell tiefreichende Frage, die letztlich auch heute niemanden kaltlässt. Und wir Kinder sagten im Chor auf: „Wir sind auf Erden, 1) um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen 2) und dadurch in den Himmel zu kommen.“

Einseitige Antwort?

Diese Katechismuslehre enthält fraglos viel Gewichtiges. Sie schwingt mit der Ahnung des Kirchenlehrers Augustinus zusammen, dass unser Herz nicht in dieser Welt, sondern erst in Gott zur Ruhe kommt. Die Tempelsänger in Israel besangen in ihren Liedern, dass unsere Seele nach Gott dürstet wie dürres und lechzendes Land ohne Wasser (Psalm 63). Vielleicht haben wir alle einen Migrationshintergrund, weil wir Paradiesesvertriebene sind und eine Sehnsucht nach dieser eigentlichen Heimat haben, die im Himmel ist (Phil 3,20).

Gefragt nach dem größten Gebot in Israel, antwortet daher Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.“ Dann aber fügt er nahtlos an: „Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,36–38) Jesus erkannte offenbar: Entweder bist du ein liebender Mensch – dann liebst du sowohl Gott als auch die Nächsten aus ganzem Herzen. Denn du kannst nicht halbiert lieben. Wer den Nächsten nicht liebt, ist keine Liebende, kein Liebender und liebt folglich auch Gott nicht (1 Joh 4,20).

So gesehen ist die Antwort auf die Frage, wozu wir auf Erden sind, zwar richtig, aber nur halb. Diese Halbheit des Katechismus meiner Kindheit zieht sich in den zweiten Antwortteil durch: „um in den Himmel zu kommen“. Jesuanischer wäre: Wir sind auch auf Erden, um unteilbar Gott und den Nächsten zu lieben. Immer. Jetzt und einst. Dann sind wir auch jetzt schon im Himmel.

Christentum als Evakuierung?

Richard Rohr, Franziskanermystiker aus New Mexico, bringt diese Halbierung auf den Punkt: Viele hätten das Christentum verstanden als evacuation enterprise into the next world – ein Evakuierungsunternehmen in die andere Welt, die wir Himmel nennen. Die Menschen wurden in ihrem irdischen Jammertal auf den Himmel vertröstet: Das allerdings überbieten viele Heutige, weil ihnen das Jenseits verschlossen erscheint und sie sich deshalb auf das Diesseits vertrösten.

Das Christentum hat für diese Halbierung des Liebens einen hohen Preis bezahlt. Karl Marx hat ihm vorgeworfen, mit seiner Lehre die gläubigen Menschen daran zu hindern, gegen das Unrecht aufzutreten, das insbesondere in der jungen Industrie Arbeitende erlitten. In ihrem Elend habe man die Menschen gleichsam durch das Opiat der Religion ruhiggestellt und ihren Willen für einen Kampf um eine gerechtere Welt vertröstend gebrochen. Marx hätte, vertraut mit der jüdischen Tradition, vielleicht die Katechismusantwort umformuliert: Wir sind auf Erden, damit die Welt gerechter wird, menschlicher also. Genau dazu müsste Gottesliebe anstacheln.

Die große Umkehrung

Während meines Theologiestudiums fiel mir eine Kunstkarte in die Hände. Darauf stand ein Spruch des Aachener Bischofs Klaus Hemmerle (1929–1994): „Wir Christinnen und Christen sind nicht auf Erden, um einst in den Himmel zu kommen, sondern dass der Himmel schon jetzt zu uns kommt.“ Diese Aussage ließ mich einen Gott erahnen, der nicht nur um unser ewiges Heil besorgt ist, sondern ebenso um seine Welt, der er – wie einst Israel (Joël 2,18) – leidenschaftlich zugetan ist. Sie liegt ihm buchstäblich so sehr am Herzen, dass er sich in Jesus von Nazaret, einer von uns werdend, einmischte.

Genau das betrachtete Jesus als seine Mission: das Reich der Himmel, das Reich Gottes, sollte auf die Erde kommen. Gott ernst zu nehmen hieße, für eine reich-gottes-förmige Welt zu kämpfen. Deshalb lehrte Jesus seine Jünger auch nicht zu beten: Lass uns in Gottes Reich kommen, sondern: „Dein Reich komme“. In Spuren wenigstens, ansatzhaft.

