Ausgabe: September-Oktober 2025
SchwerpunktUnbändige Sehnsucht nach Veränderung
Apokalyptische Texte in der Bibel
Apokalyptische Texte in der Bibel erzählen von Gewalt, Unterdrückung und Endzeitkämpfen – und eröffnen zugleich Visionen eines heilen Miteinanders. Was diese Texte damals wie heute bedeuten können.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie an das Zeitgeschehen mit all den Krisen und Kriegen und der nicht enden wollenden Gewalt denken, die nichts als Tod und Zerstörung bringt und verletzte, zerbrochene, traumatisierte oder auch radikalisierte Menschen hinterlässt? Oder wenn Sie an die Klimakatastrophe denken und sehen, dass sich viel zu wenig ändert, um die Katastrophe noch abzuwenden? Oder wenn Sie an all die schreienden Ungerechtigkeiten denken, an Fake News, Manipulation und Unvernunft, an Hass und Menschenverachtung im Netz, an skrupellose Machthaber, die dabei sind, die Welt in den Abgrund zu reißen? Beschleicht Sie angesichts all dessen bisweilen die Sehnsucht danach, dass jemand all dem Einhalt gebieten und die Welt neu sortieren möge, damit alles neu und gut werden kann?
Apokalyptische Schriften innerhalb und außerhalb der Bibel
Mit einer solchen Sehnsucht wären Sie nicht weit weg vom apokalyptischen Denken, das in biblischen und außerbiblischen jüdischen Texten seinen Niederschlag gefunden hat. Seit etwa 200 v. Chr. sind solche apokalyptischen Schriften entstanden, zum Beispiel Texte, die heute im äthiopischen Henochbuch erhalten sind (äthHen), ein Baruchbuch, das heute in einer syrischen Übersetzung vorliegt (syrBar), das Vierte Buch Esra oder das Buch der Jubiläen. Eingang in den alttestamentlichen Kanon hat allerdings nur das Buch Daniel als apokalyptische Schrift gefunden. Doch gibt es apokalyptisch geprägte Abschnitte auch in anderen biblischen Büchern wie Jesaja, Ezechiel und Sacharja und natürlich im Neuen Testament. Hier ist vermutlich die Offenbarung des Johannes die bekannteste Schrift, die ihren Platz am Schluss des neutestamentlichen Kanons gefunden hat. Doch auch die Evangelien enthalten apokalyptische Abschnitte wie beispielsweise die Endzeitrede Jesu (Mk 13).
Wie kommt es zu apokalyptischer Literatur?
Auslöser für diese Art der Literaturproduktion waren nicht einfach Neugier oder Spekulationen um die Zukunft. Vielmehr wurde die eigene Gegenwart als so gewaltvoll und aussichtslos erfahren, dass eine Wende nur noch von Gott selbst erwartet werden konnte.
Bedeutsame Wurzeln apokalyptischer Literatur liegen in bedrängenden Erfahrungen toratreuer jüdischer Kreise unter den Fremdherrschaften der Seleukiden (seit ca. 200 v. Chr.) und später der Römer (seit 63 v. Chr.), ebenso aber unter der Herrschaft der jüdischen Hasmonäer (141–63 v. Chr.), die mit ihrer Hellenisierungspolitik als ebenso „widergöttlich“ empfunden wurden wie die fremden Herrscher.
Es sind also Schriften, in denen sich die Hoffnungsphantasien derjenigen jüdischen Kreise niederschlugen, die sich ihrer politischen, kulturellen und religiösen Selbstbestimmung beraubt und wegen ihres Glaubens massiver Gewalt bis hin zum Martyrium ausgesetzt sahen und auf diese Weise eine Beendigung dieser Schrecken durch Gott selbst herbeisehnten.
Kennzeichen apokalyptischer Literatur
Das griechische Wort apokalypsis heißt eigentlich „Enthüllung“. Und genau darum geht es: um Enthüllungen, Offenbarungen. Typisch für apokalyptische Literatur sind Ausblicke in die erwartete nähere oder fernere Zukunft, oft verbunden mit Einblicken in jenseitige Welten und in Geschehen kosmischen Ausmaßes. Meist mündet dies in einem Abbruch der Geschichte, und dieses Ende allen Bestehenden wird von Gott selbst herbeigeführt.
Zumeist sind die Ereignisse der Endzeit begleitet von gewaltigen endzeitlichen Kämpfen zwischen göttlichen und widergöttlichen Mächten, aus denen schließlich Gott selbst siegreich hervorgeht. Gott selbst überwindet das Böse ein für alle Mal und tritt schließlich zu einem großen Gericht an.
