Ausgabe: September-Oktober 2025
Katholisch in Bayern und der Welt„Hoffentlich gibt’s da oben Currywurst und Kuchen“
Bei sterbenden Menschen lernen wir das meiste über das Leben
Gesundheitsclowns erzählen aus ihrer Arbeit mit sterbenden Menschen: von berührenden Momenten, kleinen Wundern, ehrlichen Gesprächen – und der Kunst, mit Humor und Feingefühl das Leben bis zuletzt zu begleiten.
Hoffentlich gibt’s da oben Currywurst und Kuchen“, sagte Hildchen, die 103-jährige Dame plötzlich, obwohl sie so lange nicht mehr gesprochen hatte. Wir befanden uns auf der Demenzstation, wo wir Gesundheitsclowns – wie jede Woche – Freitagvormittag an ihrem Bett standen.
Ein Gänsehautmoment im besten Sinn. Und plötzlich wussten wir auch, wie unser Buch heißen soll, mit all den kleinen Geschichten zu den Begegnungen, die wir jeden Tag erleben dürfen.
Ja, Sie haben richtig gelesen: jeden Tag, denn wir sind hauptberufliche Clowns. Nicht, wie man es vielleicht kennt, vom Zirkus oder von Kinderstationen.
Begegnungsclowns: Humor für Erwachsene
Wir sind Begegnungsclowns – haben uns den Erwachsenen verschrieben, gehen auf Palliativ- und Demenzstationen, in Hospize und Senioreneinrichtungen.
Als wir nach einem Urlaub wieder zu Hildchen kamen und mit Erstaunen feststellten, dass sie immer noch da ist, sagte sie trocken: „Ja, das himmlische Wartezimmer war voll.“
Neugier aufs Jenseits
Das Thema Jenseits spielt bei unseren Einsätzen eine große Rolle. So oft erleben wir dieses Geschenk, teilhaben zu dürfen an den Gedanken und den Gefühlen der Menschen, die am Lebensende stehen.
Manche sind regelrecht neugierig auf das Unbekannte, können es kaum erwarten, dass der liebe Gott sie holt oder sie vielleicht eine Idee davon bekommen, was nach dem Tod kommt.
Eine Dame im Hospiz wartete schon lange verzweifelt darauf. Wir Clowns besuchten sie alle zwei Wochen und hatten immer wieder neue Ideen im Gepäck, wie wir sie in den Himmel befördern könnten: Wir schrieben einen Brief an den lieben Gott, mit der Frage, ob er sie vielleicht aus Versehen vergessen hat – kann ja jedem einmal passieren.
Beim nächsten Besuch brachten wir ein großes, flexibles Gummiband mit, in das wir sie einwickeln wollten, um sie in den Himmel zu katapultieren. Hat leider nicht funktioniert.
Und als wir dann nach zwei Wochen wieder zu ihr ins Zimmer kamen, begrüßte sie uns mit einem verzweifelten: „Ich bin immer noch da!“
So ging das noch eine ganze Weile, bis sie dann endlich erhört wurde und gehen durfte.
Humor, der Brücken baut
Ein wunderbarer alter Herr im Seniorenheim erzählte uns, dass er beim Sterben schon dabei sein möchte: „Da mag ich nicht schlafen – schließlich erlebt man das ja nur einmal im Leben.“
Eine vornehme Frau gab uns zu verstehen, dass es an der Zeit sei zu sterben. Sofort griffen wir zum Telefon und bestellten beim Herrgott eine Wolke mit allem Komfort. Sie aber seufzte bescheiden: „Ach was, mir reicht ein einfacher Stuhl.“
So manche Seniorinnen und Senioren haben wir schon vertrösten müssen: „Der himmlische Immobilienmarkt ist gerade ziemlich ausgelastet – kein Wölkchen mehr frei, Sie müssen sich vermutlich noch eine Weile gedulden.“
Oder Charlotte, die unglaublich fitte 95-Jährige, die eines Tages mit Clown Liesel alle Möglichkeiten des Sterbens auf ein Blatt Papier schrieb. Punkt für Punkt, fein säuberlich, mit allen Für und Wider. Um am Ende zu beschließen, doch noch ein wenig auf Erden zu bleiben – alles andere mache doch eine ziemliche Sauerei.
Über das Sterben reden
So unterschiedlich die Sichtweisen und Wünsche der Menschen in Bezug auf das Sterben auch sind – eines haben sie gemeinsam: Ein Mensch, der im Sterben liegt, weiß, was mit ihm geschieht. Und er möchte nicht hören: „Das wird schon wieder. Du wirst wieder gesund. Du stirbst nicht.“ Es passiert immer wieder, dass verzweifelten Angehörigen so etwas herausrutscht. Verständlich, da sie einfach nicht loslassen möchten – und können.
Wir Clowns wollen ermutigen, ehrliche Gespräche zuzulassen, da wir jeden Tag merken, wie wichtig diese für die Menschen sind. Gerade wenn Ängste da sind, tut es gut, diese mit jemandem zu teilen. Oft aber erleben wir das Gegenteil, nämlich dass Sterben als selbstverständlicher Teil des Lebens angesehen wird.
Wenn alles geregelt ist
So besuchten wir eine tatkräftige, aber dennoch schwerkranke Frau im Hospiz. Als wir ins Zimmer kamen, lag vor ihr auf dem Tisch ein Stapel Papiere, sie selbst war geschäftig am Telefon und organisierte alles für ihre Beerdigung. Uns staunenden Clowns drückte sie vier dicht beschriebene Seiten in die Hand und flüsterte uns zu, wir sollten die mal lesen, das sei ihre Grabrede – und ob die so in Ordnung sei.
Folgsam setzten wir uns aufs Sofa und lasen ihre selbst verfasste Grabrede, in der sie so ehrlich mit sich selbst ins Gericht ging, dass einem fast schwindelig wurde. Beim nächsten Besuch stellten wir noch gemeinsam mit ihr und ihren Freundinnen die Lieder für die Trauerfeier zusammen und sangen sie schon mal zur Probe. Als schließlich alles erledigt war, starb sie ohne Umschweife.
Trauer als Tabu?
Manchmal, wenn wir im privaten Umfeld von diesen Erlebnissen erzählen, spüren wir, wie die Stimmung kippt und die Leute schnell versuchen, auf andere Themen zu kommen. Eigenartig, da das Sterben uns ja wirklich alle angeht. Trotzdem ist es so ein großes Tabu. Fast so, als hätten die Menschen Angst, dass, wenn man darüber spricht, es einen schneller erwischen würde.
Auch die Versäumnisse, Dinge, die bereut werden, kommen zur Sprache. Manch einer findet kurz vor dem Tod noch zum Glauben. Andere fangen gerade jetzt an zu zweifeln. Manchmal findet auch kurz vor knapp noch eine Versöhnung statt, was für uns sehr berührend und für den Sterbenden sowie die Hinterbliebenen unendlich heilsam ist.
Kindliche Vorstellungskraft
Das alles darf da sein. Und wenn man mit Kindern spricht, die gerade jemanden aus der Familie verloren haben, merkt man, wie es ihnen in ihrer Trauer hilft, sich konkret Dinge vorzustellen: zum Beispiel, dass der verstorbene Opa jetzt im Himmel endlich wieder mit der Oma zusammen ist und die beiden von oben auf einen aufpassen und manchmal sogar eine kleine Botschaft schicken – in Form eines Regenbogens oder eines besonders schönen Schmetterlings.
Wir Clowns sind natürlich auch wahnsinnig neugierig auf das Jenseits. So baten wir kürzlich einen Herrn, den wir im Hospiz viele Monate begleiten durften, bei unserem letzten Besuch, er solle uns doch bitte einen Brief aus dem Himmel schreiben und uns genau erzählen, wie es dort ist und was uns dort erwartet. Er versprach es und starb wenige Zeit später. Der Brief ist bisher noch nicht angekommen, aber wer weiß, wie lange die himmlische Post braucht und ob die da oben nicht auch Personalmangel haben.
Eine vielleicht etwas naive oder kindliche Vorstellungskraft hilft uns Clowns beim Abschiednehmen. Auch haben wir uns schon vorgestellt, dass unsere liebgewonnenen, verstorbenen Seniorinnen und Senioren jetzt da oben zusammen an einer großen Tafel sitzen, die leckersten Sachen essen und ganz viel Unsinn machen.
„Hoffentlich gibt’s da oben Currywurst und Kuchen.“ Die 103-jährige Dame namens Hildchen hat inzwischen herausgefunden, ob es so ist. Andere wünschen sich eher Maultaschen oder Rouladen. Oder einfach nur das Wiedersehen mit ihren Liebsten, die schon vorausgegangen sind.
Eine Antwort können natürlich auch wir Clowns nicht geben – wir wissen nicht, was kommt, können uns auch nur die tollsten Dinge vorstellen, wünschen und erträumen. Vielleicht ist auch die Frage nach dem Jenseits nicht unbedingt wichtiger als die Frage, wie wir im Diesseits damit umgehen.
Literaturangabe
Jantz, Katrin, Münch, Hanna (2024), Hoffentlich gibt’s da oben Currywurst und Kuchen. 176 Seiten, Taschenbuch, Bonifatius, 18 EUR.