In der Liturgie des Christkönigsfests wird dieses Reich Gottes besungen als „das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens“. Das sind alles Himmelsgeschenke an die Menschenwelt – „wie im Himmel, so auf Erden“.
Als mich einmal Abiturientinnen im Radiokulturhaus in Wien fragten: „Wozu brauchen Sie Gott?“, antwortete ich kurzerhand: „Ich brauche Gott nicht. Er ist zu nichts zu gebrauchen!“ Gott lässt sich nicht auf den Nutzen für uns reduzieren, so sehr wir gerade heute danach fragen und dazu aufwändige Forschungen leisten. Es ist mit Gott wie mit der Rose: A rose is a rose is a rose (Gertrude Stein, Emily). Gott ist einfach dazu da, ihn mit dankbarem Herzen zu bestaunen oder stumm im unermesslichen Leid zu ertragen.

Vielleicht versteckt sich Gott heute, da uns die altehrwürdigen Bilder abhandengekommen sind, in great love and great suffering – in großer Liebe und großem Leid (Richard Rohr) – oder in den russischen Soldaten im sinnlosen Ukrainekrieg, wie Rabbi Jonathan Wittenberg aus London vermutete. Natürlich bleibt die dunkle Frage, die Jesus am Kreuz herausschrie: Gott, warum hast du mich verlassen? Das war für ihn – wie einst schon Ijob – aber kein Grund, von seinem Gott abzulassen.
Ist das einmal gesagt, dann gibt es sichtlich doch manches, was den Reich-Gottes-Sucherinnen und -Suchern dazugegeben, ja geradezu „nachgeworfen“ wird: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6,33). Hier zwei Beispiele, ein persönliches und ein politisches.

Politisch

Den Kirchen, die Jesus nachspüren, damit es auch heute in der Welt reich-gottes-förmiger zugeht, werfen derzeit manche vor, sie würden nicht mehr ihr Kerngeschäft betreiben, sondern sich vielmehr ins Politische verirren. Dabei wird zumeist nicht abgeklärt, was jeweils „politisch“ meint. Für mich bedeutet politisch: sich stark machen für das Gemeinwohl – lokal wie global. Deshalb stehe ich auf für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Solche Politik ist mehr als Parteipolitik.

Gerade die Religionen tragen dazu bei, wie die großen Schreiben des Jahrhundertpapstes Franziskus über den Klimanotstand (Laudato sì, 2015) und die entgrenzte Solidarität (Fratelli tutti, 2020) zeigen. Die Kirchen sind keine politischen Parteien, aber politisch parteilich. Warum sonst erzählt die Gründungsgeschichte Israels, dass ein hochpolitischer Gott Auge und Ohr ist für das Leid der Unterdrückten (Ex 3,7–10)?

Voll Erbarmen

Viel „nachgeworfen“ wird den Liebenden. Ihnen hat der Jesuit Roman Bleistein ins Stammbuch geschrieben: „Wer liebt, sucht im Letzten einen Gott, der ihn so erfüllt, dass weder Maß noch Grenze vorhanden sind: also Ewigkeit, Unendlichkeit. Welcher Mensch kann dafür einstehen? Die erste Tugend der Liebe heißt Erbarmen. In ihm vergebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“

Geschenkt: Manche Paare unterfordern einander in der Liebe. Aber könnte es nicht öfter vorkommen, als wir wahrnehmen, dass Liebende einander überfordern? Weil sie die unstillbare Herzenssehnsucht nach Gott – in einer Kultur, die im Lärm der Welt derart gotttaub geworden ist, dass sie die leise Musik Gottes nicht mehr hört (Benedikt XVI., 2008) – nicht mehr auf Gott richten, sondern auf den geliebten Menschen? Erbarmungslos, wie der Jesuit Bleistein befürchtet?

Es gilt also auch und gerade in der Liebe, Himmel und Erde, das maßlos Göttliche und das maßvoll Menschliche zusammenzuhalten. Wer sein Herz an Gott und dessen maßlose Sehnsucht festmacht, kann vielleicht eher den Menschen neben sich respektvoll lieben – mit dessen Halbheiten, seinem redlichen Bemühen, seiner Schuld, in einer unaufbrauchbaren Bereitschaft zur Versöhnung. Und das alles, weil er, weil sie nicht „mein Gott“ sein muss.


Verfasst von:

Paul M. Zulehner

Professor em. für Pastoraltheologie