In den apokalyptischen Schriften wird dieses Wissen um die zukünftigen Ereignisse oft großen Gestalten der Vergangenheit wie Henoch, Baruch oder eben dem Seher Johannes zugeschrieben, die dieses Wissen in Visionen, Traumreisen oder anderen Offenbarungen erhalten und es nun als Geheimwissen den Auserwählten mitteilen. Typisch sind außerdem eine rätselhafte und mythologisch aufgeladene Bildsprache, die der Deutung bedarf, oft auch Zahlensymboliken, die die Ordnung der geschauten Dinge aufzeigen sollen, sowie Deuteengel oder andere himmlische Figuren, die den Sinn des Geschauten enthüllen.
Die Offenbarung des Johannes
Vieles davon trifft auch auf die Offenbarung des Johannes zu. Dieses Buch ist wahrscheinlich gegen Ende der Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian entstanden, der von 81 bis 96 n. Chr. an der Macht war. Die Frage, die den Verfasser umtreibt, ist, wie weit sich christusgläubige Menschen auf das römische Herrschaftssystem einlassen sollen. Zweifellos hatte es klare Vorteile, wenn man mitmachte. Man konnte unbehelligt leben und profitierte von sozialen und wirtschaftlichen Netzwerken. Der Seher hatte aber auch die Kehrseite der Macht vor Augen: Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit, alles schöngeredet von einer allgegenwärtigen Propaganda, und vor allem: gestützt von der Verehrung nicht nur der traditionellen römischen Gottheiten, sondern auch des Kaisers.
Für manche Mitglieder der christusgläubigen Gemeinden scheinen die Vorteile eines Lebens im Einklang mit den gesellschaftlichen Anforderungen überwogen zu haben, so dass sie sich mit manchem arrangierten und versuchten, ihrem Christusglauben trotzdem treu zu bleiben. Unser Verfasser lehnt einen solchen Weg strikt ab und spart nicht mit scharfer Kritik gegen diejenigen, die in seiner Sicht der Faszination des Imperiums, der „Hure Babylon“, erlegen sind.
Daher ruft er die angesprochenen sieben Gemeinden auf, sich fernzuhalten von diesen Machenschaften, die er letztlich auf die widergöttliche Macht des Satans und seiner Helfershelfer zurückführt. Diese böse Macht aber, so verführerisch sie auch daherkommt, wird, so ist er überzeugt, keinen Bestand haben. Und so beschreibt er in dramatischen apokalyptischen Visionen, wie Gott selbst das Ende der römischen Macht herbeiführen und einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, das neue Jerusalem, in dem all die tödlichen und Leid bringenden Mechanismen der gegenwärtigen Zeit ihre Macht verloren haben werden.
Noch aber tobt der Kampf, in den die Menschen hineinverwickelt werden und von dessen Auswirkungen sie auf schreckliche Weise betroffen sind. Für die Glaubenden werden auf diese Weise die Bedrängnisse und Schwierigkeiten der eigenen Zeit interpretierbar als Teil dieser endzeitlichen Kämpfe. Sie bringen zwar auch Leid und Schmerz für die Glaubenden; doch wird gleichzeitig deutlich, dass diejenigen, die dem Messias Jesus die Treue halten, am Ende gerettet werden.
Die Botschaft der apokalyptischen Schriften
Apokalyptische Schriften sind Ausdruck einer unbändigen Sehnsucht nach Veränderung einer als unerträglich erfahrenen Gegenwart. Die schrecklichen Bilder sind weder Drohungen, die Menschen kleinmachen wollen, noch sind die heilvollen Visionen einfach Vertröstungen auf ein schöneres „Später“. Vielmehr spiegelt sich die unheilvolle Gegenwart in den schrecklichen Bildern, so dass sichtbar wird, was alles nicht gut ist. Und die Visionen einer heilvollen Zukunft werden zu Orientierungsmarken, die in die Gegenwart hineinleuchten. Sie zeigen, wie es eigentlich zugehen könnte unter den Menschen: so, wie ein gutes Leben für alle von Gott her gedacht ist. Solche Visionen stärken die Widerstandskraft gegen alles, was Menschen heute nicht leben lässt, und sie nähren die Hoffnung, dass es sich lohnt, auf eine lebenswerte Zukunft hinzuarbeiten.
Verfasst von:
Sabine Bieberstein
Professorin für Neues Testament und Biblische Didaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt